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Zwei Studenten gründen einen Dorf-Supermarkt : Die Schlecker-Retter

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„Und wenn ich den Laden selbst führe?“, fragte seine Mutter Rosa-Maria Maurer. Ihr Sohn versprach zu helfen, gemeinsam mit seinem Freund Johann Melzner schrieb er einen Businessplan. Außerdem nahmen die beiden Kontakt zu verschiedenen Händlern auf. Immer wieder hieß es: „Ihr seid zu klein, wir beliefern euch nicht.“ Wenn sich ein Händler doch bereit erklärte, war von einer Mindestabnahme von 10.000 Stück die Rede. Schließlich gab Maximilian Maurer seiner Mutter eine ehrliche Einschätzung: „Du, Mama, ich glaube, du bekommst das nicht allein auf die Reihe – und vor allem nicht mit nur einem Laden.“

Doch auch ihn selbst ließ die Idee nicht los. Er war damals gerade in der Prüfungsphase und konnte sich kaum auf die Klausuren konzentrieren. Ständig war da dieser Gedanke: „Das muss doch funktionieren.“ Sein BWL-Wissen sagte ihm: Wenn man drei Märkte eröffnen würde, hätte man das Einkaufsproblem nicht mehr. Auch Werbung würde sich dann lohnen. „Je größer du wirst, desto effizienter arbeitest du“, sagt Maximilian Maurer. Er schaute sich mögliche Standorte an, fand weitere ehemalige Schlecker-Filialen auf dem Land. Zuerst wollten die beiden Studenten die Geschäftsidee zu zweit in die Tat umsetzen. Doch bei einem Besuch bei der Bank wurde klar: Sie würden nur einen kleinen Kredit bekommen und sich für viele Jahre verschulden. Maximilian Maurers Eltern wussten, dass sie viel bessere Konditionen bekommen würden. Also stieg seine Mutter mit ein. Sie wurde Komplementärin der Kommanditgesellschaft, Maximilian Maurer der Prokurist. Sein Freund Johann Melzner übernahm das Marketing.

Verrückt, größenwahnsinnig, bescheuert, dumm – das waren die Reaktionen der Leute, wenn sie von der Geschäftsidee hörten. Den Gründern war das egal. Es gab andere Dinge, mit denen sie sich jetzt herumschlagen mussten. Mit dem Warenwirtschaftssystem, mit Personalkosten, Sozialabgaben und Steuerrecht. Ihr Glück war es, dass in den ehemaligen Schlecker-Filialen noch alles beim Alten war. „Die haben den Laden zugesperrt und alles drin gelassen: Regale, Faxgeräte, Schreibtische, Umsatzzahlen, Feuerlöscher und ganz viel Müll“, erzählt Maurer. Man konnte es der ehemaligen Schlecker-Belegschaft nicht verübeln – sie hatten eben ihre Jobs verloren. Da kommt man nicht auf die Idee, einen Laden besenrein zu hinterlassen. Die Gründer mussten erst mal entrümpeln. Einiges konnten sie weiterverwenden, die alten Regale zum Beispiel, die sie neu anstrichen.

Und zwischen all dem Müll lag noch ein anderer großer Schatz: die Schlecker-Geschäftsberichte. „Die waren Grundlage unserer Kalkulation“, verrät Maximilian Maurer. Am Anfang waren sie ja komplette Laien und hatten keine Ahnung, was und wie viel sie bestellen mussten. Daher waren sie froh, dass sie so unverhofft an interne Schlecker-Zahlen kamen. Maximilian Maurer muss lachen, wenn er an dieses absurde Detail zurückdenkt. Denn erst als er diese Einblicke bekam, wusste er, dass ihre Idee wirklich funktionieren konnte. Und noch an einer anderen Stelle bekam er Hilfe: an seiner Uni in Passau. Maximilian Maurer hatte einen Lieferantenvertrag zugeschickt bekommen und brauchte eine Einschätzung. Schließlich wandte er sich an einen Dozenten namens Dr. Achim Dilling. „Zeigen Sie mal her“, sagte der Dozent bereitwillig – obwohl er den Studenten noch nie zuvor gesehen hatte. Maximilian Maurer war wahnsinnig froh, einen Ansprechpartner gefunden zu haben. Er hatte ein solches Dokument ja noch nie in den Händen gehalten. „Der ist o. k. so“, sagte Dilling schließlich und beantwortete ihm noch einige andere Fragen. „Es war einfach super, einen Expertenrat zu bekommen“, sagt Maximilian Maurer. Durch die Gründung habe er auch an der Uni viele neue Leute kennengelernt. Und plötzlich – waren sie also eine Art Familienunternehmen. Und ein perfektes Team: Seine Mutter kannte sich mit der Buchhaltung aus, sein Vater konnte die Umbauarbeiten übernehmen, sein Freund Johann Melzner, der damals noch in Salzburg Psychologie studierte, wusste über Verkaufspsychologie und Teambildung Bescheid, Maximilian Maurer selbst hatte das nötige BWL-Wissen – und den Unternehmergeist. „Die meisten Menschen reden ständig darüber, was man alles tun könnte – aber kaum jemand packt tatsächlich an“, sagt er.

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