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Mission Chang’e 4 : Hinterm Mond geht’s weiter

Die Sonde hat bereits ein Foto zur Erde geschickt. Bild: AP

Erstmals landet eine Raumsonde auf der Rückseite unseres Erdtrabanten. Für China steht die Mission auch politisch für eine Zeitenwende.

          5 Min.

          „Um es ganz offen zu sagen: Wir waren schon dort. Auch Buzz war dort. Es gibt sehr viel mehr Weltall zu erkunden.“ Mit diesen Worten hatte sich der amerikanische Präsident Barack Obama im Jahr 2010 gegen weitere Mondmissionen ausgesprochen. Missionen zu unserem Erdbegleiter üben allerdings nach wie vor eine große Faszination aus, wie die Landung der chinesischen Mondsonde Chang’e 4 auf der von der Erde abgewandten Seite des Mondes zeigt.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Am frühen Donnerstagmorgen um 3.26 Uhr war das anspruchsvolle Manöver gelungen, das im Funkschatten zur Erde nur eine indirekte Kommunikation anhand eines Übertragungssatelliten erlaubte. Der Übertragungssatellit war eigens im Mai vergangenen Jahres ins All gebracht worden war. Er ist 65 000 Kilometer vom Mond entfernt und trägt den Namen „Brücke der Elstern“, die der Legende nach zwei durch die Milchstraße getrennten Liebenden einmal im Jahr eine Zusammenkunft ermöglicht. Die unbemannte Raumsonde Chang’e 4, benannt nach einer Mondgöttin der chinesischen Mythologie, war am 8. Dezember gestartet. Das komplizierte Landemanöver begann nach Angaben der chinesischen Weltraumbehörde elf Minuten vor dem Aufsetzen in einer Höhe von 15 Kilometern über der Mondoberfläche. Zuletzt habe das Raumfahrzeug eine Weile in 100 Metern Höhe verharrt, um die Oberfläche nach Unebenheiten abzusuchen und eine Kollision zu vermeiden. Etwa 14 Minuten nach der Landung habe eine Kamera von der Raumsonde erstmals Nahaufnahmen der „dunklen Seite“ des Mondes gemacht, die so genannt wird, obwohl es auch hier Sonneneinstrahlung gibt.

          Das Roboterfahrzeug „Jadehase 2“  rollt  von der Landesonde „Chan’e 4“  (Mondfee) und hinterlässt erste Spuren auf dem Mond.

          Die 1,2 Tonnen schwere Raumsonde landete nach Angaben der chinesischen Raumfahrtbehörde im Von-Karman-Krater, benannt nach dem ungarisch-amerikanisch Raumfahrtingeneur Theodore von Kármán. Das war vermutlich kein Zufall, denn von Kármán war der Doktorvater von Qian Xuesen, dessen Arbeiten für das chinesische Atom-, Raketen- und Weltraumprogramm von großer Bedeutung waren. Der Krater befindet sich im Südpol-Aitken-Becken, dem größten, tiefsten und ältesten Einschlagkrater auf dem Mond.

          Späte Erforschung der Rückseite des Mondes

          Chang’e 4 wird nun eine Region des Mondes erforschen, auf der „wir“ tatsächlich bislang nie waren. Die Rückseite des Mondes, den die Gezeitenreibung in seiner Bewegung um die Erde so ausgerichtet hat, dass er uns immer die gleiche Seite zuwendet, war der Erforschung durch den Menschen lange grundsätzlich entzogen. Erst die sowjetische Lunik-3 Mission schickte 1959 erste Bilder von der erdabgewandten Seite, die, anders als die uns bekannte Seite, fast keine Maria aufweist. Diese dunklen Flecken sind Tiefebenen des Mondes, die als „Mondgesicht“ die menschliche Phantasie seit jeher anregen. Stattdessen ist die Rückseite von zahlreichen Einschlagskratern überzogen, die aber die Mondkruste nicht durchbrechen konnten. Anders als die Maria konnten sie sich daher nicht mit flüssigem Gestein füllen. Der Grund für diese Asymmetrie zwischen lunarer Vorder- und Rückseite ist, dass die Kruste auf der erdnahen Seite wesentlich dünner ist. Auch dies ist ein Effekt der zwischen Mond und Erde wirkenden Gezeitenkräfte.

          Simulation der chinesischen Sonde auf dem Mond

          Mit der gelungenen Landung hat China die technologische Leistungsfähigkeit seines Raumfahrtprogramms unter Beweis gestellt. Chang’e 4 konnte dabei sowohl technisch als auch hinsichtlich seiner wissenschaftlichen Ziele auf Erfahrungen und Studien seiner Vorgängermission Chang’e 3 zurückgreifen, die im Dezember 2013 im Mare Imbrium auf dem Mond gelandet war. Der Chefingenieur des chinesischen Mondprogramms sprach nun von einem „wichtigen Meilenstein für Chinas Weltraumforschung“, die „Volkszeitung“ nannte es „einen Beitrag des chinesischen Volkes für die Menschheit“. Zahlreiche internationale Weltraumforscher beglückwünschten China zu der erfolgreichen Landung, die ein weiterer Beleg für die rasch wachsende Leistungsfähigkeit der chinesischen Raumfahrt sei. Im vergangenen Jahr gab es in China erstmals mehr Raketenstarts als in jedem anderen Land: acht mehr als in den Vereinigten Staaten und 19 mehr als in Russland. Im Jahr 2022 will China seine eigene bemannte internationale Raumstation präsentieren.

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