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Zwei Studenten gründen einen Dorf-Supermarkt : Die Schlecker-Retter

  • -Aktualisiert am

Gestatten: Maximilian Maurer, Supermarkt-Gründer. Inzwischen betreibt der 25-Jährige zwei Filialen, eine dritte soll dazukommen. Seine Eltern, ein Freund und ein Unidozent halfen bei der Gründung. Bild: Fotos: Bernhard Huber

Dies ist die Geschichte dreier leer stehender Supermarkt-Filialen. Und einer so altmodischen Geschäftsidee, dass man erst mal seinen Ohren nicht traut. Sie handelt von zwei mutigen Studenten, von Zahnpasta, Duschgel und dem Glauben an die Rückkehr des Dorfladens.

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          Maximilian Maurer hätte nie gedacht, dass er einmal mit „Pilca Enthaarungscreme“ in Berührung kommen würde. Oder mit dem „Gillette Venus“-Damenrasierer. „Und dass es etwa 150 verschiedene Nivea-Produkte gibt, wusste ich auch nicht“, sagt der 25-jährige Student. Mittlerweile kennt er über 7.600 Drogerieartikel. Und täglich kommen neue dazu.

          Während seine Kommilitonen im Internet Start-ups gründen oder zum Studieren ins Ausland gehen, hat Maximilian Maurer gemeinsam mit seinem Kumpel Johann Melzner, 24, drei Schlecker-Filialen in der bayerischen Provinz übernommen. Und versucht, das zu schaffen, womit Anton Schlecker gescheitert ist: eine Drogeriekette am Markt zu halten. Eine ungewöhnliche Idee, das gibt Maurer sofort zu. „Aber wenn man sich den demografischen Wandel anschaut, wird einem klar, dass die Menschen immer älter und immobiler werden“, sagt er. Maurer ist sich sicher, dass vor allem in den kleineren Orten keine neuen Apps gebraucht werden – sondern Geschäfte, in denen man Geschirrspülmittel und Zahnbürsten kaufen kann.

          Seit der Gründung ist Maximilian Maurer nicht mehr einfach ein Student, der in Passau Business Administration and Economics mit Schwerpunkt BWL studiert. Der 25-Jährige, der ein wenig an den Fußballer Miroslav Klose erinnert, ist zum Geschäftsmann geworden. Er bewegt sich zwischen zwei Welten. Da ist zum einen sein Studentenleben in Passau mit Vorlesungen und langen Abenden in der Bibliothek. Zum anderen gibt es den Betrieb, für den er mit Lieferanten telefoniert, an seinen vorlesungsfreien Tagen im Büro arbeitet und sich ausschweifende Partys verkneift, weil er weiß, dass er mit einem klaren Kopf aufwachen muss. Natürlich gibt es immer wieder Tage, an denen er es bereut, ein eigenes Unternehmen gegründet zu haben. Und trotzdem: „Alles hat plötzlich einen Sinn“, sagt er.

          Einen der drei Märkte findet man in Niederaichbach, einem kleinen Ort in Bayern, 20 Minuten von Landshut entfernt. Hier leben etwa 3.500 Menschen. Das Geschäft befindet sich ganz in der Nähe einer Autobahnabfahrt zwischen Essenbach und Dingolfing. An einer Seitenwand der Filiale ist noch ein dunkelblauer Streifen zu sehen. Und auch der soll bald verschwinden. „Wir sind dabei, die letzten Schlecker-Überbleibsel abzumontieren“, sagt Maximilian Maurer. Sein Vater Waldemar Maurer, 69, ist für die Umbauarbeiten zuständig. Er ist ein Arbeitstier, zu seinen Lieblingssätzen gehört der Spruch „Wenn ich schon dabei bin, kann ich das ja auch noch eben erledigen“. Er hat auch das neue Schild über der Eingangstür montiert, auf dem in grüner und lilafarbener Schrift geschrieben steht „Maurer – Drogerie und mehr“. Im Geschäft riecht es wie früher bei Schlecker: nach einem wilden Mix aus Seife, Waschmittel, Deo und Tee. Davon abgesehen erinnert nichts an den berühmten Vorgänger. Maximilian Maurer und seine Geschäftskollegen haben sich bewusst gegen das Schlecker-Konzept entschieden, das den Kunden mit seiner ramschigen Einrichtung das Gefühl geben wollte, die Produkte seien besonders billig. Bei „Maurer“ soll es hell und geräumig sein.

          Wenn Maximilian Maurer von seinem bisherigen Leben erzählt, deutet kaum etwas auf eine Karriere als Unternehmer hin: Nach Abi, Auslandspraktikum in London, Arbeit in einem Elektrobetrieb und einem Semester Maschinenbau spielte er mit dem Gedanken, Musik zu studieren. Schließlich hat er sich für den Wirtschaftsstudiengang in Passau entschieden. „Am Anfang war ich ein klassischer Verlegenheitsstudent“, erzählt er. Inzwischen ist er begeistert von seinem Fach. Auch, weil er neuerdings im wirklichen Leben ausprobieren kann, was er bisher nur aus der Theorie kannte. Die Geschäftsidee zum Dorfladen entstand per Zufall. Schlecker meldete im Januar 2012 Insolvenz an. In Deutschland wurden 7.000 Filialen geschlossen. Auch Maurers Eltern waren betroffen. In dem kleinen Ort namens Adlkofen, in dem sie leben, gehört ihnen ein Gebäude, in dem sich eine Schlecker-Filiale befand. Ende Juni zog Schlecker aus. Im Juli fragte seine Mutter: „Was machen wir jetzt mit dem Laden?“ Maximilian Maurer begann, sich umzuhören, ob Rossmann oder dm aufs Land gehen würden. Die Antwort lautete immer „nein“. Das Dorf war zu klein, es gab kein Kundenpotenzial – in Adlkofen leben grade einmal 4.000 Menschen. „Die fangen erst bei 10.000 Einwohnern an zu überlegen“, weiß er inzwischen. Es gehörte zum Konzept von Schlecker, gerade die kleinen Orte zu bedienen. Die anderen Drogerieketten tun das nicht. Ein Fehler, wie die Gründer inzwischen finden.

          „Und wenn ich den Laden selbst führe?“, fragte seine Mutter Rosa-Maria Maurer. Ihr Sohn versprach zu helfen, gemeinsam mit seinem Freund Johann Melzner schrieb er einen Businessplan. Außerdem nahmen die beiden Kontakt zu verschiedenen Händlern auf. Immer wieder hieß es: „Ihr seid zu klein, wir beliefern euch nicht.“ Wenn sich ein Händler doch bereit erklärte, war von einer Mindestabnahme von 10.000 Stück die Rede. Schließlich gab Maximilian Maurer seiner Mutter eine ehrliche Einschätzung: „Du, Mama, ich glaube, du bekommst das nicht allein auf die Reihe – und vor allem nicht mit nur einem Laden.“

          Doch auch ihn selbst ließ die Idee nicht los. Er war damals gerade in der Prüfungsphase und konnte sich kaum auf die Klausuren konzentrieren. Ständig war da dieser Gedanke: „Das muss doch funktionieren.“ Sein BWL-Wissen sagte ihm: Wenn man drei Märkte eröffnen würde, hätte man das Einkaufsproblem nicht mehr. Auch Werbung würde sich dann lohnen. „Je größer du wirst, desto effizienter arbeitest du“, sagt Maximilian Maurer. Er schaute sich mögliche Standorte an, fand weitere ehemalige Schlecker-Filialen auf dem Land. Zuerst wollten die beiden Studenten die Geschäftsidee zu zweit in die Tat umsetzen. Doch bei einem Besuch bei der Bank wurde klar: Sie würden nur einen kleinen Kredit bekommen und sich für viele Jahre verschulden. Maximilian Maurers Eltern wussten, dass sie viel bessere Konditionen bekommen würden. Also stieg seine Mutter mit ein. Sie wurde Komplementärin der Kommanditgesellschaft, Maximilian Maurer der Prokurist. Sein Freund Johann Melzner übernahm das Marketing.

          Verrückt, größenwahnsinnig, bescheuert, dumm – das waren die Reaktionen der Leute, wenn sie von der Geschäftsidee hörten. Den Gründern war das egal. Es gab andere Dinge, mit denen sie sich jetzt herumschlagen mussten. Mit dem Warenwirtschaftssystem, mit Personalkosten, Sozialabgaben und Steuerrecht. Ihr Glück war es, dass in den ehemaligen Schlecker-Filialen noch alles beim Alten war. „Die haben den Laden zugesperrt und alles drin gelassen: Regale, Faxgeräte, Schreibtische, Umsatzzahlen, Feuerlöscher und ganz viel Müll“, erzählt Maurer. Man konnte es der ehemaligen Schlecker-Belegschaft nicht verübeln – sie hatten eben ihre Jobs verloren. Da kommt man nicht auf die Idee, einen Laden besenrein zu hinterlassen. Die Gründer mussten erst mal entrümpeln. Einiges konnten sie weiterverwenden, die alten Regale zum Beispiel, die sie neu anstrichen.

          Und zwischen all dem Müll lag noch ein anderer großer Schatz: die Schlecker-Geschäftsberichte. „Die waren Grundlage unserer Kalkulation“, verrät Maximilian Maurer. Am Anfang waren sie ja komplette Laien und hatten keine Ahnung, was und wie viel sie bestellen mussten. Daher waren sie froh, dass sie so unverhofft an interne Schlecker-Zahlen kamen. Maximilian Maurer muss lachen, wenn er an dieses absurde Detail zurückdenkt. Denn erst als er diese Einblicke bekam, wusste er, dass ihre Idee wirklich funktionieren konnte. Und noch an einer anderen Stelle bekam er Hilfe: an seiner Uni in Passau. Maximilian Maurer hatte einen Lieferantenvertrag zugeschickt bekommen und brauchte eine Einschätzung. Schließlich wandte er sich an einen Dozenten namens Dr. Achim Dilling. „Zeigen Sie mal her“, sagte der Dozent bereitwillig – obwohl er den Studenten noch nie zuvor gesehen hatte. Maximilian Maurer war wahnsinnig froh, einen Ansprechpartner gefunden zu haben. Er hatte ein solches Dokument ja noch nie in den Händen gehalten. „Der ist o. k. so“, sagte Dilling schließlich und beantwortete ihm noch einige andere Fragen. „Es war einfach super, einen Expertenrat zu bekommen“, sagt Maximilian Maurer. Durch die Gründung habe er auch an der Uni viele neue Leute kennengelernt. Und plötzlich – waren sie also eine Art Familienunternehmen. Und ein perfektes Team: Seine Mutter kannte sich mit der Buchhaltung aus, sein Vater konnte die Umbauarbeiten übernehmen, sein Freund Johann Melzner, der damals noch in Salzburg Psychologie studierte, wusste über Verkaufspsychologie und Teambildung Bescheid, Maximilian Maurer selbst hatte das nötige BWL-Wissen – und den Unternehmergeist. „Die meisten Menschen reden ständig darüber, was man alles tun könnte – aber kaum jemand packt tatsächlich an“, sagt er.

          Ihnen sei von Anfang an klar gewesen, dass sie das Rad nicht neu erfinden können. Trotzdem waren sie davon überzeugt, dass sie ihre Sache besser machen würden als Schlecker: weil sie ihren Kunden mehr Service bieten, mehr Auswahl, mehr regionale Produkte – und das Gefühl, zu Hause zu sein. Sicher kann es spannend sein, eine Geschäftsidee im Internet zu entwickeln. Aber das hier sollte etwas Warmes, Nahes sein. Etwas, womit auch die Alten im Ort etwas anfangen können. Maurer und Melzner wollten ihnen helfen, indem sie vor allem die Ortskerne stärken, sie wollten, dass der Marktplatz im Dorf wieder zu dem wird, was er einmal war. Und dass man nicht mehr 20 Kilometer fahren muss, zu einem großen Parkplatz, um bei dm, Netto oder REWE ein neues Duschgel zu kaufen. „Einkaufen dahoam“, so lautet daher auch das Motto des Ladens. Es gibt regionale Produkte, Honig, Kirschlikör und Rapsöl. Man findet sie in einem alten Bauernschrank, der früher bei Maximilian Maurer im Kinderzimmer stand. Bald soll auch noch ein Sofa in das Geschäft gestellt werden, auf dem sich die Kunden ausruhen können. Eine grauhaarige Dame schaut sich suchend um. Noch bevor sie jemanden um Rat fragen kann, ist Maximilian Maurer bei ihr. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragt er. Er zeigt ihr das gesuchte Regal, dann setzt er sich hinter die Kasse und kassiert, weil die Verkäuferin gerade mit einem anderen Kunden beschäftigt ist.

          Wie bei vielen Gründungen gab es auch bei ihnen Rückschläge: Anfang Dezember, kurz nachdem die zweite Filiale eröffnet worden war, stieg sein Geschäftspartner Johann Melzner aus. Er ging für ein Forschungspraktikum nach Harvard. „Das war schade, weil eine Stütze weggefallen ist“, sagt Maximilian Maurer. Aber er habe sich für seinen Freund gefreut. Seine Mutter und er waren von jetzt an nur noch zu zweit. Doch für beide war klar, dass sie weitermachen würden. Wie geplant eröffneten sie im Frühjahr 2013 die dritte Filiale. Einen Laden mussten sie inzwischen schließen: den in Adlkofen. „Wir hatten mit dem Geschäft einfach einen schlechten Start, da war von Anfang an der Wurm drin“, sagt Maximilian Maurer. Die Ware, die eigentlich sechs Tage vorher geliefert werden sollte, kam ausgerechnet am Eröffnungstag. Das bedeutete: Die Regale waren fast leer, als die ersten Kunden kamen. Sofort kamen Beschwerden über das schlechte Angebot. „Davon hat sich der Laden einfach nie erholt“, sagt Maximilian Maurer. Er lässt sich davon nicht entmutigen: „Die anderen beiden Filialen laufen zum Glück gut.“ Längst gibt es den Plan, wieder eine dritte Maurer-Filiale zu eröffnen. An einem anderen Ort. Irgendwo in der bayerischen Pampa.

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