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Terrassenhaus im Wedding : „Man muss das Fremde akzeptieren“

  • -Aktualisiert am

Robuster Entwurf: Das Atelier-Gebäude „Lobe“ im Berliner Ortsteil Wedding soll Arbeiten und Leben, Privates und Öffentliches vereinen – und das mindestens ein halbes Jahrhundert lang. Bild: Andreas Pein

Der Wedding ist bunt, multikulturell – und ein Problemviertel. Ein betongraues Terrassenhaus soll in dem Kiez jetzt Künstler, Kulturschaffende und Kinder zusammenbringen. Ein neues soziales Miteinander soll so wachsen.

          Kommt er nun, oder kommt er nicht, der Wedding? Das ist eine der Voraussagen, denen man in Berlin selbst so wenig Aufmerksamkeit schenkt wie der Frage, ob es irgendwann passable Radwege in Mitte geben wird. Die damit verbundene Frage nach der Gentrifizierung lässt sich ohnehin nicht eindeutig beantworten. Sicher, die Samwer-Brüder (die Investoren hinter dem Start-up-Inkubator Rocket Internet), haben sich vor kurzem mit dem Kauf der Uferhallen unbeliebt gemacht, in denen 50 Künstler ihre Ateliers haben und Tanzaufführungen stattfinden. Anderswo an der Panke, dem Nebenfluss der Spree, der Wedding kreuzt, errichten Luxusimmobilienfirmen Neubauten mit Wohnungen für Kleinfamilien, von einer halben Million Euro an aufwärts.

          Ansonsten aber ist im Herzen des Weddings, in Gesundbrunnen, von Aufbruch oder gar Umbruch wenig zu spüren. Auf der Badstraße dominieren weiter die gleichen Falafel-Imbisse, Wettbüros und Schnäppchenläden. Statt Bio-Äpfel aus Brandenburg gibt es Granatapfelsaft. Die afrikanischen Männer tragen Kofia, die muslimischen Frauen Kopftuch. Und alle tragen die Tüten der türkischen Obst- und Gemüsehändler – auch die Ur-Berliner, die sich über Kaltmieten von zehn Euro echauffieren.

          Der Kiez, fünf U-Bahn-Stationen vom Alexanderplatz entfernt, ist bunt und multikulturell. 40 Prozent der Anwohner haben einen ausländischen Pass. Er ist aber auch ein „Problemviertel“: Nur rund ein Drittel der Bewohner zahlt Sozialversicherungsbeiträge, zwölf Prozent sind arbeitslos oder arbeitssuchend gemeldet. In den Parks verfängt sich Müll im Geäst. Davon abgesehen ist der Wedding einer der wenigen verbliebenen Kieze in Berlin, die in ihrer unaufgeräumten Art sehr entspannt sind. Anders als Hipster-Gegenden in Neukölln oder Kreuzberg, in denen das Banana Bread vier Euro kostet.

          Boulevard der Bewohner: Die breiten Terrassen des Gebäudes bieten viel Raum für Gespräche unter Nachbarn.

          Ein Haus für die Gemeinschaft

          Der Wedding ist auch die Wahlheimat von Olivia Reynolds. Die Londonerin ist Bauherrin des Ateliergebäudes „Lobe“, ein paar Minuten Fußweg vom Bahnhof Gesundbrunnen entfernt. Was da zwischen einer Kletterhalle, den Gleisen der scheppernden Ringbahn-Züge und Gebrauchtwagenhändlern entstanden ist, wird in der Architekturszene schon jetzt wohlwollend besprochen. Von der Straße aus wirkt der Bau trotz der vollflächigen Verglasung undurchdringlich, erst von der Rückseite aus kommt einem das stufenförmig aufgebaute Gebäude so vor, wie es gedacht war: als Gewerbebau, der gleichzeitig eine Community beherbergt.

          Olivia Reynolds war lange in einem Bauwagen gleich neben der Baustelle anzutreffen. Mittlerweile lebt sie mit ihrer Familie im Haus, in der Hausmeisterwohnung. Die 46 Jahre alte Britin, die eigentlich Künstlerin und Kuratorin ist und Deutsch fast so gut spricht wie Englisch, hat immer irgendetwas zu tun: die Fragen der Mieter beantworten, die bei einem Neubau anfallen; das Meerschweinchengehege putzen; mit der Aufzugfirma über kaputte Platinen diskutieren. Unterstützt wird sie von Elke Falat, ebenfalls Kuratorin und Projektleiterin. Die beiden Frauen haben sich in Reynolds' alter Galerie im Wedding kennengelernt. Auch die hieß „Lobe“, ein Akronym für London-Berlin, und war als nicht-kommerzieller Ort für Kunst konzipiert, an dem sich Künstler treffen, um eine Ausstellung zu planen oder um gemeinsam zu kochen. „Die Kunstszene kann ziemlich blutleer sein“, sagt Elke Falat. „Olivia aber hatte in ihrer Galerie statt eines Schreibtischs mit Macbook einen Profi-Gasherd stehen.“

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