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Doku über Brennpunktschule : Das ist ja wie bei „Fack Ju Göhte“

  • -Aktualisiert am

Szene aus der ZDF-Dokumentation „Rechnen, Rappen, Ramadan – Schule im Brennpunkt“ Bild: ZDF und Lukas Piechowski

Das ZDF zeigt eine Dokumentation über die Kepler-Schule in Berlin-Neukölln. Wir haben eine Lehrerin aus Duisburg-Marxloh gefragt: Ist die Situation in schwierigen Stadtteilen wirklich so aussichtslos?

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          Sie möchten anonym bleiben, unterrichten an einem Gymnasium in einem Stadtteil, der als „No-Go-Area“ gebrandmarkt ist. Wie hat die ZDF-Dokumentation „Rechnen, Rappen, Ramadan - Schule im Brennpunkt“ auf Sie gewirkt?

          Auf mich wirkte die Dokumentation im ersten Moment wie „Fack Ju Göhte“: die Schüler bleiben trotz Unterrichtsbeginn um 8:30 Uhr fern, sie schaffen ihren Hauptschulabschluss nicht. Das, was man dort sieht, ist natürlich ziemlich hart. Auch wenn ich in einem sogenannten „Problemstadtteil“ unterrichte, finde ich das, was ich dort täglich erlebe, im Vergleich doch sehr harmlos. Durch so eine Dokumentation könnte die Debatte noch schlimmer werden, weil Außenstehende die Situation dort auf alle anderen Schulen in ähnlichen Stadtteilen übertragen könnten.

          Beide Schulen – Ihre in Duisburg-Marxloh und die Kepler-Schule in Berlin Neukölln – gelten als Brennpunktschulen. An beiden gibt es Probleme mit Werten wie Pünktlichkeit und Schulabsentismus. Aber insgesamt haben sich die Zustände wohl viele Zuschauer noch weit schlimmer vorgestellt.

          Das Problem von Brennpunktschulen ist dieser Stempel, den sie aufgedrückt bekommen. Allein der Begriff ist schon hoch problematisch, weil die Schüler dadurch ebenfalls abgestempelt werden. Viele denken, dass aus den Schülern sowieso nichts wird, sie keinen Abschluss machen und ohnehin in die Arbeitslosigkeit rutschen. Meiner Meinung nach klärt diese Dokumentation nicht darüber auf, dass solche Schulen kein Hort von Kleinkriminellen sind, sondern klammert sich an bestimmten Problemen fest. Die Doku zeigt fokussiert, dass die Schüler kein Interesse am Unterricht haben und die Perspektiven für einen Großteil der Schüler in der Arbeitslosigkeit bestehen. Da muss man sich mal fragen, warum das so ist statt mit ihnen, wie in der Dokumentation, einen Rap-Song aufzunehmen, der meiner Meinung nach das Ghetto-Image des Stadtteils verstärkt.

          Solche Klischees scheinen aber weit verbreitet zu sein. Wie nahm Ihr soziales Umfeld es auf, dass Sie Lehrerin werden wollen?

          Als ich entschied, Lehrerin zu werden, war die Reaktion bei den meisten: „Oh Gott! Das willst du dir antun? Die Schüler werden doch immer schlimmer – und dann noch in Marxloh?“ Ich musste mich tatsächlich viel rechtfertigen.

          Es hat sicher viel mit Vorurteilen zu tun.

          Eigentlich nur.

          Bestimmt auch bei den Schülern.

          Ja, dieser Stempel „Marxloh“ hat die Schüler schon beeinträchtigt. Als ich sie mal darauf ansprach, sagten sie mir, dass sie sich für ihren Stadtteil rechtfertigen müssen. Zum Teil wird ihnen auch die Wertigkeit ihres Abiturs abgesprochen. Ignoriert wird leider stets, was Schule und Schüler tatsächlich jeden Tag leisten.

          An der Kepler-Schule in Neukölln kommt es, wie der Film zeigt, vor, dass zwei Drittel der Schüler nicht anwesend sind. Schwänzen bei Ihnen nicht so viele Schüler den Unterricht?

          Nein.

          Mehr als 80 Prozent der Kinder in den Schulen Duisburg-Marxlohs haben einen Migrationshintergrund.
          Mehr als 80 Prozent der Kinder in den Schulen Duisburg-Marxlohs haben einen Migrationshintergrund. : Bild: dpa

          Anders als in der Dokumentation stehen Sie also nicht vor fast leeren Sitzreihen?

          Auf gar keinen Fall. Es gibt selbstverständlich Schüler, die mal verschlafen. Das Gefühl seitens der Schüler, ihre Schule repräsentieren zu wollen, ist aber ziemlich stark ausgeprägt. Sie wollen lernen, haben Interesse an Bildung generell und auch daran, etwas erreichen zu wollen. Sie gehen gerne zur Schule.

          Die Dokumentation nimmt für Verfehlungen vor allem die Elternhäuser in die Verantwortung. Teilen Sie diese Auffassung?

          Grundsätzlich hatte ich mit sehr engagierten Eltern zu tun, die bei Problemen ansprechbar sind. Nur selten gibt es Eltern, bei denen man auf Granit stößt. Es ist aber auch immer einfach, sämtliche Probleme aufs Elternhaus zu schieben. Lehrer sollten weder Schüler noch Eltern für ihre mangelnden pädagogischen Kompetenzen verantwortlich machen. Das Lehramt bedeutet mehr als sechs Wochen Sommerferien und eine gute Besoldung. Ich als Lehrerin habe neben dem Unterrichten auch das Erziehen als Hauptaufgabe. Ich muss für die Schüler da sein. Ich muss sie so gut es geht in meinen Unterricht einbeziehen, catchen, ihnen Inhalte vermitteln – und dabei darf das Zwischenmenschliche nicht auf der Strecke bleiben.

          Wie steht es um das Verhältnis zwischen Bildung und Erziehung? Nimmt die erzieherische Facette tatsächlich mehr Zeit in Anspruch?

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