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Zu viele Studierende : Die Hochschule Darmstadt ist überlastet

Studierende der Hochschule Darmstadt protestieren gegen das schlechte Betreuungsverhältnis. Bild: Michael Kretzer

In Darmstadt regt sich Protest gegen ein Problem, das viele Hochschulen für Angewandte Wissenschaften haben: das Betreuungsverhältnis ist schlecht. Studierende und Dozenten fordern ein Einlenken.

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          Für die Studenten der Hochschule Darmstadt ist das Maß voll. „Genug ist genug“ lautet die Botschaft eines Banners am Gebäude der künftigen Architekten. Studenten des Fachbereichs und der gesamten Hochschule haben es bei Protestaktionen im Lauf dieses Monats dort angebracht. „Seit Jahren schießt die Zahl der Studenten durch politische Zwänge in die Höhe, es fehlt an Räumen und an Personal“, sagt Fabian P. Dahinten vom Fachschaftsrat Architektur. Grund für diese Entwicklung sei der Hochschulpakt 2020, der zur Aufnahme von immer mehr Studenten verpflichte.

          Tobias Schrörs

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Die Zahl der Architektur-Studenten sei von 871 im Jahr 2008 auf 1274 Studenten im Vorjahr gestiegen. Gleichzeitig sei die Zahl der Professoren nahezu konstant geblieben. 2008 hätten 20 Professoren die zukünftigen Architekten unterrichtet, 2017 seien es 21 gewesen. Das Fazit der Studenten: „Wir sind zu viele.“

          Die Kritik sei „nicht ganz von der Hand zu weisen“, sagt Hochschulpräsident Ralph Stengler. An seiner Hochschule sei die Studentenzahl von etwa 10500 im Jahr 2010 auf rund 17000 im Jahr 2017 angestiegen. Darmstadt sei allerdings kein Einzelfall. Um 83 Prozent habe sich die Zahl der Studierenden an Fachhochschulen hessenweit erhöht in den vergangenen zehn Jahren. Gleichzeitig sei die Zahl der Professoren nur um rund 15 Prozent gewachsen.

          Grundfinanzierung genügt nicht

          Stengler sagt, er habe viel Geld in Personal investiert. Ihm zufolge lehrten 2010 etwa 290 Professoren an der Hochschule, 2017 seien es rund 380 gewesen. Dennoch reicht es offenkundig nicht. Er hebt hervor, der Wissenschaftsminister habe sich sehr für die Hochschule eingesetzt, fügt aber hinzu: „Die Hochschulen haben so viel Geld gekriegt wie noch nie, hatten aber auch noch nie so viele Studierende.“

          Um möglichst viele Studenten aufnehmen zu können, habe er im Auftrag des Landes „überproportional viel Kapazitäten“ geschaffen. Nun drohten seiner Hochschule finanzielle Schwierigkeiten. Für die Lehre erhalte die Hochschule mit ihren rund 17000 Studenten Mittel vor allem aus zwei Töpfen: der Grundfinanzierung des Landes und den zusätzlichen Mitteln aus dem Hochschulpakt 2020.

          Im Rahmen der Grundfinanzierung bekomme die Hochschule für jeden Studenten in Regelstudienzeit eine Pauschale. Doch wegen einer Deckelung der Mittel überweise das Land nicht für alle rund 12100 Studenten in Regelstudienzeit Gelder, sondern nur für etwa 10200 von ihnen. Knapp 2000 Studenten seien damit nicht finanziert. Hinzu komme, dass die Pauschalbeträge je Student bei einigen Studiengängen gesunken seien. Heute erhalte die Hochschule 5666 Euro für einen angehenden Bauingenieur – vor zehn Jahren seien es 1500 Euro mehr gewesen.

          Mehr Professoren oder weniger Studenten

          Die zusätzlichen Mittel aus dem Hochschulpakt 2020 sind beschränkt auf Studienanfänger, also auf Studenten im ersten Hochschulsemester. Für Hochschul- und Studiengang-Wechsler fließt kein zusätzliches Geld. Stengler zufolge sind in Hessen sehr viele Studenten „Fachwechsler“.

          „Jetzt, wo die Deckelung greift, wird es immer schwieriger, Studierende nur aus Zusatzmitteln zu finanzieren“, sagt Stengler. Dahinten kommentiert die Situation so: „Man ist dann nur noch ein Student, der durchgeschleust werden muss, weil es sonst Geldprobleme gibt.“ Der Fachbereichsrat Architektur, in dem sowohl Studenten als auch Professoren vertreten sind, fordert von ihrem Hochschulpräsidenten, im neuen Wintersemester höchstens 200 neue Architektur-Studenten aufnehmen zu müssen. Eine gute Lehre und ein „Massenbetrieb“ seien nicht vereinbar, sagt der Dekan des Fachbereichs, Henning Baurmann. Der Forderung wird das Präsidium nicht entsprechen. Wie ein Sprecher der Hochschule mitteilt, seien 320 Erstsemester im Studiengang Architektur einkalkuliert.

          Gute Betreuung sei für künftige Architekten wichtig, sagt Dahinten. Ihm zufolge erbringen sie ein Drittel ihrer Leistungen, indem sie Pläne und Modelle anfertigen und diese mit Professoren diskutieren. Anstatt der vorgesehenen 12 bis 19 Personen seien es in den Gruppen oft 26 bis 40 Studenten, denen sich ein einzelner Dozent zu widmen habe. Obwohl viele ihrer akademischen Lehrer Idealisten seien und Überstunden machten, sei das nicht mehr tragbar. Laut Stengler ist nur ein einfacher Bruch zu lösen, um die Betreuungsrelation zu verbessern. Zwei Wege führten zum Ziel: mehr Professoren oder weniger Studenten.

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