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Kettenverträge an den Unis : Reform ohne Fluchtweg

Unmut der Befristeten: Protestaktion vor dem Bundesministerium für Bildung und Forschung mit einer Vertragskette. Bild: Kay Herschelmann

Die Novelle des Zeitvertragsgesetzes soll die Kettenverträge im akademischen Mittelbau beenden. Das gelingt aber nur, wenn sich die Politik bei den Drittmitteln selbst Zügel anlegt.

          5 Min.

          Es ist Sommerpause an den Universitäten, doch auf der größten Reformbaustelle ist Hochbetrieb. Gerade finden die Stakeholder-Gespräche zur Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes statt. Die Evaluation des Gesetzes, das die Kettenverträge im Mittelbau abschaffen sollte, war enttäuschend. Die Reform vor vier Jahren hat kaum etwas gebracht. Manche wollen das Gesetz deshalb abschaffen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung will bis Ende des Jahres, vielleicht auch etwas früher, einen neuen Reformentwurf vorlegen. Spätestens seit dem Empörungshashtag „Ich bin Hanna“ kann die Politik das Problem nicht mehr vor sich herschieben. Sie hat an der Reform aber auch ein eigenes Interesse. Ein System, das nachrückenden Wissenschaftlern die Lebensplanung unmöglich macht, darf sich nicht wundern, wenn es seine besten Kräfte an die Wirtschaft verliert.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Forderungen der maßgeblichen Akteure liegen auf dem Tisch. In der Diagnose ist man sich einig. Es ist kein ruhmreiches Alleinstellungsmerkmal, dass Deutschland ein weltweit einzigartiges Heer von rund 200 000 überwiegend befristet beschäftigten wissenschaftlichen Mitarbeitern unterhält, von denen nur die wenigsten die erlösende Professur erreichen und die anderen Mitte vierzig vor dem akademischen Nichts stehen. Auch in der Politik hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass von Wissenschaftlern, die in dauernder Abhängigkeit und Unsicherheit leben, keine originellen Erkenntnisse zu erwarten sind. Die Politik steht vor dem Dilemma, dass sie den Bedarf an flexiblen Wanderarbeitern durch den Ausbau der Drittmittelforschung selbst geschaffen hat, der den Befristungsdruck erzeugt.

          Ein neues Gesetz entfaltet also nur dann Wirkung, wenn dafür gesorgt wird, dass vertragliche Standards für Haushaltsstellen nicht durch Drittmittelstellen unterlaufen werden können, wie es bisher oft der Fall ist, und wenn parallel die Nachfrage nach befristeten Projektmitarbeitern gedrosselt wird. An dieser Stelle beginnt meistens das große Schulterzucken, und man reicht die Schuld an die Landesfinanzminister weiter, die nun einmal nicht bereit seien, die Grundfinanzierung der Hochschulen aufzustocken. Als größter Drittmittelgeber hat das Bundesministerium aber selbst einige Trümpfe in der Hand, es muss sie nur ausspielen. Nun sind Drittmittel ein Machthebel gegenüber der Wissenschaft, den die Politik nicht gern aus der Hand gibt. Sich von dieser Macht zu trennen könnte dem Ministerium aber umso leichter fallen, als inzwischen selbst die Deutsche Forschungsgemeinschaft, der zweitgrößte Drittmittelgeber, die Überhitzung des Systems beklagt hat. Es herrscht also Handlungsnot.

          Wie lang dauert die Qualifizierungsphase?

          Einig sind sich alle Akteure auch darin, dass das neue Gesetz nur den Exzess begrenzen kann, etwa Kettenverträge mit Laufzeiten von weniger als einem Jahr, aber die Reform der Personalstruktur an den Hochschulen nicht ersetzt. Man solle sich von der Novelle nicht zu viel versprechen, heißt es immer wieder. Es wäre jedoch ein Fehler, auf die klare Festlegung von Mindeststandards bei den Vertragslaufzeiten zu verzichten, schließlich gingen davon auch Impulse für die Personalreform aus. Die letzte Gesetzesnovelle hat diese Chance verpasst. Ihre Formulierungen sind so vage, dass sie von den Hochschulen beliebig interpretiert werden können.

          Den elaboriertesten Reformvorschlag hat die Junge Akademie vorgelegt. Sie teilt die wissenschaftliche Laufbahn in vier Phasen ein. Die Qualifikationsphase endet mit dem Abschluss der Promotion. Punkt. Wenn Fußballer mit Erreichen des zwanzigsten Lebensjahres nicht mehr als Nachwuchs bezeichnet werden, dann gibt es auch keinen Grund, das bei Wissenschaftlern Mitte vierzig zu tun. Das ist mehr als ein Streit um Worte. Denn die Sonderbefristungen in der Wissenschaft sind überhaupt nur möglich, wenn sie sich auf ein Qualifikationsziel beziehen. Fällt das Qualifikationsargument weg, darf nicht mehr befristet werden.

          Eine Befristung soll es in der frühen Postdoktorandenphase aber auch nach den Vorstellungen der Jungen Akademie noch geben dürfen. Die Vertragslaufzeit muss dann aber mindestens 24 Monate betragen, und dieser Vertrag darf nur einmal am selben Ort verlängert werden. Damit soll der Abstand zur nächsten Karrierephase verkürzt werden, die durch verantwortliche Positionen wie Forschungsgruppenleiter gekennzeichnet ist. Die Junge Akademie fordert mit guten Gründen, dass Wissenschaftlern dann ein Vertrag mit Dauerperspektive, sei es ein Tenure-Verfahren oder eine Dauerstelle neben der Professur, angeboten werden muss. Alles andere würde ihre Autorität gegenüber Mitarbeitern schwächen und kurzatmige Projektemacherei fördern. Eine grundsätzliches Limit für die Postdoc-Phase will die Junge Akademie aber nicht.

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