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Wirtschaftsblog „Fazit“ : Warum das Internet die Gesellschaft nicht spaltet

So sieht Fernsehen der Zukunft aus: Ein junges Mädchen beim Betrachten von Medieninhalten auf dem Tabletcomputer Bild: dpa

Liest im Internet jeder nur noch das, was seiner eigenen Meinung entspricht? Nein, sagt Matthew Gentzkow. Jetzt hat er einen der wichtigsten Ökonomen-Preise bekommen.

          Die Diskussion ist fast so alt wie das Internet, jedenfalls mindestens so alt wie die sozialen Medien: Wenn es im Internet Millionen von Blogs mit ganz unterschiedlichen Meinungen gibt, wenn der Computer jedem seine Lieblingsartikel aussucht – liest dann nicht jeder nur noch das, was seiner eigenen Meinung entspricht? Lebt dann nicht jeder nur noch in seiner eigenen Filterblase?

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nein, sagt Matthew Gentzkow, Ökonom an der Universität Chicago, in einer seiner jüngsten Arbeiten. Gentzkow darf seit Donnerstagabend als Anwärter für den Wirtschaftsnobelpreis gelten. Denn seitdem ist bekannt, dass er die “John Bates Clark Medaille” der amerikanischen Ökonomenvereinigung bekommt. Die Medaille wird jedes Jahr dem meistversprechenden Ökonomen unter 40 Jahren verliehen, ungefähr jeder zweite Preisträger erhält einige Jahrzehnte später einen Nobelpreis. Gentzkow bekommt die Medaille vor allem für seine Arbeit rund um die Ökonomik der Medien. Die hat er vom Kopf auf die Füße gestellt.

          Nach dem Volkswirtschafts-Grundstudium denken viele Ökonomen entlang des so genannten “Hotelling-Modells“: Im Internet ist es billiger, Artikel zu den Lesern zu bringen. Also gibt es mehr Medien, zum Beispiel viele neue Blogs. Bleiben alle diese Blogs möglichst neutral? Nein. Denn Menschen lesen gerne Nachrichten, die ihrer politischen Ausrichtung entsprechen. Und je mehr Online-Medien es gibt, desto weiter verteilen sich die Blogs über das Meinungsspektrum, so wie sich Kioske über einen Strand verteilen. Es gibt also immer mehr Online-Medien mit immer extremeren Ansichten, und die Leute lesen nur die wenigen Medien, die ihnen ideologisch nahestehen – so lautet die These.
          Die politische Spaltung ist klein

          Doch so funktioniert die Welt nicht, zumindest nicht in den Vereinigten Staaten, die in der Internet-Entwicklung am weitesten sind. Das hat Matthew Gentzkow zusammen mit seinem Kollegen Jesse Shapiro schon in einer älteren Arbeit vorgerechnet. Dazu untersuchte er 1400 Webseiten. Jede bekam eine Zahl, die ihre Leserschaft einordnet: Ist sie besonders links oder besonders konservativ? Die Daten dazu bekam er vom Marktforscher Comscore: Unter den großen Medien war die Webseite der New York Times mit rund 40 Prozent konservativen Lesern besonders links, die Webseite des Fernsehsenders Fox mit rund 90 Prozent konservativen Lesern weit rechts. Dann untersuchte Gentzkow das Leserverhalten: Lesen die Nutzer nur Nachrichten aus den Quellen, die ihnen nahestehen? Nein.

          Fast alle Internet-Nutzer lasen die Nachrichten der großen Webseiten. So kamen die meisten Leser zu einer recht ausgewogenen Nachrichtenmischung: Konservative Leser erreichten eine Nachrichtenmischung wie in der Tageszeitung USA Today, linke Leser auf eine Mischung wie bei CNN. Die politische Spaltung war im Internet zwar höher als im Fernsehen und in Lokalzeitungen, aber kleiner als in überregionalen Zeitungen.
          Auf die Qualität kommt’s an

          Warum ist die erste Idee falsch? Dazu haben Matthew Gentzkow und Jesse Shapiro in ihrem aktuelleren Forschungsbericht eine Idee ausgearbeitet. Die gute Nachricht: Offensichtlich spielt Nachrichten-Qualität eine Rolle. Denn wenn Gentzkow und Shapiro die Qualität berücksichtigen, können sie ein realitätsnahes Modell bauen.

          Ihre Überlegung: Leser lockt man eben nicht nur mit ideologischer Nähe an, sondern auch mit Qualität. Qualität aber kostet Geld – und wer dieses Geld investiert, tut es nicht nur für ein paar wenige Leser in der eigenen ideologischen Ecke, sondern möchte möglichst viele Leser haben – und rückt dazu wieder in die Mitte.

          Gentzkows neue These ist gewissermaßen die Umkehrung des Anfangsarguments: Das Internet macht es zwar billig, Artikel zu den Lesern zu bringen, und es können viele neue Medien entstehen. Aber wenn Qualität teuer ist, bleibt ein großer Kostenblock erhalten. Deshalb ist die Zahl der Qualitätsmedien begrenzt, und die Gesellschaft spaltet sich nicht auf.

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