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Wissenschaftskommunikation : Systemrelevanz oder Systembruch?

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Es hat zur Folge, dass Wissenschaftler sich plötzlich in ihren Positionen nach den Formatvorlagen der politischen Berichterstattung beurteilt sehen. So stehen sie in der Kritik, weil es keine eindeutigen oder widersprüchliche Erklärungen gibt. Oder weil sie Positionen im Licht neuer Erkenntnisse revidieren.

Auch für Politiker heißt das Handeln in der Krise, lernend voranzugehen. Für Wissenschaftler bedeutet es, in der notwendigen Nähe zur Politik die Kritik der politischen Berichterstattung auszuhalten, bei Fehlinterpretationen aber auch lautstark zu widersprechen. Für Journalisten bedeutet dies, den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess nicht auf einfache Gegensätze zu reduzieren, sondern ihn in den Kontext von wissenschaftlichen Debatten einzuordnen. Die Gegenüberstellung von A und B läuft hier Gefahr, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, Mehrheits- und Minderheitenposition um des Gegensatzes willen als gleichgewichtig darzustellen. Hier ist eine wissenschaftsspezifische journalistische Beurteilungskompetenz gefordert.

Personalisierung und Heroisierung gehen Hand in Hand

Deutlich wird in der aktuellen Krise auch, dass es ein unsichtbares Virus zunächst nur schwerlich schafft, die Aufmerksamkeit von Bildmedien, also der Online-Kanäle und des Fernsehens, zu erlangen. Erst als Bilder der abgeriegelten Stadt Wuhan um die Welt gingen, als chinesische Bauarbeiter in Rekordzeit eine provisorische Klinik errichteten, begann sich die Aufmerksamkeitsspirale in Deutschland schneller zu drehen. Und mit den Bildern von Militärlastwagen, die in Bergamo massenhaft Särge abtransportierten, mit der Porträtaufnahme einer erschöpften Krankenschwester war das Drama der Krise in den Wohnzimmern und auf den Handybildschirmen in Deutschland präsent.

Moderne Bildmedien verlangen nicht nur die nüchterne Expertise. Sie brauchen das Bild, das Emotionen weckt. Damit erlangen sie Aufmerksamkeit: in der Öffentlichkeit, in der Politik, in der Wissenschaft.

Neben dem Bild, neben dem Drama verlangen diese Medien nach der Person: Wenn ein Virus unsichtbar ist, wenn Krisen komplex sind, dann stiften Vertrauenspersonen Orientierung. Dies haben auch Wissenschaftler in der Corona-Krise beispielhaft getan. Ungewohnt für die wissenschaftliche Gemeinschaft ist es jedoch, dass nicht immer die anerkannteste Koryphäe gefragt wird, sondern diejenigen, die in der Lage sind, sich auf die Formate von Fernseh- oder Social-Media-Kanälen einzulassen. Hier haben Kommunikationstrainings für Wissenschaftler – neben dem natürlichen Talent Einzelner – positive Spuren hinterlassen. Kritisch wird es jedoch, wenn Experten ausschließlich wegen ihrer Formattauglichkeit eingeladen werden – oder sich die Formattauglichen in den Vordergrund spielen.

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