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Wissenschaftspolitiik : Exzellenz, einmal wörtlich

  • -Aktualisiert am

Die Harvard Universität in Boston, Massachussetts Bild: AFP

Die deutsche Wissenschaftspolitik redet von Klasse und fördert Masse. Was Exzellenz wirklich bedeutet, zeigt ein Blick in die Vereinigten Staaten.

          5 Min.

          Als Doktorand war ich kein einziges Mal in der Mensa. In den achtziger Jahren im Fachbereich Zoologie an der University of California in Berkeley konnten wir an jedem Tag der Woche Lunchtime-Seminare belegen. So wurde die Zeit effizient genutzt, um das mitgebrachte Sandwich zu essen und gleichzeitig neueste Publikationen zu diskutieren oder geplante Forschungsprojekte und Ergebnisse vorzustellen. Diese Seminare hatten unterschiedliche Kulturen und Umgangsformen. Meist ging es milde und nachsichtig zu. Aber es gab auch den berüchtigten montäglichen „Eco-Lunch“, der von drei bis vier Professoren der Ökologie geleitet wurde, alle extrem kluge, belesene und erfahrene Weltklasseforscher. Die Stimmung war hier oft angespannt und messerscharf kritisch. Alle gaben ihr Bestes, und dennoch flossen mit großer Regelmäßigkeit Tränen, wenn Doktoranden wegen oberflächlicher Literaturkenntnis, hypothesenfreier Fragestellungen, falscher Statistik oder fehlerhaften Designs der Experimente kritisiert wurden.

          Diese harte Schule forderte ihren Tribut. Obwohl schon bei der Zulassung zum Doktoranden-Studium in Berkeley extrem stark nach Qualität des geplanten Dissertationsprojekts – anhand von Noten, Test-Ergebnissen, mehreren Gutachten und persönlichen Interviews mit mehreren Professoren, die sich über den ganzen Tag hinzogen – gesiebt wurde, schaffte es nur rund die Hälfte der vielleicht fünf Prozent Besten, die überhaupt zum Doktorandenstudium zugelassen wurden, nach vier bis sieben Jahren mit einem Doktortitel abzuschließen. Ebenso ist es in Harvard, wo ich ebenfalls studierte. Ähnliche Zahlen kenne ich aus der State University of New York in Stony Brook, wo ich meine erste Professur hatte und für die Zulassung der Doktoranden verantwortlich war. Exzellenz bedeutet schließlich, dass nicht jeder exzellent sein kann. Es bedeutet Qualität und eröffnet Chancen.

          Die hohe Abbrecherquote lag auch an dem „Preliminary Exam“, das wir nach ein bis zwei Jahren überstehen mussten. Es war eine intensive drei- bis vierstündige Befragung durch vier bis fünf Professoren. Die Prüfungsvorbereitung nahm üblicherweise ein Semester intensiven Lesens und Lernens in Anspruch. Nur rund zehn Prozent fielen durch diese Prüfung, und man durfte es auch ein zweites Mal probieren, aber die Angst bewog viele von uns, vorher das Handtuch zu werfen. Dann galt es natürlich noch eine Dissertation zu schreiben, für die in der Regel mindestens drei Publikationen als Erstautor in den besten internationalen Zeitschriften erwartet wurden. Meine Kommilitonen, die das alles überstanden, sind alle Professoren an angesehenen Universitäten geworden. Das war auch die unausgesprochene Erwartung an uns.

          Ohne Selektion keine Weltspitze

          In Deutschland ist es fast unmöglich, einem einmal zugelassenen Doktoranden nach drei bis vier Jahren keinen Doktortitel zu geben. Diese falsche Einstellung, nein, das Gesetz schreibt vor, dass feste Dreijahresverträge für Doktoranden abgeschlossen werden müssen. Sicherlich brauchen Doktoranden Planungssicherheit, aber es muss möglich sein, weniger Qualifizierten früh zu signalisieren, dass sie sich auf dem falschen Weg befinden. Das ist sowohl menschenfreundlicher als auch ressourcenschonend. Denn die Inflation von aus Mitleid oder Indifferenz vergebenen Titeln schadet dem Ansehen der Universitäten und den Doktoranden selbst, die sich mit der trügerischen Aussicht auf eine wissenschaftliche Karriere später von Vertrag zu Vertrag hangeln. Anstatt auf Masse sollte man auf Klasse setzen. Zur Exzellenz gehört natürlich Geld, viel Geld sogar, aber es muss klug eingesetzt werden. Denn ohne Auslese, Talent und Fleiß wird man nicht Weltspitze.

          Die Selektion endet nicht mit dem Doktortitel. An der Harvard-Universität werden junge Wissenschaftler zunächst als Assistant Professor mit der Aussicht auf Festanstellung berufen. Aber nur rund zehn Prozent gelangen am Ende auf eine feste Professur in Harvard. In dem dafür zu bestehenden Tenure-Verfahren muss man sich quasi auf seine eigene Stelle wieder bewerben, und mindestens sieben Gutachter müssen dem Kandidaten mehr oder weniger unisono die Zugehörigkeit zu den zehn Prozent weltweit Besten im entsprechenden Feld bescheinigen. Die Mehrzahl der Assistenzprofessoren, die das nicht schaffen, bleiben im System und wechseln meist an weniger exzellente Universitäten mit Festanstellung oder zunächst ohne.

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