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Arbeiten im Ausland : Wo sich der internationale Einstieg finanziell lohnt

  • -Aktualisiert am

Begehrt, aber teuer: London bietet Berufseinsteigern, relativ gesehen, nur ein mittleres Einkommen. Bild: QQ7/iStock/Thinkstock

Viele Unternehmen locken Berufseinsteiger mit attraktiven Gehältern ins Ausland. Doch wann lohnt sich solch ein Job finanziell tatsächlich?

          4 Min.

          Studenten finden sie auf jeder Jobmesse: die Stände internationaler Großkonzerne und deren Angebote, in der ganzen Welt für sie arbeiten zu können. Besonders Betriebswirte haben in Großunternehmen zunehmend die Möglichkeit, Einstiegsjobs in ganz Europa anzutreten – oder ein Traineeprogramm zu absolvieren, das Ausbildungsstationen in mehreren Ländern miteinander kombiniert. Ein verlockendes Angebot: Im Ausland zu arbeiten heißt schließlich, ganz neue Erfahrungen zu sammeln. Auch im Lebenslauf können sich mehrere Auslandsstationen sehen lassen, zeugen sie doch von Flexibilität und Tatendrang.

          Kein Wunder, dass bei vielen Studenten Fernweh aufkommt, wenn sie über eine Jobmesse an ihrer Uni schlendern. Doch es lohnt sich, genau hinzuschauen, bevor man sich ins Ausland verabschiedet. Denn längst nicht immer ist klar, ob sich der Auslandsjob auch finanziell lohnt, selbst wenn das Bruttogehalt im Ausland deutlich über einem vergleichbaren deutschen Gehalt liegt. Denn einem höheren Einkommen stehen oft höhere Ausgaben für Miete und Supermarkteinkäufe gegenüber.

          Der Frankfurter Allgemeine Hochschulanzeiger hat aktuelle Daten der international tätigen Personalberatung Hay Group ausgewertet: In den Rankings können Studenten vergleichen, wie viel Geld sie in 31 europäischen Städten in verschiedenen Jobs verdienen können – und wie hoch die Kaufkraft ihres Gehalts, gemessen an den Lebenshaltungskosten, ist. Grundlage ist immer das durchschnittliche Jahresbruttogehalt – ohne Boni und weitere Arbeitgeberleistungen – für Einstiegspositionen als Sachbearbeiter, Kundendienst- und Personalmanager sowie in den Bereichen Finanzen, IT, Marketing und Vertrieb (siehe Tabelle).

          Ein wichtiger Hinweis vorab: Weil der Einkommensteuersatz in vielen Ländern von verschiedenen Faktoren abhängt, etwa davon, ob man verheiratet ist oder in welcher Gemeinde man lebt, kann sich ein Land für manche Berufseinsteiger mehr lohnen als für andere. Dennoch zeigt sich ein klares Ergebnis in den Rankings: Ein höheres Bruttogehalt kann täuschen. Zwar verdienen Berufseinsteiger zum Beispiel in Genf oder Zürich in vielen Einstiegsjobs rund 30000 Euro mehr als in Frankfurt am Main – der Referenzort der Berechnung (siehe Kasten). Doch müssen sie dort fast das 1,7-fache für ihren Lebensunterhalt berappen.

          Teures Leben in der Schweiz

          Nicht nur in Schweizer Großstädten ist das Leben teurer als in deutschen. In Oslo, London, Kopenhagen und Luxemburg muss man ebenfalls deutlich mehr für den Lebensunterhalt aufbringen als in Frankfurt. Der Grund: Viele Menschen wollen in diesen Städten leben und arbeiten. Wohnraum ist daher knapp. Das treibt die Mieten in die Höhe. Deshalb müssen Bewohner deutlich mehr ausgeben, um einen vergleichbaren Lebensstandard wie in weniger begehrten Orten Europas finanzieren zu können.

          Das Problem: Die Lebenshaltungskosten spiegeln sich nicht unbedingt in den Gehältern wider. Wer zum Beispiel in Amsterdam lebt, muss ähnlich viel Geld für seinen Lebensunterhalt aufbringen wie in Frankfurt. Allerdings bekommt man laut den vorliegenden Daten im Erstlingsjob etwa in der Finanzbranche 44 853 Euro Jahresfixgehalt, also 9 201 Euro weniger als in Frankfurt – bei äußerst ähnlichen Lebenshaltungskosten. Ein Jobeinsteiger in Amsterdam muss deshalb fast ein Fünftel seines Gehalts zusätzlich aufbringen, um sich einen Frankfurter Lebensstandard leisten zu können.

          Beim Verhältnis aus Bruttogehalt und Lebenshaltungskosten schneidet Deutschland im Europa-Vergleich generell gut ab. Das bestätigt auch Thomas Haussmann, Vergütungsexperte der Hay Group: „Die Höhe des Gehalts hängt generell von der Entwicklung einer Volkswirtschaft ab.“ In Deutschland sei die Wirtschaft seit Jahrzehnten sehr stark gewachsen. Das führt laut Haussmann zu höheren und stabilen Löhnen. Zudem steige man in Deutschland oft mit einem höheren Gehalt im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ein, mache dann aber nicht ganz so große Gehaltssprünge auf dem Weg zur Spitze, wie es etwa in Großbritannien üblich sei, erklärt Haussmann.

          Wien für IT-Experten

          Einige gute Nachrichten für Reisewütige gibt es: IT-Experten können sich zum Beispiel in Wien ein deutlich besseres Leben leisten als in Frankfurt. Sie müssen rund ein Fünftel weniger von ihrem Gehalt ausgeben, um ihr Leben zu finanzieren, als in Frankfurt. Auch Jobanfänger im Marketing in Luxemburg, München, Genf und Brüssel haben es etwas besser als in Frankfurt.

          Nach unten gibt es ebenfalls Ausreißer, die Studenten wohl eher mit Vorsicht genießen sollten. Besonders auffällig: Der Berufseinstieg in der bei jungen Menschen begehrten Metropole London ist finanziell extrem unattraktiv. Die Lebensunterhaltskosten sind dort äußerst hoch und das bei einem – mit Frankfurt verglichen – mittleren Einkommen. Zwar kann man über London lobend sagen, dass viele dortige Unternehmen bereits Berufseinsteigern Boni zum Fixgehalt in Aussicht stellen. Nur fallen diese nach Erfahrungen der Hay Group für Berufseinsteiger zunächst nicht sonderlich üppig aus. „London ist für Berufseinsteiger ein sehr teures Pflaster“, sagt auch Vergütungsexperte Haussmann.

          Schlusslichter des Gehaltsrankings bilden mit großer Regelmäßigkeit Städte in Osteuropa, wie Prag, Bukarest, Sofia und Vilnius: Zwar sind die Lebenshaltungskosten hier deutlich geringer als im Westen. Die Löhne in Einstiegspositionen allerdings auch. Aber auch hier lohnt es sich, nochmals genauer hinzuschauen: Haussmanns Kollegin, die gebürtige Ungarin Tímea Rózsás, gibt Berufseinsteigern folgenden Tipp mit auf den Weg: „In Osteuropa machen die Nebenleistungen des Arbeitgebers manchmal bis zu 30 Prozent des Gesamtgehalts aus.“ Will heißen, der Arbeitgeber wertet die Gehälter seiner Angestellten mit Zusatzleistungen wie einer Altersvorsorge, Kantinenessen und Berufsunfähigkeitsversicherungen auf. Auch diese Form der Vergütung sollte man als Teil des Gehalts betrachten.

          Europa-Vergleich: Wo sich der Berufseinstieg lohnt.

          Wie viel das Gehalt von Berufseinsteigern, gemessen an den örtlichen Lebenshaltungskosten, in europäischen Städten wert ist. Maßstab ist das durchschnittliche Jahres-Fixgehalt von Einstiegspositionen für Wirtschaftswissenschaftler.

          Kundendienst
          Stadt Wert des Gehalts in örtlicher Kaufkraft Jahres-Fixgehalt
          Genf 103,0 88.105 €
          Frankfurt 100,0 51.302 €
          Zürich 94,0 81.222 €
          Kopenhagen 68,9 47.743 €
          Oslo 68,8 51.206 €
          Luxemburg 65,9 40.638 €
          London 52,3 38.791 €
          IT
          Stadt Wert des Gehalts in örtlicher Kaufkraft Jahres-Fixgehalt
          Frankfurt 100,0
          55.171 €
          Zürich 94,7
          87.938 €
          Luxemburg 90,8
          60.220 €
          Genf 89,4
          82.182 €
          Kopenhagen 74,1
          55.217 €
          Oslo 71,2
          57.000 €
          London 51,4 40.981 €
          Technik/Entwicklung*
          Stadt Wert des Gehalts in örtlicher Kaufkraft Jahres-Fixgehalt
          Frankfurt 100,0
          55.306 €
          Genf 89,6
          82.583 €
          Luxemburg 85,0
          56.522 €
          Zürich 84,5
          78.702 €
          Oslo 65,1
          52.234 €
          London 59,3 47.360 €
          *keine Angaben für Kopenhagen
          Vertrieb
          Stadt Wert des Gehalts in örtlicher Kaufkraft Jahres-Fixgehalt
          Frankfurt 100,0
          52.427 €
          Zürich 92,3
          81.434 €
          Genf 88,9
          77.706 €
          Luxemburg
          81,7
          51.480 €
          Kopenhagen 73,4
          51.987 €
          Oslo 64,0
          48.702 €
          London 52,2 39.518 €
          Finanzen
          Stadt Wert des Gehalts in örtlicher Kaufkraft Jahres-Fixgehalt
          Frankfurt 100,0
          54.054 €
          Genf 93,9
          84.638 €
          Zürich 88,1
          80.170 €
          Luxemburg
          70,7
          45.916 €
          Kopenhagen 68,9
          50.253 €
          Oslo 66,8
          52.364 €
          London 53,4 41.666 €
          Vertrieb
          Stadt Wert des Gehalts in örtlicher Kaufkraft Jahres-Fixgehalt
          Frankfurt 100,0
          52.575 €
          Zürich 99,5
          88.105 €
          Luxemburg 91,8
          58.008 €
          Kopenhagen
          78,1
          55.418 €
          Oslo 70,9
          54.083 €
          London 58,6 44.509 €
          *keine Angaben für Genf
          Human Resources
          Stadt Wert des Gehalts in örtlicher Kaufkraft Jahres-Fixgehalt
          Zürich 101,6
          87.754 €
          Frankfurt 100,0
          51.301 €
          Genf 92,5
          79.090 €
          Luxemburg 90,9
          56.074 €
          Kopenhagen 82,2
          56.909 €
          Oslo 72,5
          53.945 €
          London 57,5 42.641 €
          Marketing
          Stadt Wert des Gehalts in örtlicher Kaufkraft Jahres-Fixgehalt
          Luxemburg 108,6
          59.560 €
          Genf 104,7
          79.617 €
          Frankfurt 100,0
          45.606 €
          Zürich
          94,9
          72.846 €
          Kopenhagen 83,0
          51.120 €
          Oslo 82,8
          54.771 €
          London 58,2 38.324 €


          Quelle: Hay Group

          Die Auswertung

          Die Daten der Hay Group zeigen das durchschnittliche Bruttofixgehalt für Berufseinsteiger in Positionen für Wirtschaftswissenschaftler. Diese wurden mit einem Lebenshaltungskostenindex der Schweizer Bank UBS gekreuzt. Der daraus resultierende Index gibt die Kaufkraft an, die ein entsprechendes Bruttogehalt im Vergleich zu dem in Frankfurt am Main wert ist (Frankfurt = 100). Wenn eine Stadt über 100 Punkte erreicht, ist das Verhältnis zwischen Bruttogehalt und Lebenshaltungskosten besser als in Frankfurt. Wenn es niedriger ist, schlechter – man kann sich also weniger als in Frankfurt für sein Gehalt leisten. Individuelle Steuervorteile wurden in der Auswertung nicht berücksichtigt. Es kann also sein, dass das persönliche Nettogehalt in Einzelfällen höher liegt.

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