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Lage der Geisteswissenschaften : Es gibt kein besseres Argument als ein gutes Buch

  • -Aktualisiert am

Lesen muss nicht immer gleich forschen sein: Studentin in der Leipziger Nationalbibliothek Bild: Frank Röth

Die Geisteswissenschaften stehen unter großem Legitimationsdruck. Um weiter eine Rolle zu spielen, müssen sie sich falschen Maßstäben widersetzen und ihren Wert aus sich heraus behaupten.

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          Wenn Michael Hampe, Professor für Philosophie an der ETH Zürich, seinen akademischen Bericht zusammenstellt, dann muss er seine eigenen Prioritäten zurückstellen: „Bücher, an denen das Herzblut hängt, sind in dem Bericht von untergeordneter Bedeutung“, sagt Hampe. Sein letztes Buch, „Die Lehren der Philosophie“, erschien 2014 bei Suhrkamp und löste eine eigene Debatte aus. Mehrere Symposien wurden speziell zu dem Text veranstaltet. Im Bericht der ETH aber ist das Buch nur ein „Item“ zwischen Aufsätzen und Gastvorträgen. Wer Monographien schreibt, schadet der Karriere.

          Der sinkende Stellenwert der Bücher verdeutlicht, dass die Geisteswissenschaften zunehmend Erwartungen unterworfen werden, die aus anderen Bereichen der Wissenschaft stammen. Nun lehrt Hampe an einer Technischen Hochschule, und in der Physik hat die Monographie eine andere Stellung. Stefan Collini aber, Professor für Englische Literatur und Intellectual History an der Universität Cambridge, berichtet aus Großbritannien etwas Ähnliches: Wer an der letzten Evaluation des Research Excellence Framework (REF) im Jahr 2014 teilnehmen wollte, musste grundsätzlich vier Publikationen vorweisen. Ein Buch zählte dabei genauso als Publikation wie ein Aufsatz. Die doppelte Wertung einer Monographie ließ sich zwar beantragen, ein Erfolg war aber nicht garantiert. „Für einige Geisteswissenschaftler wäre es da strategisch klüger, ihr Buch in mehrere Aufsätze aufzubrechen“, sagt Collini. Der Wissenschaftler muss sich das genau überlegen, denn von den Ergebnissen des REF hängt die Vergabe von Geldern ab.

          Die Übertragung naturwissenschaftlicher Maßstäben auf die Geisteswissenschaften ist in Großbritannien besonders weit vorangeschritten. Auch im deutschsprachigen Raum sind klare Zeichen für diese Entwicklung erkennbar. Beispiele dafür sind die Zunahme kumulativer Dissertationen und Habilitationen, die Quantifizierung der Forschungsleistung im H-Index und die Arbeit in drittmittelfinanzierten Projekten, die sich an der vergleichsweise kurzen Laufzeit von Promotionen bemessen. Das erzeugt einen Legitimationsdruck, dem die Geisteswissenschaften kaum gerecht werden können.

          Gelehrsamkeit statt Forschung

          Klar ist, wer forscht, kann sich der Logik zunehmender Spezialisierung nicht entziehen. Das erklärt die wachsende Bedeutung der Journal- und Konferenzbeiträge. Hier finden die Diskussionen der Scientific Community statt, hier konnten sich die „Reputationsscores als zentrale Leitwährung“ etablieren, wie der Soziologe Stefan Mau in seinem Buch „Das metrische Wir“ (Suhrkamp, 2017) schreibt. Für Mau stehen sich in den Sozialwissenschaften mittlerweile journal people und book people gegenüber: „Es rivalisieren also zwei Reputationswelten miteinander, die ihre friedliche Koexistenz längst aufgegeben haben.“ Da die journal people als Gewinner wesentlich bestimmen, was in die Zählung eingeht, werden die Buchveröffentlichungen gemäß Mau nach und nach „invisibilisiert“.

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