Wissenschaftsminister Thümler : Zu wenig Freiheit und zu viele Prüfungen für Studenten
- -Aktualisiert am
Eine der Universitäten soll den Exzellenzstatus erringen: Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler Bild: picture alliance/dpa
Wissenschaftsminister Björn Thümler spricht im Interview über die Exzellenzinitiative, Niedersachsens Sparkurs bei den Hochschulen und die neuen Pläne für die VW-Millionen.
Herr Minister, aus den Universitäten gibt es beständig Klagen über das Bologna-System. Ist das begründet?
Die Studenten haben unter Bologna-Bedingungen weniger Freiheit und mehr Vorgaben als früher. Eine Universität darf keine Schule sein. Die Digitalisierung der Lehre im Zuge der Pandemie könnte uns dabei helfen, die eher starren Strukturen vor allem im Bachelor-Studium aufzubrechen. Sie bietet die Chance einer Öffnung, in der man auch mal einen anderen Professor zum selben Thema hören kann oder Veranstaltungen zu einem ganz anderen Thema besucht.
Man hat den Eindruck, dass da auch ein Steuerungsproblem vorliegt: Die EU denkt sich etwas aus – und auch Jahre später ist niemand in der Lage, die Probleme wieder einzufangen.
Wir in Deutschland haben bei Bologna die EU-Vorgaben vor allem zu Beginn des Prozesses mal wieder viel zu eng ausgelegt, sodass die ursprünglichen Ziele schwer erreichbar waren. Vor allem die Anerkennung von Studienleistungen, die an anderen Hochschulen erbracht wurden, funktioniert nicht immer ordentlich. Das wiederum schränkt die Mobilität ein.
Oft beginnen die Schwierigkeiten mit Bologna schon vor dem Start an der Uni.
Richtig. Wer heute die Schule verlässt, will häufig noch immer Fächer studieren wie „Architektur“ oder „Geschichte“. Man hat dann aber die Wahl zwischen rund 20 000 verschiedenen Studiengängen. Da fällt jungen Menschen die Orientierung nicht immer leicht. An der einen oder anderen Stelle hapert es auch an strukturierten Informationen. Worum geht es bei „Urban Design“ – ist das eher Architektur? Oder Klimawandel? Wichtig ist bei dem breiten Studienangebot eine sehr gute Studienberatung.
Liegt der Fehler nicht bereits in der Annahme, dass man am Anfang des eigenen Studiums genau wissen soll, wo man am Ende rauskommt?
Deshalb müssen wir wieder höhere Freiheitsgrade schaffen. Die Dichte der Prüfungen darf nicht zu hoch sein. Vielleicht wäre es besser, in den ersten beiden Semestern deutlich weniger Prüfungen anzusetzen, die für den Studienabschluss zählen. Zumal die vielen Prüfungen auch für die Lehrenden eine Herausforderung sind.
Zuletzt wurde viel über die sogenannte Cancel Culture diskutiert. Wie finden Sie es, wenn auch an niedersächsischen Hochschulen Veranstaltungen attackiert werden, nur weil der Afrikanist weiß ist oder bei der Polizei arbeitet?
Das sind Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit und Meinungsfreiheit, der ich als Wissenschaftsminister strikt entgegentrete. Ich verstehe da auch manche Studierendenvertretungen nicht, die mit Verbotswünschen das Erbe ihrer eigenen Bewegung in Frage stellen.
An Hochschulen interessiert sich erfahrungsgemäß kaum ein Student wirklich für die Themen der Studentenvertretung. Aber der AStA hat trotzdem einigen Einfluss. Müsste man da nicht auch einmal über die demokratische Legitimität solcher Gremien sprechen?
Die studentische Mitbestimmung stelle ich nicht in Frage. Es liegt letztlich an den Studierenden selbst, wer sie in den Gremien vertritt. Über das Thema Governance von Hochschulen müssen wir aber trotzdem nachdenken. Für die ministerielle Ebene ist häufig kein Platz mehr, dafür beschäftigen sich Hochschulen ausführlich mit ihrer inneren Verfasstheit. Ob diese Entwicklung nur gute Seiten hat, lasse ich einmal dahingestellt. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass wir einige Traditionen überdenken. Im neuen niedersächsischen Hochschulgesetz haben wir die Möglichkeit geschaffen, Gelehrte mit hoher Reputation auch ohne Ausschreibung zu gewinnen und sie nicht mit einem langwierigen Berufungsverfahren zu vergraulen. Uns wird deshalb eine Aushöhlung der Demokratie der Hochschule vorgeworfen. Aber ich stehe zu diesem Schritt: Wir müssen schneller werden.
Bei der Behebung des Sanierungsstaus könnte es auch schneller vorangehen . . .