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Kindesmissbrauch : Die Dynamik des Skandals

Nach den Fällen von Kindesmissbrauch am Berliner Canisius-Kollegs klagt der Rektor das „vertuschende System“ der Kirche an. Die Feinde der Kirche glauben ohnehin, dass für das Personal dieser repressiven Anstalt die Schuldvermutung gilt.

          Was treibt den Jesuitenpater Klaus Mertes an? Sein Gewissen, hat er in einem seiner zahlreichen Interviews gesagt. Der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs hat die Öffentlichkeit darüber informiert, dass mehrere Patres Schüler des privaten Gymnasiums jahrelang körperlich und seelisch misshandelt haben sollen. Nach staatlichem Recht sind die Taten mutmaßlich verjährt. Dass sie erst nach Jahrzehnten bekannt werden, dass die Täter angeblich an anderen Verwendungsorten weitere Taten begingen, macht den Fall zum Skandal, der eine Öffentlichkeit jenseits der Schulgemeinschaft in Erregung versetzt.

          Pater Mertes, eine markante Figur in der überschaubaren Szene der katholischen Intelligenz der Hauptstadt, ist im Umgang mit der Presse ein Profi. Dass er in die Informationsoffensive gegangen ist, hat ihm viel Lob eingetragen. Mut wird ihm attestiert, aber auch jene politische Klugheit, die als Kardinaltugend seines Ordens gilt. Die Kirche darf nicht abwarten, bis ein anderer den Kinderschänder im kirchlichen Dienst enttarnt: Auch das ist eine Lektion aus der Welle von Missbrauchsfällen, die die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten in eine Glaubenskrise gestürzt hat. Die Dynamik eines Skandals entscheidet sich in aller Regel ganz am Anfang. Nachgereichte Erklärungsversuche der Betroffenen werden von der Öffentlichkeit als Ausflüchte oder als erzwungene Zugeständnisse wahrgenommen.

          Der Rektor des Canisius-Kollegs hat seine Bitte um Vergebung und sein Versprechen rücksichtsloser Aufklärung und Ursachenforschung mit maßloser Polemik gegen die kirchliche Lehre und die kirchlichen Autoritäten verknüpft. Ihn interessiert nicht das Motiv des einzelnen Täters, sondern „das vertuschende System“. Dieses System, das „Interessen hat und Ängste“ und deshalb von Mertes der kollektiven Mittäterschaft an der sexuellen Belästigung im Canisius-Kolleg bezichtigt wird, ist größer als das Lehrerkollegium, die Ordensprovinz oder die Gesellschaft Jesu. Es ist die Kirche, mit ihrer Sexualmoral und ihrer Bürokratie.

          Böse Verzeichnungen

          Die Deutsche Bischofskonferenz hat 2002 Leitlinien „Zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche“ beschlossen. Nach Meinung von Mertes setzt das Verfahren, das gemäß Vorgaben der damals von Kardinal Ratzinger geleiteten Glaubenskongregation geschaffen wurde, die Praxis der systematischen Vertuschung fort. Mertes nimmt an der Unschuldsvermutung Anstoß. Er suggeriert, ein Bischof müsse einem Opfer, das sich ihm stammelnd offenbare, entgegenhalten, für die Kirche gelte der Beschuldigte als unschuldig. Das ist eine böse Verzeichnung. Die Unschuldsvermutung ist eine Minimalanforderung an jedes gerechte Verfahren, auch im kirchlichen Strafrecht. Ihre Beachtung verlangt keineswegs einen ausdrücklichen Vorbehalt gegenüber einer Zeugenaussage.

          Mertes stellt einen Zusammenhang her zwischen dem Verhehlen von Sexualverbrechen und dem Geheimnis, das homosexuelle Priester aus ihrer Veranlagung machen müssten: „Die Kirche leidet an Homophobie. Homosexualität wird verschwiegen. Kleriker mit dieser Neigung sind unsicher, ob sie bei einem ehrlichen Umgang mit ihrer Sexualität noch akzeptiert werden.“ Soll das heißen, dass ein als Schwuler akzeptierter Pater nicht so leicht in Versuchung käme, sich an Jungen zu vergreifen? Keiner der beiden ersten Beschuldigten wird als Homosexueller beschrieben. Und wenn Mertes das freie Reden über Intimitäten zur Heilung der Sprachlosigkeit gegenüber den Opfern empfiehlt, so ist der Fall des Paters, der seine Zöglinge zur Offenbarung intimer Gewohnheiten genötigt haben soll, wenigstens als historisches Exempel instruktiv: In zwanglosen Nachmittagssitzungen wurde gemäß dem Geist der Zeit ein freizügiges Reden eingeübt, das dann im Privatissimum in die Travestie eines Beichtgesprächs überführt wurde.

          Ermöglichung des Missbrauchs

          Denen, die in den Canisius-Fällen nur ein Thema für die Gerichte und wegen der Verjährung gar keines mehr sehen, ist entgegenzuhalten: In jeder Lebensform steckt als Möglichkeit auch ihre Pervertierung. In einer bemerkenswerten Predigt hat der Jesuitenpater Martin Löwenstein, Pfarrer am „kleinen Michel“ in Hamburg, Gedanken über die Kultur formuliert, die den Missbrauch möglich gemacht hat. Als Beispiel nennt er das Ausforschen in der Beichte: Die Routine dieses Übergreifens in die Intimsphäre habe denen einen „kulturellen Schutzraum“ geboten, „die dann im körperlichen Bereich in den verletzlichen Raum anderer Menschen eingedrungen sind“. Solchen Fragen nach den Nachtseiten der eigenen pädagogischen Tradition, nach den psychischen Kosten der asketischen Disziplin wird die Selbstprüfung der Katholiken nachgehen, die der Canisius-Skandal anstoßen sollte.

          Die Presse wird weiter Schlagzeilen nach dem Muster „Weiterer Pater gesteht“ produzieren. Wie über den ersten Fall geredet wird, das bestimmt die Debatte über alle weiteren. Klaus Mertes hat bis auf weiteres alle Termine abgesagt, um nur noch über Missbrauch zu sprechen, neuerdings für alle deutschen Jesuiten. Die Feinde der Kirche glauben ohnehin, dass für das Personal dieser repressiven Anstalt die Schuldvermutung gilt. Der atheistische Biologe Richard Dawkins definiert Religion als Kindesmissbrauch.

          Schon steht wieder „das System“ am Pranger: Mit der Jesuitenaffäre wird
          Kirchenpolitik gemacht.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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