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Malis Tuareg : Mit militärischem Sachverstand

  • -Aktualisiert am

Am Ziel? Tuareg-Rebellen mit der Flagge von Azawad Bild: picture alliance / Ferhat Bouda

Die Tuareg in Mali haben ihr Ziel erreicht: die Eroberung des von der Regierung in Bamako stets vernachlässigten Nordens. Ihre Führer wurden in Libyen gut ausgebildet.

          Nur vier Tage haben die Tuareg-Rebellen der „Nationalen Bewegung für die Befreiung von Azawad“ (MNLA) gebraucht, um die malischen Städte Kidal, Gao und am Sonntag schließlich auch Timbuktu zu erobern. Ihr Ziel, die „Befreiung“ der Region Azawad von der „politischen und militärischen Besatzung“ durch die unlängst gestürzte Regierung in Bamako, haben sie damit erreicht. Die Militärjunta, die Präsident Amadou Toumani Touré vor zehn Tagen gestürzt hat und seither dem Vormarsch der Tuareg ohnmächtig zusehen muss, entsandte am Sonntag den ehemaligen Minister Mohamed Ag Erlaf, einen Tuareg, nach Timbuktu, um mit dem Rebellenführer Mohamed Ag Najem über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Der Norden des Landes ist aus Sicht Bamakos verloren. Jetzt geht es darum, die Tuareg von einem Marsch auf die Hauptstadt abzuhalten.

          Dass die Tuareg dazu in der Lage sind, daran besteht seit dem Wochenende kein Zweifel mehr. Denn diese Rebellen sind keine Rebellen im herkömmlichen Sinne. Die MNLA ist vielmehr eine kleine Armee, die von erfahrenen Offizieren befehligt wird, die ihr Handwerk in Libyen gelernt haben. Diese Männer sind allesamt malische Flüchtlinge, die ihren militärischen Sachverstand nunmehr in für die Verwirklichung eines alten Traums der Tuareg nutzen: ein eigenes Land namens Azawad.

          Die Biographie ihres Anführers Mohamed Ag Najem steht stellvertretend für Tausende Tuareg, die im Dienste des libyschen Diktators Gaddafi standen. Ag Najem wurde Ende der fünfziger Jahre in den bergen des Adrar des Ofoghas geboren und war noch ein Kind, als sein Vater beim ersten Aufstand der Tuareg 1963 von der malischen Armee getötet wurde. Mit 20 Jahren ging er nach Libyen und ließ sich dort für die Söldnertruppen rekrutieren, mit denen Gaddafi seine „Revolution“ in die arabische Welt exportieren wollte. Ag Najem kämpfte im libanesischen Bürgerkrieg und in den achtziger Jahren auch in Tschad, bevor er 1990 wieder in Mali auftauchte - auf Seiten von Tuareg-Rebellen, deren Führer wie er als Söldner für Libyen gekämpft hatte. Als die Tuareg 1992 einen Friedensvertrag mit Bamako schlossen, den Ag Najem nicht guthieß, ging er zurück nach Libyen, nahm die libysche Staatsbürgerschaft an und stieg in der Armee bis zum Oberst einer Eliteeinheit in der südlibyschen Stadt Sabha auf. Unter seinem Kommando standen fast ausschließlich Tuareg aus Mali.

          Man schloss sich sofort den Heimkehrern an

          Den Sturz Gaddafis schien Ag Najem geahnt zu haben, weil er noch während des libyschen Bürgerkrieges große Mengen an Waffen beiseite schaffte, die in zwei kleinen Lagern in Tigherghar an der Grenze zu Algerien und in Zakak nahe der malischen Stadt Kidal versteckt wurden. Gleichzeitig nahm Ag Najem wieder Kontakt zu den ehemaligen Kämpfern seines Cousins Ibrahim Ag Bahanga auf, der sich bis zu seinem Tod im August 2011 gegen die Regierung in Bamako aufgelehnt hatte. Die Bahanga-Truppe schloss sich sofort den „Heimkehrern“ an, ebenso wie einige namhafte Tuareg-Offiziere der malischen Armee mitsamt ihren Soldaten.

          1. April 2012. Am Nachmittag wurde gemeldet, Timbuktu sei eingekesselt und der Stützpunkt der Armee liege unter schwerem Feuer.

          Der Grund dafür ist vor allem die Vernachlässigung des Nordens von Mali. Azawad ist nämlich ein trauriges Stück Afrika. Es gibt dort kaum Schulen, nur wenige Krankenstationen, selten einen Brunnen. Immer wieder haben sich die Tuareg seit der Unabhängigkeit Malis von Frankreichs 1960 gegen die Zentralregierung aufgelehnt, immer wieder wurden ihnen Versprechungen gemacht, doch eingehalten wurde so gut wie nie eines dieser Abkommen. Aus der Sicht von Bamako sind die nomadisierenden Tuareg nichts weiter als „Landstreicher“. Die arabischstämmigen Tuareg wiederum pflegen ihren Rassismus gegen die Schwarzafrikaner weiter im Süden.

          Unklar ist hingegen nach wie vor die Rolle der islamischen Terroristen von „Al Qaida im islamischen Maghreb“ (Aqim) in der Tuareg-Rebellion. Die Führung der MNLA verwahrt sich entschieden gegen den Vorwurf, eine islamistische Kampftruppe zu sein und bekräftigt ein über das andere Mal ihren laizistischen Charakter. Einer der ersten Angriffe der Tuareg im Januar dieses Jahres aber war aber zusammen mit Al-Qaida-Kämpfern geführt worden. Damals war der Militärstützpunkt von Aguelhok eingenommen worden und mehr als 80 gefangene Soldaten waren anschließend bestialisch ermordet worden. Die Garnisonstadt Kidal wiederum steht seit ihrer Eroberung Ende vergangener Woche unter der Kontrolle einer Gruppe, die sich „Ançar Dine“ (Verteidiger der Religion) nennt und vorgibt, die Scharia einführen zu wollen. Ihr Anführer ist ein malischer Tuareg. In Kidal und auch in Gao zerstörten die Kämpfer dieser Gruppe Hotels und Gaststätten, die Alkohol ausschenken.

          Aqim-Führung wird von gebürtigen Algeriern dominiert

          Über Ançar Dine liegen nur wenige Informationen vor, außer dass die Gruppe nach eigenen Angaben mit dem „Mouvement pour l‘unicité et le jihad en Afrique de l‘Ouest“ (Mujao) verbunden ist. Das ist eine Splittergruppe von Al Qaida im islamischen Maghreb und wird im Wesentlichen von Maliern und Mauretaniern kontrolliert. Die Führungsstruktur von Aqim hingegen wird von gebürtigen Algeriern dominiert. Gemeinsam ist den beiden, dass sie sich dem radikalen Islam verpflichtet fühlen.

          Militärisch haben die Rebellen der MLNA die Unterstützung der radikalen Islamisten mutmaßlich nicht nötig, was umgekehrt nicht unbedingt gilt. Doch Aqim ist länger im Norden Malis als die MNLA. Die Dschihadisten zahlen Schutzgeld an die Tuareg, um in ihren Einflussgebieten Stützpunkte zu errichten, und Aqim rekrutiert seit Jahren sehr erfolgreich unter den jungen und chancenlosen Tuareg ihren Nachwuchs. Der malische Regionalabgeordnete Mohamed Assale, der nach dem Fall von Gao geschwind die Seiten wechselte, bezeichnete die Allianz zwischen den Islamisten und der MNLA als „taktisches Bündnis“. Beide Seiten hätten dasselbe Ziel, nämlich den Kampf gegen den malischen Zentralstaat, sagt er.

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