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Marseille : Spielend in die Kriminalität

Verantwortlich für die Kriminalität werden in Marseille auch Zuwanderer gemacht, die meist in Sozialbausiedlungen in den nördlichen Stadtteilen leben Bild: Hauri, Michael

Das südfranzösische Marseille hat ein Sicherheitsproblem. Es gibt zu wenige Polizisten, zu viele Banden und zu viele orientierungslose Jugendliche. Die Regierung muss handeln.

          An diesem Schaufenster soll sich Bürgermeister Jean-Claude Gaudin schon als kleiner Junge die Nase platt gedrückt haben. Noch immer stapeln sich bei „Alcalay“, einem der ältesten Spielwarengeschäfte Marseilles, Tausende Modellautos in allen Farben, Größen und Marken in der Auslage. Doch den größten Umsatz macht das Traditionshaus, das ein paar Schritte vom Alten Hafen an der Rue de la République liegt, mit Spielzeugwaffen, die nach Marken geordnet im Ladeninneren feilgeboten werden.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Ob Schusswaffen von Sig Sauer, Kalaschnikows oder Famas-Gewehre, die Regale ähneln einem Waffenlager, auch wenn alles nur Imitate sind. „80 Euro“, sagt die Verkäuferin, koste eine Kalaschnikow, „aber Sie dürfen damit nicht auf der Straße herumlaufen!“ Auch müsse sie die Personalien eines jeden Käufers aufnehmen, „denn stellen Sie sich vor, echte Gangster benutzen die falschen Waffen“.

          Etwa die Hälfte aller Raubüberfälle in Marseille, hat die Polizei in einem 2010 verfassten Bericht festgestellt, wurde mit Waffenimitaten verübt, Tendenz steigend. „Es sind Einstiegswaffen für Ersttäter, oftmals Jugendliche“, sagt Caroline Pozmentier-Sportich, die für „Prävention und Kriminalitätsbekämpfung“ im Rathaus von Marseille zuständig ist. Sie gehört wie der Bürgermeister der Präsidentenpartei UMP an, die als Partei von Recht und Ordnung in der Hafenmetropole am Mittelmeer angetreten war. Stattdessen hat sich die Kriminalitätsstatistik drastisch verschlechtert. Im vergangenen Halbjahr ist die Zahl bewaffneter Überfälle hier um 40 Prozent gestiegen. Diebstähle mit Gewaltanwendung nahmen um 24 Prozent zu. Caroline Pozmentier-Sportich behagt es nicht, dass Marseille als Verbrechenshochburg in ganz Frankreich in den Schlagzeilen steht. „Wir brauchen endlich Fortschritte in der Kriminalitätsbekämpfung“, sagt sie.

          „Ich bin weder der Erlöser noch Jesus Christus.“

          Das muss sich auch Präsident Sarkozy gedacht haben, als er Ende August den Polizeipräfekten von Marseille strafversetzte. Dieser hatte den Zorn des Präsidenten auf sich gezogen, nachdem er die schlechte Kriminalitätsbilanz mit den Worten kommentierte: „Ich bin weder der Erlöser noch Jesus Christus.“ Er könne nicht alle Schwierigkeiten einer armen Stadt lösen, „die seit einem halben Jahrhundert an Einwanderung und einer Banditentradition leidet“, sagte Präfekt Gilles Leclair. Jetzt soll Alain Gardère als neuer Sicherheitschef - der dritte innerhalb von zwei Jahren - Marseille auf den rechten Weg bringen. 40 zusätzliche Polizeikräfte sollen ihm dabei helfen, mehr lassen die Haushaltszwänge nicht zu. Die Stadtverwaltung hat versprochen, in Videoüberwachung und kommunale Polizeistellen zu investieren. „Wir wollen hundert neue Polizisten ausbilden. Außerdem sollen an allen neuralgischen Stellen Videokameras aufgestellt werden. Wir wollen bis 2013 tausend Kameras installieren“, sagt die Sicherheitsbeauftragte des Bürgermeisters.

          Alain Tourre, der frühere Chef der Kriminalpolizei von Marseille, ist skeptisch, ob mit der Videoüberwachung Erfolge erzielt werden. „In Marseille geht es zu wie in dem amerikanischen Film ,Fast and Furious‘“, sagt er. „Das Ziel ist, sich so viel Geld wie möglich innerhalb kürzester Zeit anzueignen, egal mit welchen Mitteln“, sagt Tourre. Die größte Herausforderung sei der Rauschgifthandel. Marseille als Hafenstadt sei ein großer Umschlagplatz mit entsprechender Bandenkriminalität. Für Drogenhändler Schmiere zu stehen sei für die Jugend in den Sozialbausiedlungen oftmals der Einstieg in eine kriminelle Laufbahn.

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