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Wissenschaftskommunikation : Systemrelevanz oder Systembruch?

  • -Aktualisiert am

Beratend: der Gesundheitsminister mit den Hofvirologen Bild: Imago

Wie selten zuvor stehen in der Corona-Krise Wissenschaft und Politik gemeinsam im Rampenlicht. Wie kann sich die Wissenschaftskommunikation in Krisenzeiten professionalisieren? Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Wie selten zuvor stehen in der Corona-Krise Wissenschaft und Politik gemeinsam im Rampenlicht. Wissenschaftler beraten Regierungen, sind online ebenso präsent wie in Fernseh-Talkshows, sind Krisenerklärer und Politikratgeber. Zeitungen, Radio, Fernsehen und Online-Medien schreiben ihnen bereitwillig einen „Helden“-Status zu. Wissenschaftskommunikation, so scheint es, erlebt in den aktuellen Frühlingswochen der Sars-CoV-2-Krise ihre Blütezeit. Deuteten Umfrageergebnisse bis vor kurzem noch darauf hin, dass die Medienarbeit von Wissenschaftsorganisationen und Hochschulpressestellen den Vertrauensverlust der Bevölkerung auch in die Wissenschaft nicht aufhalten konnte, so heißt es heute, Wissenschaftskommunikation sei „systemrelevant“. Ist sie es? Das Brennglas der Pandemie richtet aktuell seinen Strahl auch auf Systembrüche zwischen Wissenschaft, Politik, Medien und Öffentlichkeit. So werden Funktionalitäten, aber auch Dysfunktionalitäten deutlich. Wir sehen, wo es knirscht.

          Wissenschaftler, so heißt es im Selbstverständnis der Gelehrtenakademien, maßen sich nicht an, politische Entscheidungen zu treffen. Teildisziplinen der Wissenschaft könnten zwar fundamentale Zusammenhänge erklären, lieferten aber immer nur Teilerklärungen. Zudem müsste kein Wissenschaftler für die Folgen der Entscheidungen geradestehen, so wie es Politiker gegenüber ihren Wählern tun müssen. So lautet die Idealkonstellation der wissenschaftlichen Politikberatung: Die Wissenschaft zeigt Handlungsoptionen auf, Akademien beraten zum Für und Wider. Die Politik entscheidet. Was aber, wenn beides, wie in der gegenwärtigen Corona-Krise, unter Zeitdruck und bei unsicherer Ausgangslage zusammenfällt?

          Zu Beginn der Corona-Krise lagen lediglich rudimentäre Daten zur Ausbreitung des Virus in China, später dann in Norditalien vor. Politiker und Wissenschaftler mussten gleichwohl kontinuierlich auf dieser unklaren Basis bewerten und entscheiden. In der Wissenschaft ist das nicht ungewöhnlich: Aus wenigen Daten werden zunächst erste Hypothesen abgeleitet. Die führen zu verbesserten Datenerhebungen, besseren Analysen und schließlich zu belastbaren Aussagen. Selten verläuft dieser Prozess linear.

          Passt dieses Format in Zeiten der Pandemie?

          Er wird begleitet durch alternative Erklärungsvorschläge, durch Kritik und Gegenrede, kurz: durch jenes Ringen um den besten Erklärungsansatz, das zum Handwerk der Wissenschaft gehört. Politisch muss jedoch im Hier und Jetzt der Krise gehandelt werden. Der Lernprozess der Wissenschaft und der notwendige Expertenstreit fällt mit der Notwendigkeit klarer politischer Entscheidungen zusammen und trifft auf einen Journalismus, der in der politischen Berichterstattung darin geübt ist, kritische Fragen zum politischen Prozess zu stellen, widerstreitende Positionen zu erkennen und oftmals im Format A gegen B gegenüberzustellen. Doch passt dieses Format noch in Zeiten der Pandemie?

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