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Lage der Geisteswissenschaften : Es gibt kein besseres Argument als ein gutes Buch

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Das Problem ist also nicht die Spezialisierung als solche, sondern dass sich im Zuge der Messung des Forschungserfolges Kriterien und Verfahren etablieren, die falsche Anreize schaffen und ganze Felder kolonialisieren können. Man sollte den Begriff der Forschung in Bezug auf die Geisteswissenschaften deshalb mit Bedacht verwenden. Collini erinnert etwa an den englischen Begriff „scholarship“, der zunehmend durch „research“ verdrängt worden sei. Dabei hat „scholarship“ eine umfassendere Bedeutung. Der Blick des Scholars, oder zu Deutsch des Gelehrten, ist im Unterschied zu dem des Forschers nicht vorrangig auf die Zukunft, sondern zugleich auf die Vergangenheit gerichtet. Er orientiert sich nicht allein an den neuesten Publikationen, sondern steht in einer Tradition, hat einen Überblick über die Entwicklung seiner Disziplin und formuliert aus dieser Kenntnis heraus seine Fragen.

Der Wert einer angemessenen Selbstbeschreibung

Hans-Ulrich Gumbrecht, emeritierter Professor für Komparatistik in Stanford, schlägt zumindest für Teile geisteswissenschaftlicher Praxis den ursprünglich theologischen Begriff der Kontemplation vor. Jenseits seines Lehrdeputats liest Gumbrecht mit Studenten verschiedener Fächer im kleinen Kreis ausgewählte Texte, kürzlich etwa Nietzsches Zarathustra. Er selbst, sagt Gumbrecht, erhalte dafür kein Geld, eine Studentin oder ein Student keine Punkte. Doch die gemeinsame Auseinandersetzung mit Texten sei nicht nur Quelle der Inspiration, sondern auch einer intellektuellen Kultur, die sowohl für das Leben der Universität als auch für die Gesellschaft zentral sei. „Das meiste, was bei uns produktiv ist, läuft ohne zusätzliches Geld genauso gut“, sagt Gumbrecht, der in Stanford natürlich privilegierte Bedingungen hat: „Der Drittmittel-Ehrgeiz ist Teil eines Syndroms, das schlecht ist für die Geisteswissenschaften. In einer schrägen Analogie zu den Naturwissenschaften haben sie die Vorstellung, Forschung zu betreiben.“

Wie sich am Begriff der Forschung zeigt, ist die Frage der angemessenen Selbstbeschreibung keine Nebensache. An ihr hängen Selbstverständnis wie Außenwahrnehmung. Der Einfluss, den Ausdrücke wie „Effizienz“, „Impact“ und „Output“ auf das eigene Tun haben, ist nicht zu unterschätzen. Wo gemessen wird, interessiert man sich für die Resultate, selbst wenn man den Maßstäben der Messung misstraut. Wo man gedrängt wird, das eigene Tun in einer Terminologie des Managements zu fassen, gerät aus dem Blick, was dieser Logik widerspricht. Und wo Vorgaben aus den Naturwissenschaften übertragen werden, schrumpfen die vielfältigen Herangehensweisen der Geisteswissenschaften auf das Paradigma des Problemlösens zusammen.

Jenseits ökonomischer Profitabilität

Solche falschen Orientierungen haben Auswirkungen auf den institutionellen Rahmen. In England etwa hat die Regierung die finanzielle Grundausstattung der Geisteswissenschaften 2012 massiv zusammengestrichen. Die Lehre soll in Zukunft über die auf bis zu neuntausend Pfund erhöhten Studiengebühren bezahlt werden, die wissenschaftliche Arbeit über Projektgelder. Das bedroht die Geisteswissenschaften vor allem an weniger renommierten Universitäten. In der Lehre stellt die Kommodifizierung des Studiums das Ideal zweckfreier Bildung in Frage. Verschulden sich Studenten, wollen sie in der Regel sichergehen, dass sie mit ihrem Abschluss eine einträgliche Anstellung finden. Einige Fächer, etwa Kunstgeschichte und Altphilologie, sind daher in England hauptsächlich Kindern aus wohlhabenden Kreisen vorbehalten. Bei der Bewerbung um Forschungsgelder sollen Geisteswissenschaftler wie alle anderen auch den konkreten gesellschaftlichen Nutzen ihrer Arbeit benennen. Doch wie lässt sich dieser im Fall einer Monographie über die Darstellung von Tieren bei Kafka quantifizieren?

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