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Publikationsmarkt : Europa, amerikanisch erklärt

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Die wissenschaftliche Welt spricht englisch - und publiziert in den Wirtschaftswissenschaften vorrangig in amerikanischen Journalen Bild: ZB

Der wissenschaftliche Publikationsmarkt hat sich von Europa in die Vereinigten Staaten verlagert. Das hat gravierende Folgen, etwa für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftswissenschaften.

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          Es ist keine gewagte Behauptung, dass sich der weltweite Siegeszug amerikanischen Fastfoods weniger dessen Qualität als effizienter Produktion und Vermarktung verdankt. Was hat das mit der Wissenschaft zu tun? Nun, ein vergleichbarer Vorgang spielt sich seit langem im wissenschaftlichen Publikationswesen ab. Über alle Fachgebiete hinweg blickt man gebannt in die Vereinigten Staaten, möchte dort und nirgends anders publizieren, ganz unabhängig von der gebotenen Qualität. Und weil das schon seit längerem so ist, gibt es oft keine einheimische Alternative mehr. Das hat allerdings zwei Nachteile: Erstens senkt es die Marktchancen der eigenen Publikationen, denn der Zugang zum amerikanischen Markt ist schwer. Zweitens verändert es auch ihren Charakter und den der Wissenschaft.

          Erinnern wir uns: In der Physik war Deutsch bis 1933 weltweit die Lingua franca. Wichtige Publikationen wurden in deutschen Fachzeitschriften abgedruckt, bis das NS-Regime die besten Wissenschaftler ins Exil trieb. Die Volkswirtschaftslehre war noch bis in die neunziger Jahre ein äußerst vielfältiger Publikationsmarkt, auf dem spezielle Themen mit lokalen Besonderheiten ein hohes Gewicht hatten. Das war für die wirtschaftspolitische Beratung förderlich und stimulierte intellektuelle Interventionen von Volkswirten. Schon damals gab es jedoch eine Gruppe europäischer Volkswirte, die sich lieber an amerikanischen Ökonomen orientierten. Ihr Interesse galt nur noch allgemeinen Themen, die sie mit abstrakten mathematischen Modellen untersuchten.

          Der Umschwung in Europa kam insbesondere durch die Vereinigung des europäischen Marktes. Regionale und nationale Barrieren verschwanden, die Globalisierung nahm Fahrt auf. Es lohnte sich fortan viel weniger, zu lokalen Themen zu forschen, und Publikationen widmeten sich fortschreitend allgemeinen Themen. Die deutsche Betriebswirtschaftslehre schlug etwas später den gleichen Weg Richtung Amerika ein.

          Die negativen Folgen dieser Kontinentaldrift lassen sich heute in vielen Feldern beobachten. Beispielsweise im Berufungsverfahren: War eine hochwertige Publikation in einem angesehenen Journal einmal der Mindeststandard für eine Professur, so werden heute in beiden Fächern hauptsächlich Publikationspunkte gezählt. Nicht mehr der Inhalt und dessen fachliche Begutachtung spielen die Hauptrolle, sondern der Index-Rang der Journale, in denen möglichst viele Publikationen erschienen sind. Die Wahrscheinlichkeit, in hochklassigen amerikanischen Zeitschriften zu publizieren, ist allerdings gering. Deshalb orientieren sich junge Wissenschaftler zunehmend an den Themen, die in diesen Journalen gerade hoch im Kurs stehen. Wirtschaftspolitische, praktische und lokale Themen spielen für sie kaum noch eine Rolle.

          Der Mangel wird dadurch verschärft, dass Publikation in hochrangigen internationalen Journalen wie „Nature“ und „Science“ von großen Förderorganisationen wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft besonders hoch gewichtet werden. Man muss dann nur noch die Impact-Faktoren der Luxus-Journale zusammenzählen, und fertig ist die Berufung. Aus dem Blick gerät, dass der Impact-Faktor, der den wissenschaftlichen Rang einer Zeitschrift vorgeblich neutral bestimmt, ursprünglich nicht als Kriterium für die Güte eines wissenschaftlichen Beitrags und die Reputation eines Forschers erfunden wurde, sondern von Bibliothekaren als Kriterium für das Abonnement von Zeitschriften.

          Amerikanische Beispiele für europäische Debatten

          In manchen führenden deutschen Universitäten beschränkt man sich in der Betriebswirtschaftslehre bei der Professorenauswahl je nach Bereich auf fünf amerikanische Zeitschriften. Da Berufungen langfristige Auswirkungen haben, lässt man sich so die Themen von amerikanischen Universitäten vorgeben. Originelle Forschung ist von Departments, die sich auf das Kopieren von Trends beschränken, nicht zu erwarten. Und intellektuelle Wortmeldungen zu europäischen oder nationalen Debatten greifen ins Leere, wenn sie nur mit amerikanischen Beispielen aufwarten können. Forschung mit lokaler Relevanz und gehaltvolle Debattenbeiträge kommen deshalb heute nicht mehr von den Universitäten, sondern fast ausschließlich von den großen Wirtschaftsforschungsinstituten.

          Eine wichtige Rolle spielt in der Volkswirtschaftslehre die Quasi-Monopolstellung der fünf Top-Journale, die von mächtigen (Universitäts-)Verlagen herausgegeben werden und als unantastbar gelten. Das hat die nicht zu unterschätzende Folge, dass Wissenschaftler nicht in ihrer Muttersprache schreiben können, die sie in der Regel wesentlich besser beherrschen als jede Zweitsprache. Das trägt ihnen einen komparativen Nachteil zu ihren englischsprachigen Kollegen ein und führt zu stilistischer Nivellierung. Die Autoren müssen sich den anglophonen Peers angleichen und werden es doch nie ganz schaffen.

          Diese Entwicklung verstärkt wiederum die Herausbildung von Seilschaften und Ko-Autorenkartellen. Da eine erfolgreiche Publikation eines Einzelartikels in einem hochrangigen Journal mit hoher Ablehnungsquote sehr unsicher ist, gibt man lieber seinen eigenen Namen einer fremden Publikation hinzu und verspricht dasselbe als Gegenleistung. In der Folge bekommt man bei Vorträgen anstelle komplexer Problemerfassung nur noch Einzelaussagen zu hören. Nachfragen zur Methodik werden mit dem Hinweis beschwichtigt, der dafür zuständige Ko-Autor sei leider nicht anwesend. Die übermäßige Spezialisierung führt so zu einem Mangel an integrativer Kenntnis des eigenen Fachs, zumal Universitäten, die nur noch auf Kennzahlen blicken, Fachwissen nicht mehr belohnen.

          Nur scheinbar paradox ist der gegenläufige Trend zu übermäßiger Verallgemeinerung. Er ist der Forderung vieler amerikanischer Zeitschriften geschuldet, den eigenen Ansatz mit einem Praxisbeispiel zu verzieren, das angesichts der Empirie-Ferne der betriebenen Forschung meist in der Luft hängt.

          Die Publikationschance auf dem amerikanischen Markt erhöht sich mit der Behauptung, mit der eigenen Forschung am nächsten „großen Ding“ dran zu sein. Gern bezieht man sich deshalb auf Debatten, die an amerikanischen Universitäten gerade geführt werden, ohne zu fragen, inwieweit sie auf europäische oder nationale Gegebenheiten übertragbar sind. Für Nachwuchswissenschaftler gilt in den Wirtschaftswissenschaften mittlerweile: „Publiziere in den dir gerade noch erreichbaren hochrangigen amerikanischen Top-Journals.“ Das hört sich unverfänglich an. Allerdings regeln diese Fachzeitschriften auch den Wissenschafts-Arbeitsmarkt in den Vereinigten Staaten (Einstellungen, Gehälter et cetera). Umso mehr werden europäische Autoren als Eindringlinge betrachtet, die knappen Journalplatz wegnehmen. Doktoranden mit wissenschaftlichen Ambitionen wird deshalb häufig geraten, ihren Doktor in den Vereinigten Staaten zu machen, um vom ungleich besseren Zugang zum amerikanischen Publikationsmarkt ihrer dortigen Betreuer zu profitieren.

          Wirtschaftspolitik ohne konzeptionellen Unterbau

          So hat sich zwar eine globale Forschungsliteratur herausgebildet, wie Marx und Engels schon 1848 prophezeit hatten, die aber nicht zu größerer Vielfalt, sondern zur Anpassung an amerikanische Standards geführt hat. Tatsächlich scheinen amerikanische Ökonomen in experimentellen, theoretischen und empirischen Aspekten innovativer zu sein. Das gilt aber nicht für die wirtschaftspolitischen Konzepte. Durch die Amerikanisierung wurde zwar die Artikelqualität deutlich gesteigert und ein Zugewinn an Rigorosität erreicht. Vorteilhaft ist dies besonders für politiknahe Analysen, da hier avancierte empirische Werkzeuge auf reale Probleme angewendet werden und vorläufige und unbegründete Urteile zurückdrängt werden. Geschwächt wird allerdings die Synthesekraft. So wurde die Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes in Deutschland konzeptionell entscheidend von Ökonomen vorbereitet. Es ist fraglich, ob sich für eine so weitreichende Reform heute noch genügend übergreifend qualifizierte Experten finden ließen. Die Europäische Forschungsförderung und der Bologna-Prozess haben dazu beigetragen, die verlustreiche Dominanz des transkontinentalen Blicks zu institutionalisieren. Ein europäischer Politiker, der beispielsweise nach neuen Wegen in der Industriepolitik sucht, wird von der Wissenschaft weitgehend im Stich gelassen. Auch die Expansion europäischer Forschungsthemen ändert daran nichts, weil auch sie auf den amerikanischen Publikationsmarkt abzielen.

          Man darf sich daher nicht wundern, wenn sich amerikanische Wirtschaftswissenschaftler immer wieder bar jeder Ortskenntnis in europäische Debatten einmischen, aus der sich ihre deutschen Kollegen heraushalten. Europäische Politiker, die für gewöhnlich die Abstraktheit ökonomischer Theorien kritisieren, lieben die marketinggerecht formulierten Vorschläge der amerikanischen Starökonomen. Sie können ihnen ja auch nicht gefährlich werden.

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