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Resolution von Historikertagen : Gegen Gruppendruck und Bekenntniszwang

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Unter Verweis auf die „antidemokratische Sprache der Zwischenkriegszeit“ wurde das Wörterbuch der Rechtspopulisten („Volksverräter“, „Lügenpresse“) bemüht. Die entsprechenden Diffamierungen von links, die in gleichem Maße diskursabschneidend und ehrverletzend wirken („Nazi“, „Rassist“), blieben unerwähnt. Ein Antrag, diese Unwucht auszugleichen, fand in der emotional aufgeheizten Atmosphäre gerade einmal eine Handvoll Befürworter. Die Stoßrichtung „gegen rechts“ sollte nicht verwässert werden: Antitotalitarismus war gestern. Antifaschismus ist (wieder) angesagt.

Wenn sich Historiker zur Gegenwart äußern

Fast peinlich wirkte das alles, weil es so bedeutungsschwer und staatstragend daherkam, nachdem der Bundestagspräsident in seiner klugen Eröffnungsrede die Historiker gerade zur Bewahrung geistiger Unabhängigkeit aufgerufen hatte. Heinrich von Treitschke wäre vermutlich amüsiert, wie seine schärfsten Kritiker unter den Nachgeborenen sich unter entgegengesetzten Vorzeichen wieder ins Bündnis mit der Regierung und dem vermeintlichen Zeitgeist begeben. Es gibt neben vielen Brüchen offenbar doch auch tief verwurzelte Kontinuitäten in der deutschen Geschichte.

Politisch töricht war die Aktion, weil sie nach unserer Auffassung genau die Tendenzen befördert, die zu bekämpfen sie vorgibt. Pegida und AfD leben davon, dass in Deutschland das Juste milieu die Diskursgrenzen immer enger ziehen und vieles, was gesellschaftlich umstritten ist, aus dem Kreis des legitimerweise Diskutierbaren ausgeschlossen sehen möchte. Es ist gar nichts dagegen einzuwenden, wenn Historiker sich zu Gegenwartsfragen äußern.

Die Geschichtswissenschaft hat durchaus auch eine gesellschaftliche Orientierungsfunktion. Wer sich dazu berufen fühlt und etwas zu sagen hat, kann sie wahrnehmen: allein oder als Gruppe, aber bitte im eigenen Namen und nicht indem man das ganze Fach dafür in Haftung nimmt, das nur in einem Ausschnitt in Münster zugegen war. Die Frage, warum so viele anerkannte Kollegen mittlerweile den Historikertag und die Mitgliederversammlung des Verbands meiden, wird nicht gestellt, lieber verbleibt man in der linksliberalen „Komfortzone“.

Nach Münster

Die Spaltung, die das Leitthema des Historikertages war, wurde durch die wohlfeile Resolution in den Verband hineingetragen. Im Namen der Geschichtswissenschaft wurde pauschal behauptet, Migration habe „die beteiligten Gesellschaften insgesamt bereichert“. In der Geschichte sind seit der Völkerwanderung auf allen Kontinenten so viele Gegenbeispiele zu entdecken, dass man sich fragt, warum ausgerechnet Historiker diese Behauptung aufstellen.

Das zeigt die intellektuelle Sackgasse, in die man gerät, wenn man Fachkompetenz für politische Zwecke funktionalisieren möchte. Gleiches gilt für die bemühte Kolonialschuld als Legitimationsressource. Dass die Resolution zudem souverän die einschlägige Regelung in Artikel 16a des Grundgesetzes ignoriert, aber das „Völkerrecht“ bemüht, zeigt einmal mehr die Einseitigkeit der Stellungnahme.

Im Gegensatz zu den Initiatoren der Resolution verlangen wir nicht, dass alle Kolleginnen und Kollegen unsere Ansichten teilen. Es würde uns schon genügen, wenn diejenigen, die sie äußern, sich in einem Verband, in dem eigentlich wissenschaftliche Themen und Interessen zur Geltung gebracht werden sollten, weiter vertreten sehen und heimisch fühlen können. Nach Münster erscheint uns das zweifelhaft.

Dominik Geppert lehrt Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Potsdam, Peter Hoeres lehrt Neueste Geschichte an der Universität Würzburg.

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