https://www.faz.net/-gpc-804sz

Die von Ihnen angeforderte Seite kann leider nicht ausgeliefert werden. Das tut uns leid. Interessiert Sie eine andere Geschichte von der aktuellen FAZ.NET-Homepage?

Krieg in der Ostukraine : Die Stille nach dem Kampf

Bilder eines Krieges, allen Waffenstillstandsversprechungen zum Trotz: Ein zerstörter ukrainischer Panzer an einem Checkpoint unweit von Debalzewe Bild: Alexander Tetschinsky

Tote am Straßenrand, Häuser als Skelette: Nach dem Abzug der Armee aus Debalzewe bietet sich ein Bild der Verwüstung. Eine Reportage aus dem Kriegsgebiet.

          Sie liegen auf dem Rücken, Raureif auf Haar und Brauen, in der zusammengewürfelten Montur der ukrainischen Armee, Trainingshosen, Tarnarnjacke, Pudelmütze. Die Schuhe hat jemand mitgenommen. Zwei tote ukrainische Soldaten an den Resten dessen, was einmal der äußerste Kontrollpunkt war, die Grenze zwischen Regierungsterritorium und Separatistengebiet vor Debalzewe. Vor vier Tagen haben russische Kämpfer und ostukrainische Separatisten trotz aller Waffenstillstandszusagen, und obwohl die Stadt nach allen Vereinbarungen eindeutig zum „ukrainischen“ Gebiet gehört, die ukrainische Armee von hier vertrieben. Wer Debalzewe beherrscht, der kontrolliert zwei Landstraßen und einen der größten Eisenbahnknotenpunkte der Ukraine, und aus Sicht der prorussischen Kämpfer durfte nicht sein, was der Waffenstillstand von Minsk eigentlich vorsah, dass dieser Ort in der Hand der Regierung bleibt.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Was dies bedeutet, erfährt der Reisende auf der Landstraße nach Debalzewe zuerst an einem vorgeschobenen Kontrollpunkt. Schon ein paar hundert Meter vor den zerbombten Resten der Betonsperren verändert sich die Landschaft. Die Felder rechts und links sind plötzlich wie pockennarbig von Kratern. Die Dickichte am Straßenrand sehen aus, als sei ein gewaltiger Mähdrescher durchgefahren. Kein Strauch ist unversehrt. Der Kontrollpunkt selbst: ein Bild der Verwüstung. Lastwagen, zerplatzt wie Kaugummiblasen, Panzerketten, Panzergehäuse, verglüht, verbogen, verkrallt, liegen durcheinandergewirbelt am Asphalt. Einige Separatistenkämpfer stehen Posten, als gebe es hier noch etwas zu bewachen. Die beiden toten Ukrainer liegen barfuß, die Augen zum Himmel gerichtet. Keiner ist in den vier Tagen seit dem Sturm auf den Gedanken gekommen, sie zuzudecken. Immerhin aber hat eine barmherzige Seele ihnen je ein Heiligenbildchen auf die Brust gelegt: eine Muttergottes und einen Christus als Weltenherrscher.

          Weiter nach Debalzewe hinein, vorbei an Panzerhaubitzen mit laufenden Motoren, die möglicherweise gerade der jüngsten Vereinbarung zum Abzug schwerer Artillerie folgen. Vorbei an Kolonnen mit Schützenpanzern. Die Besatzung auf dem Verdeck beteuert im schnellen, lässigen Tonfall des echten Russen, sie komme natürlich nicht aus dem Russland Wladimir Putins, sondern alle seien Hiesige reinsten Wassers: durch und durch Bergleute aus dem Donbass, alles brave Familienväter, die nichts anderes tun, als ihre Weib und Kind zu verteidigen.

          Ein Straßenposten der Separatisten vor Debalzewe Bilderstrecke

          In der Stadt dann entfaltet sich ein furchtbares Panorama. Kaum ein Haus scheint nach einem Monat der Belagerung unversehrt – nicht in den Vorstädten, nicht im Zentrum. An manchen Gebäuden sind nur die Fensterscheiben zerplatzt, andere aber sind buchstäblich zerborsten. Schulen, Blocks, Supermärkte ragen als Skelette in die Luft. Der ukrainischen Armee ist vorgeworfen worden, sie lasse im Kampf mit Separatisten, die sich in Städten und Dörfern hinter der Zivilbevölkerung verstecken, nicht genug Vorsicht walten, sie nehme durch wahllosen Beschuss unschuldige Opfer in Kauf. Dieser Vorwurf mag berechtigt gewesen sein. Beim Blick auf die starrende Ruinenlandschaft von Debalzewe aber, wo die Ukrainer die Belagerten waren und separatistische Kämpfer in die Stadt schossen, wird deutlich, was russische Haubitzen, russische Mörser, russische Raketenwerfer anrichten können.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.