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Resolution von Historikertagen : Gegen Gruppendruck und Bekenntniszwang

  • -Aktualisiert am

Bild: YourPhotoToday/PM

Beschlossen und verkündet: Mit einer Federstrichfassung der Weltgeschichte ziehen die deutschen Historikerinnen und Historiker in den Kampf gegen rechts. Zur Kritik der Resolution von Münster.

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          Wenn eine heterogene und auf ihre Streitkultur stolze Vereinigung wie der Historikerverband eine politische Resolution zu Fragen, die in der Gesellschaft breit diskutiert werden, ohne geheime Abstimmung per Akklamation verabschiedet, verlangt das nach Erklärung. Die Verfechter der Resolution begründeten die Dringlichkeit ihres Vorhabens mit der Gefahr, die unserer Demokratie „von rechts“ drohe: durch hemmungslose Angriffe auf die Grundlagen unserer politischen Ordnung, durch eine antidemokratische Sprache, durch populistische Verzerrungen der Wirklichkeit, durch „nationalistische Alleingänge“ in der Europapolitik, durch die Diskriminierung von Migranten.

          Angesichts derartiger Gefährdungen, so die Argumentation, sei ein Schulterschluss der Historiker nicht nur wünschenswert, sondern moralisch geboten. Andernfalls drohe der Untergang der Demokratie, der Verlust der Wissenschaftsfreiheit, der Rückfall in den Nationalismus. Eine möglichst geschlossene Einheitsfront der Wohlmeinenden sollte demonstrieren, dass die deutsche Geschichtswissenschaft die Zeichen der Zeit diesmal rechtzeitig begriffen hat und zum kollektiven Widerstand gegen die Mächte der Finsternis entschlossen ist.

          Zwang der Öffentlichkeit

          Man kann die Angelegenheit auch anders sehen. Eine kleine Minderheit auf dem Historikertag, darunter auch die Autoren dieser Entgegnung, und zahlreiche in Münster nicht anwesende Kollegen, die sich seither geäußert oder an uns gewendet haben, tun das. Hier sind unsere Argumente.

          Wer die Einhaltung demokratischer rechtsstaatlicher Regeln, Fairness in der Diskussion und eine pluralistische Streitkultur als wesentliche Grundlagen unserer politischen Ordnung schätzt, dem konnten in Münster Zweifel kommen, ob deren Schutz bei den deutschen Historikern in guten Händen ist. Es ging in der Mitgliederversammlung der vergangenen Woche weniger darum, strittige Fragen sachlich und kontrovers zu diskutieren, als vielmehr, das moralisch vermeintlich Richtige per Akklamation zur Geltung zu bringen.

          Als in der Versammlung unter ausdrücklichem Hinweis auf bestehende Hierarchien und Abhängigkeiten der Wunsch nach geheimer Abstimmung aufkam, war von einem der professoralen Initiatoren der Satz zu hören: „Wenn wir jetzt geheim abstimmen, können wir es gleich bleiben lassen.“ Der Antrag wurde niedergestimmt: Offensichtlich sollten Gruppendruck und der Zwang zum öffentlichen Bekenntnis hoch gehalten werden.

          Diffamierungen von links

          Die argumentative Stimmigkeit war demgegenüber nebensächlich. Die im Zeichen humanitärer Hilfe als deutsches Solo betriebene dauerhafte Öffnung der Grenzen im Herbst 2015 war letztlich nichts anderes als ein deutscher „Alleingang“, wie ihn die Resolution eigentlich ablehnt. Sie wurde jedoch als „Pflicht zur Hilfeleistung in humanitären Krisensituationen“ gutgeheißen.

          Kaum jemand, der in Schulen, Sozialämtern, Krankenhäusern, Asylunterkünften oder nicht zuletzt bei der Polizei mit den rauheren, oft gewaltsamen Seiten unserer gegenwärtigen Probleme konfrontiert ist, wird von der sich selbst verstärkenden und der eigenen Gewissheiten versichernden Einmütigkeit eines Akademikerschwarms im beschaulichen Münster beeindruckt sein. Was manchem dort womöglich wie ein mutiger Schritt in die Öffentlichkeit vorkam, erscheint von außen betrachtet als jenes Verharren in den eigenen Echokammern, das man gerne anderen vorwirft. Entsprechend skeptisch sind die ersten Reaktionen in den Medien ja auch ausgefallen.

          Unter Verweis auf die „antidemokratische Sprache der Zwischenkriegszeit“ wurde das Wörterbuch der Rechtspopulisten („Volksverräter“, „Lügenpresse“) bemüht. Die entsprechenden Diffamierungen von links, die in gleichem Maße diskursabschneidend und ehrverletzend wirken („Nazi“, „Rassist“), blieben unerwähnt. Ein Antrag, diese Unwucht auszugleichen, fand in der emotional aufgeheizten Atmosphäre gerade einmal eine Handvoll Befürworter. Die Stoßrichtung „gegen rechts“ sollte nicht verwässert werden: Antitotalitarismus war gestern. Antifaschismus ist (wieder) angesagt.

          Wenn sich Historiker zur Gegenwart äußern

          Fast peinlich wirkte das alles, weil es so bedeutungsschwer und staatstragend daherkam, nachdem der Bundestagspräsident in seiner klugen Eröffnungsrede die Historiker gerade zur Bewahrung geistiger Unabhängigkeit aufgerufen hatte. Heinrich von Treitschke wäre vermutlich amüsiert, wie seine schärfsten Kritiker unter den Nachgeborenen sich unter entgegengesetzten Vorzeichen wieder ins Bündnis mit der Regierung und dem vermeintlichen Zeitgeist begeben. Es gibt neben vielen Brüchen offenbar doch auch tief verwurzelte Kontinuitäten in der deutschen Geschichte.

          Politisch töricht war die Aktion, weil sie nach unserer Auffassung genau die Tendenzen befördert, die zu bekämpfen sie vorgibt. Pegida und AfD leben davon, dass in Deutschland das Juste milieu die Diskursgrenzen immer enger ziehen und vieles, was gesellschaftlich umstritten ist, aus dem Kreis des legitimerweise Diskutierbaren ausgeschlossen sehen möchte. Es ist gar nichts dagegen einzuwenden, wenn Historiker sich zu Gegenwartsfragen äußern.

          Die Geschichtswissenschaft hat durchaus auch eine gesellschaftliche Orientierungsfunktion. Wer sich dazu berufen fühlt und etwas zu sagen hat, kann sie wahrnehmen: allein oder als Gruppe, aber bitte im eigenen Namen und nicht indem man das ganze Fach dafür in Haftung nimmt, das nur in einem Ausschnitt in Münster zugegen war. Die Frage, warum so viele anerkannte Kollegen mittlerweile den Historikertag und die Mitgliederversammlung des Verbands meiden, wird nicht gestellt, lieber verbleibt man in der linksliberalen „Komfortzone“.

          Nach Münster

          Die Spaltung, die das Leitthema des Historikertages war, wurde durch die wohlfeile Resolution in den Verband hineingetragen. Im Namen der Geschichtswissenschaft wurde pauschal behauptet, Migration habe „die beteiligten Gesellschaften insgesamt bereichert“. In der Geschichte sind seit der Völkerwanderung auf allen Kontinenten so viele Gegenbeispiele zu entdecken, dass man sich fragt, warum ausgerechnet Historiker diese Behauptung aufstellen.

          Das zeigt die intellektuelle Sackgasse, in die man gerät, wenn man Fachkompetenz für politische Zwecke funktionalisieren möchte. Gleiches gilt für die bemühte Kolonialschuld als Legitimationsressource. Dass die Resolution zudem souverän die einschlägige Regelung in Artikel 16a des Grundgesetzes ignoriert, aber das „Völkerrecht“ bemüht, zeigt einmal mehr die Einseitigkeit der Stellungnahme.

          Im Gegensatz zu den Initiatoren der Resolution verlangen wir nicht, dass alle Kolleginnen und Kollegen unsere Ansichten teilen. Es würde uns schon genügen, wenn diejenigen, die sie äußern, sich in einem Verband, in dem eigentlich wissenschaftliche Themen und Interessen zur Geltung gebracht werden sollten, weiter vertreten sehen und heimisch fühlen können. Nach Münster erscheint uns das zweifelhaft.

          Dominik Geppert lehrt Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Potsdam, Peter Hoeres lehrt Neueste Geschichte an der Universität Würzburg.

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