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Leben auf der ISS : Gibt es da oben einen Putzplan, Herr Reiter?

  • -Aktualisiert am

Thomas Reiter war 2006 für ein halbes Jahr an Bord der ISS. Bild: dpa

Alexander Gerst ist heute zur ISS gestartet. Sechs Monate lang wird er dort mit seinen Kollegen auf engstem Raum wohnen und arbeiten. Thomas Reiter war schon auf der Raumstation und erzählt vom WG-Leben im All.

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          Thomas Reiter flog zweimal ins All und verbrachte mehr Zeit im Weltraum als jeder andere Europäer. Für 350 Tage, 55 Stunden und 40 Minuten war er getrennt von Familie und Freunden, von allem Bekannten – lebte nur mit seinen Kollegen auf engstem Raum im All. Reiter, 60, kann erzählen, was dieser Kontrast mit einem Menschen macht. Es war 1995, als er zur russischen Raumstation MIR flog, wo er als erster Deutscher in den Weltraum ausstieg. 2006 lebte er für ein halbes Jahr auf der internationalen Raumstation ISS. Heute berät Thomas Reiter den Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation ESA.

          Herr Reiter, gibt es auf der ISS einen Putzplan?

          Jeden Samstag stand Putzen auf dem Arbeitsplan. Da mussten alle mitmachen. Es war klar festgelegt, was sauber zu machen ist. Die Oberflächen mussten zum Beispiel desinfiziert und die Luftfilter gereinigt werden. So verging dann immer ein ganzer Vormittag.

          Können wir uns das Zusammenleben im All vorstellen wie in einer WG?

          Auf der Raumstation ist es ähnlich eng wie in einer Studentenbutze. Trotzdem sitzt man nicht die ganze Zeit aufeinander. Es gab Phasen, in denen ich meine Crewmitglieder kaum gesehen habe, weil alle in verschiedenen Modulen der Raumstation beschäftigt waren. Wenn ich dann spätabends endlich mal zur Ruhe kam, schwebte ich gerne vor einem der Fenster, hörte Musik, zum Beispiel Pink Floyd, und genoss den überwältigenden Blick auf die Erde.

          Haben Sie außer Putzen nichts gemeinsam gemacht?

          Die Freizeit ist begrenzt, aber am Freitag- oder Samstagabend ließen wir die Arbeitswoche meistens gemeinsam ausklingen. Wir haben dann einen Film angesehen oder zusammen aus dem Fenster geschaut und sind bei dem Ausblick ins Philosophieren gekommen.

          Worüber haben Sie in solchen Momenten gesprochen?

          Wenn Sie da oben lesen, was auf der Erde gerade so passiert, dann fragen Sie sich: Warum ist es für uns Menschen so schwierig, miteinander auszukommen? Als ich 2006 an Bord der ISS war, gab es einen bewaffneten Konflikt zwischen Israel und Libanon: Wir flogen über den Norden der Sahara, waren hin und weg von dem Anblick, den Farben, und sahen dann plötzlich den Rauch über Beirut. Da wurden wir in die Realität zurückgerissen.

          Fühlt man sich dieser Realität überhaupt noch zugehörig, wenn man 400 Kilometer entfernt von der Erde durchs All fliegt?

          Definitiv, ja. Ich habe mir beim Anblick aus dem Erdorbit nicht etwa gedacht: Jetzt schaut mal, wie ihr da unten zurecht kommt. Wir haben große Probleme auf der Erde, deren Lösungen teilweise nur von Grenzen in unseren Köpfen behindert werden. Aus dem Weltraum betrachtet gibt es keine Landesgrenzen. Es wird einem bewusst, dass wir dringend Lösungen für die wirklich großen Probleme finden müssen, wie Klimaveränderungen und Kriege.

          Waren Sie sich in solchen Gesprächen mit Ihren Kollegen immer einig? An Bord der ISS leben ja auf engem Raum Menschen aus sehr verschiedenen Kulturen.

          Die ISS ist kein Ort, an dem man politische oder religiöse Sichten ausfechtet. Man entwickelt eine Sensibilität für heikle Themen. Meine erste Mission auf der russischen Raumstation MIR war während des Tschetschenien-Konflikts. Da hatten meine beiden russischen Kollegen eine sehr dezidierte Meinung, die sich nicht unbedingt mit meiner gedeckt hat. Darüber haben wir dann einfach nicht gesprochen.

          Wie würde man an Bord einer Raumstation überhaupt streiten? Man kann der Situation ja nicht entfliehen.

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