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: Mit Dampf und Druck gegen die weiße Pracht

  • Aktualisiert am

"Allegra": so heißen die Menschen im rätoromanischen Sprachraum von Graubünden ihre Gäste willkommen. Rund 35000 Bewohner des schweizerischen Kantons pflegen und beherrschen die vom Aussterben bedrohte Sprache.

          "Allegra": so heißen die Menschen im rätoromanischen Sprachraum von Graubünden ihre Gäste willkommen. Rund 35000 Bewohner des schweizerischen Kantons pflegen und beherrschen die vom Aussterben bedrohte Sprache. Bedroht deshalb, weil die ohnehin kleine Zahl der Rätoromanen nochmal in Einzelgruppen zerfällt. Vier unterschiedliche Dialekte gibt es, untereinander stehen sie bei der Verständlichkeit in kaum einer Beziehung. Um so entschlossener sind die nicht eben langsam, aber besonnen und nachhaltig zu Werke gehenden Rätoromanen, wenn das Transportmittel ihrer Volksgruppe im Blickpunkt steht. Die Rätische Bahn, deren Schienen sich im Meter-Abstand über den Albula-Paß oder über die Bernina-Strecke von Sankt Moritz über Pontresina bis ins italienische Tirano schrauben, ist das geliebte und gepflegte Mobilitätssystem des Kantons. Zwar erzielt die Viafier retica 80 Prozent ihrer Einnahmen aus der Beförderung von Touristen, aber die roten Züge, die wie eine Modelleisenbahn tiefe Schluchten und grüne Almen überqueren, sind fast ein Wahrzeichen Graubündens geworden. Damit der Betrieb auch während der strengen Winter reibungslos funktioniert, haben sich die bedächtigen Männer der Rätischen Bahn schon von Anfang an Gedanken um das Räumen der Trasse gemacht. Die historische, solide Technik ist noch heute zuverlässig im Einsatz.

          64,2 Tonnen Eisen, Stahl und Holz schnaufen bedächtig auf schmalem Gleis den Berg hinauf. Dampfend und zischend, windet sich das braune Monstrum durch Kurven mit dem lächerlichen Radius von 45 Metern, bewältigt kühne Steigungen bis zu sieben Prozent. Es stinkt nach Schwefel und die Form ist allein von der Funktion geprägt. Am Bug des Schienengefährts rotiert malmend ein Stahlrad, als wär's direkt aus den bizarren Phantasien des Gruselmeisters Edgar Allan Poe geboren. Gelb lackiert ist es, warnend leuchtet die Farbe in der glitzernd weißen Winterwelt am Bernina-Paß, die Dampfschneeschleuder der Rätischen Bahn ist zwar schon 93 Jahre alt, jedoch wird sie noch heute nicht nur für historische Fahrten, sondern auch für Räumarbeiten auf der 60,6 Kilometer langen Eisenbahnstrecke über die höchste Gleistransversale der Alpen eingesetzt.

          Sie riecht nach Eisen und Öl, die Dampfschneeschleuder mit der Baunummer 2149. Sie ist die letzte von ehemals vier dampfbetriebenen Räummaschinen am Berninapaß, die nach der Inbetriebnahme der Strecke St. Moritz-Tirano am 5. Juli 1910 hier noch betriebsbereit ist. Die Technik, Maße und Gewichte der vier Maschinen wurden exakt auf die Bernina-Strecke zugeschnitten. Die engen Kurvenradien, die überdurchschnittlichen Steigungen, die ohne Zahnrad-Hilfe bewältigt werden müssen, ließen den Konstrukteuren Anfang des vorigen Jahrhunderts keinen großen Spielraum für Experimente. Der höchstzulässige Achsdruck auf der Strecke von knapp acht Tonnen machte ein Fahrwerk aus zwei jeweils dreiachsigen Drehgestellen erforderlich. Sie bieten die größtmögliche Beweglichkeit und sorgen mit dem nötigen Adhäsionsgewicht für genügenden Vortrieb auch beim Schneeräumen. Die Vorzüge des Dampfbetriebs erklärt Eugen Rohner, Leiter der historischen Abteilung bei der Rätischen Bahn, einleuchtend: "Häufig behindern Lawinenabgänge den Linienverkehr auf der Strecke. Wenn die sich in Bannwaldgebieten befinden, sind sie von Steinen und Baumstämmen durchsetzt, die das Schleuderrad blockieren können. Der Dampf ist als Puffer jedem elektrischen Überlastschutz überlegen." Bei normalen Einsätzen wird die Räummaschine vor eine der üblichen elektrischen Lokomotiven der Rätischen Bahn gespannt und von dieser dann auf den Paß geschoben. So werden die Vorräte im leer 5,8 Tonnen schweren Tender von 7500 Litern Wasser und 2,5 Tonnen Kohle geschont, um sie ausschließlich für den Betrieb der Schneefräse zu nutzen. Wenn der Schnee zu hoch liegt und die 1000 bis 1500 Volt führende Oberleitung nicht benutzt werden kann oder gar ein Lawinenabgang die Strecke blockiert, wird das fast vierzehn Meter lange Räumgerät vor eine dieselbetriebene Lokomotive gespannt oder fährt ganz einfach selbst. Dann sind drei Mann Personal auf den Ständen. Vorn der Lokführer und sein Gehilfe, der alle Hebel der Schleuder und des Antriebs bedient. Hinten steht der Heizer, ebenfalls gut überdacht und vor der Witterung geschützt, der den Kessel über der 110 Quadratmeter großen Heizfläche unter Dampf hält.

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