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Logbuch der Alan Kurdi (1) : Retten will gelernt sein

An Board der Sea-Eye im Mittelmeer Bild: FAZ.NET / Julia Anton

Wie sieht die Situation für Retter und Flüchtende derzeit auf dem Mittelmeer aus? FAZ.NET-Redakteurin Julia Anton begleitet die „Alan Kurdi“ bei ihrer vierten Mission. Im Logbuch berichtet sie regelmäßig von den Ereignissen an Bord des Schiffes.

          Mit Schwung wirft Waldemar Mischutin eine Rettungsweste über das Hauptdeck der „Alan Kurdi“. Die Weste prallt gegen die Reling, Mischutin wirft noch zwei hinterher. „Das ist nicht so einfach, das müsst ihr üben“, fordert er die Crew auf. Der 37-Jährige ist Kapitän des Schiffes, das in den nächsten Tagen zu einer Rettungsmission vor der libyschen Küste auslaufen will. Bis es los geht, trainiert die Crew für den Einsatz. Manche der insgesamt 20 Mitglieder sind zum ersten Mal an Bord eines Schiffes. Im Ernstfall muss trotzdem jeder Handgriff sitzen.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          An diesem Sonntagnachmittag übt die Crew im Hafenbecken die Rettung von Personen, die von ihrem Flüchtlingsboot ins Wasser gefallen oder gesprungen sind. Die Besatzung des rigid inflatable boats (RIB), einem Festrumpfschlauchboot, mit dem die Helfer sich dem in Seenot geratenen Boot nähern, hat in diesem Szenario folgenden Auftrag: Auf Abstand gehen und dem oder der im Wasser treibenden Person eine Rettungsweste zuwerfen. Landet diese drei Meter entfernt von der Person in Not statt in Griffweite, kann sie in Sekundenschnelle untergehen. Direkt ins Boot ziehen soll die Crew die Person im besten Fall nicht: Das wäre ein fatales Signal an die anderen Migranten auf dem Boot, ebenfalls ins Wasser zu springen. Dabei, das betonen Kapitän und Einsatzleitung immer wieder, müssen die Seenotretter die Kontrolle über den Wechsel der in Not Geratenen von ihrem womöglich überfüllten Schlauch- oder Holzboot auf das Rettungsboot behalten und für Ruhe sorgen.

          Die „Alan Kurdi“ trägt den Grund für ihre Mission bereits im Namen: Alan Kurdi war der zwei Jahre alte Junge aus Syrien, dessen Leiche 2015 an der türkischen Küste angespült wurde. Das Foto des toten Kindes ging um die Welt. Erst seit Ende Dezember ist das 1950 erbaute ehemalige Forschungsschiff, das ursprünglich Professor Albrecht Penk hieß, für die deutsche Nichtregierungsorganisation Sea-Eye im Einsatz. Im April wurde es offiziell umbenannt, Alans Vater war bei der Schiffstaufe dabei.

          Der anstehende Einsatz ist der vierte der „Alan Kurdi“. Bei ihrer ersten Mission rettete sie 17 Menschen, bei der zweiten niemanden, bei der dritten 64. Wenn die „Alan Kurdi“ kommende Woche die Such- und Rettungszone vor der libyschen Küste erreicht, wird sie dort vermutlich die einzige Hilfsorganisation sein. Außer dem Schiff der Sea-Eye ist derzeit nur die Sea-Watch 3 unterwegs. Vor knapp zwei Wochen hat sie 53 Menschen gerettet. Seitdem treibt sie vor Lampedusa und darf nicht in italienisches Hoheitsgebiet einfahren.

          Die politische Situation ist seit dem vergangenen Sommer schwieriger geworden für die NGOs. Tatsächlich machen sich auch deutlich weniger Flüchtlinge und Migranten auf den Weg Richtung Europa, seit dessen Bewohner sich zunehmend abgeschottet haben. Für diejenigen, die die Überfahrt trotzdem wagen, ist das Risiko, zu ertrinken, gestiegen.

          Seenotretter der Sea-Eye bei einem Probemanöver

          Der Hochkommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) schätzt, dass in diesem Jahr bereits 539 Menschen auf dem Mittelmeer als tot oder vermisst zu beklagen sind. Gerechnet auf die Zahl der Ankünfte, die sich über den Seeweg auf fast 23.000 beläuft, kommt jeder 42. Migrant ums Leben. Im vergangenen Jahr war es jeder 51.

          Es sind Zahlen, die die Seenotretter der „Alan Kurdi“, die noch im Hafen der spanischen Stadt Burriana anliegt, antreiben. Das Training hat es in sich: Auch bei rund 30 Grad in der Mittagssonne ist für alle das Tragen von Sicherheitsschuhen, einem langen Overall und Schwimmweste sowie einem Helm Pflicht. Da lässt Gorden Isler, der Einsatzleiter von Sea-Eye, nicht mit sich reden. „Das muss jetzt schon Routine werden“, sagt er.

          Während manche Dinge wie das Mann-über-Bord-Manöver nach zwei Tagen Übung schon gut klappen, tun sich Schwierigkeiten auf, als Kapitän Mischutin einen Bewusstlosen mimt, der mit einer Trage vom kleinen Rettungsboot auf die „Alan Kurdi“ gebracht werden muss. Rund drei Meter Höhe sind dabei zu überwinden. Die Crew versucht es zunächst mit dem Kran, doch die Trage kippt. Schließlich stemmen vier Mitglieder die Trage samt Kapitän vom Boot über ihre Köpfe, von Deck aus ziehen sie vier weitere an Land. Weil jetzt niemand mehr die sogenannte Painterline im Blick hat, mit der das Rettungsboot an der „Alan Kurdi“ befestigt ist, treibt das Rettungsboot ab. Man ist sich einig: Da muss ein besseres Konzept her, morgen nochmal.

          Ansonsten sind Isler und Mischutin im Großen und Ganzen aber mit der Leistung der Truppe, die sowohl aus hauptamtlichen Seeleuten als auch aus Freiwilligen besteht, zufrieden. Zur Belohnung gibt es Pizza zum Abendessen – Feierabend ist aber noch lange nicht: Rund 500 neue Rettungswesten warten darauf, ausgepackt und sortiert zu werden. Bis zur Abfahrt ist noch einiges zu tun.

          Die Mannschaft der Sea-Eye auf einem ihrer Rettungsboote

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