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Zukunft der Arbeit : Reißt die Bürowände ein!

Die Zukunft im Blick: Wilhelm Bauer ist Professor und Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation. Bild: Ludmilla Parsyak/Fraunhofer IAO

Wilhelm Bauer forscht über die Zukunft der Arbeit. W-Lan und Bluetooth hat er schon in den Neunzigern kommen sehen. Der Innovationsforscher im Gespräch über die nächsten großen Herausforderungen für die Arbeitswelt.

          3 Min.

          Wie lange forschen Sie schon über das Thema „Zukunft der Arbeit“?

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Seit den achtziger Jahren.

          Ist es wirklich so, dass gerade ein riesiger Umbruch stattfindet, oder haben Sie Ähnliches häufiger erlebt?

          Es gibt aufregendere und weniger aufregende Phasen, wirtschaftlich, technologisch, gesellschaftlich. Zum Beispiel haben wir 1999 ein Szenario zur Zukunft gemacht: Wie wird sich Büroarbeit bis 2015 verändern? Damals haben wir in dieses Szenario etwas reingeschrieben, das gab es noch nicht, aber man kannte schon mal die Vokabeln: Bluetooth und W-Lan. Wir sagten vorher, dass bis zum Jahr 2015 eine gewisse Vernetzung über Funk möglich sein wird. Das war damals komplett neu. Wir hatten Telefone, konnten aber noch keine mobilen Daten austauschen. Wir haben dieses Szenarioprojekt 2017 noch mal analysiert und geschaut: Was davon ist gekommen, was nicht, was schneller, was langsamer? Die technologischen Veränderungen waren viel schneller als wir vorhergesagt hatten.

          Was war langsamer?

          Die Veränderungen, von denen man dachte, dass sie sich zum Beispiel in den Büroräumen innenarchitektonisch vollziehen: Braucht man noch Schreibtische? Arbeiten viele Menschen von zu Hause und nur noch mit Tablets? Also alles, was dieses Gegenständliche anbelangt. Da gab es auch viele verrückte Ideen, aber die haben sich nicht so schnell eingestellt.

          Derzeit passiert ganz viel davon: Man reißt ein paar Wände ein, hängt eine Schaukel auf, macht Desksharing. Ist das nicht ziemlich oberflächlich?

          Man sollte das eine tun, aber das andere nicht lassen. Ich finde es gut, Wände einzureißen. Ich finde Farbe in den Büros gut. Ich finde es gut, zu sagen: So ein Büro muss aussehen wie eine Stadt, da muss es Marktplätze geben und tolle IT. Churchill hat mal gesagt: „First we shape our buildings and then they shape us.“ Das stimmt schon. Das andere ist: Menschen führen, sie anleiten, motivieren, Dinge zulassen, Freiräume schaffen. In einer Riesentransformation ist das die Hauptaufgabe. Der Vorstand kann viel, aber alleine kann er nichts.

          Viele Unternehmen schneiden Führungsebenen heraus, machen Hierarchien flacher. Das ist für Chefs schmerzhaft, aber auch für Mitarbeiter. Wie kann eine Organisation gut damit klarkommen?

          Es ist richtig, die Anzahl der Führungskräfte zu reduzieren, auch in Unternehmen, die noch ganz traditionell ticken. Aber das ist nun mal tendenziell nicht populär. Man muss reden, reden, reden. Die Mitarbeiter müssen das große Bild kennen, sie müssen wissen, wo es hingehen soll. Wie muss das Geschäft in zehn Jahren aussehen, damit wir profitabel sind, damit es uns überhaupt noch gibt? Und wenn ganz viele verstehen: Um diesen Weg zu gehen, brauchen wir weniger Führungskräfte, andere Führungskräfte und Qualifikationen – dann werden auch solche Maßnahmen plausibel und als notwendig, mindestens als logisch akzeptiert.

          „Ich finde es gut, Wände einzureißen. Ich finde Farbe in den Büros gut“, sagt Wilhelm Bauer über den zukunftstauglichen Arbeitsplatz.

          Was halten Sie davon, wenn sich innerhalb von Konzernen kleine „Schnellboote“ bilden, kleine Einheiten, die arbeiten wie Start-ups und vorangehen?

          Absolut dafür! Beispiele zählen. Wenn du gute Beispiele hast, gar aus dem eigenen Unternehmen. Wenn du sagen kannst: Hier, guck mal, in Heilbronn geht es doch, dann geht es auch in Karlsruhe, in Stuttgart oder in Reutlingen – das ist gut.

          Und wenn Kollegen neidisch werden auf das schicke interne Start-up in Berlin mit seinen ganzen Privilegien?

          Dann muss man sagen: Holt die Privilegien Schritt für Schritt rein. Macht nicht ein Lab in Berlin, wo dann Berliner Softwareleute eingestellt werden, und der Vorstandsvorsitzende fliegt alle drei Monate mal hin. Besser wäre: Nutzt die Chance, Impulse ins Unternehmen zu geben, davon zu lernen. Schickt die Leute aus Esslingen zeitweise ins Lab nach Berlin, und holt ein paar aus Berlin nach Esslingen.

          Was sind die nächsten Herausforderungen für die Arbeitswelt?

          Künstliche Intelligenz! In der Fabrik Roboter, in der Logistik selbstfahrende Lkw und in den Büros halt irgendwelche Chatbots und Softwareagenten, die Arbeiten übernehmen, zum Beispiel für Führungskräfte den Kalender führen.

          Und mein Band abtippen, wenn das Interview fertig ist. Auf Englisch funktioniert das schon gut, auf Deutsch noch nicht so.

          Ja genau, aber das wird kommen. Dann wäre das schon alles getippt, wenn Sie heute Abend nach Hause kommen. Mehr noch: Die KI wird wissen, wie Sie üblicherweise schreiben, und Vorschläge machen, ob jetzt ein Interview daraus werden soll oder ein Artikel. Und Sie können sich künftig noch mehr überlegen: Was will ich eigentlich wirklich tun? Sie können kreativ sein, konzeptionell arbeiten.

          Aber was ist mit denen, die gar nicht kreativ und konzeptionell arbeiten wollen und lieber um fünf gehen?

          Man darf das nicht schwarz oder weiß sehen. Schon heute machen die Leute in den Fabriken viel mehr mit ihrem Kopf als mit ihren Muskeln. Sie drücken nur noch einen Knopf, und der Rest ist Überwachung der Anlage, Ideen, wie man die voranbringen könnte. Und das ist gut. Immer mehr lästige Arbeit fällt weg, und immer mehr spannende und besser bezahlte entsteht. Und das ist eigentlich Antrieb fast aller Menschen. Wir werden schon noch Arbeit haben für Menschen, die zum Beispiel pflegen wollen. Aber vielleicht hätten selbst die gerne, dass sie mehr mit den älteren Menschen reden, spielen, sie geistig fördern können und dass der Pflegeroboter den Rest macht. Ich denke, für die meisten wird das der Fall sein.

          Das Gespräch führte Nadine Bös.

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