https://www.faz.net/-gyl-9m021

Modebegriff „Resilienz“ : Wir Stehaufmännchen

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Resilienz meint die Fähigkeit, mit Druck von außen fertig zu werden, ohne Schaden zu nehmen. In den letzten zehn Jahren hat der Begriff eine erstaunliche Karriere gemacht. Wie kam es dazu?

          2 Min.

          Sie wolle „keine Wette eingehen, wer hier im Hause weiß, was Resilienz ist“, sagte die Grünen-Abgeordnete Christine Stihl während einer bildungspolitischen Debatte im Bayerischen Landtag. Das war 2005. Heute wäre diese Wette nicht mehr so riskant. Denn der Ausdruck, der zu Beginn dieses Jahrhunderts in deutschen Wörterbüchern noch nicht verzeichnet war, ist in rasender Geschwindigkeit zum Schlagwort geworden, in Politik, Wissenschaft, Pädagogik, Psychologie, eigentlich überall.

          Seine Kernbedeutung ist „Elastizität“ im wörtlichen wie im übertragenen Sinne, also die Fähigkeit, mit Druck von außen fertig zu werden, ohne Schaden zu nehmen. Elastisch ist auch das Wort selbst, das mittlerweile die unterschiedlichsten Fachgebiete überspannt. Ingenieure bezeichnen damit Baustoffe, die sich unter Belastung vorübergehend verformen, statt zu brechen, Psychologen die Fähigkeit, Stress zu bewältigen, Mediziner das schnelle Regenerationsvermögen von Organen. Aber auch wenn es um gefährdete Ökosysteme oder heruntergekommene Stadtteile, um erodierende Staaten, trudelnde Finanzmärkte oder terroristische Bedrohungen geht, verheißt „Resilienz“ die Heilung aller Schäden.

          Was genau damit jeweils gemeint ist, ob Widerstands-, Anpassungs-, Rückbildungs- oder Regenerationsfähigkeit, bleibt allerdings im Ungefähren. Gerade diese Dehnbarkeit macht das Wort für Verbundforscher und Projektantragsteller aller Disziplinen so attraktiv. Allein die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert zurzeit vier große Vorhaben, die „Resilienz“ im Titel führen. Dabei geht es um soziale Umbrüche im Mittelalter, die Erregbarkeit neuronaler Schaltkreise, gesellschaftliche Strukturen im iranischen Hochland und die tröstende Wirkung der Religion. Selbst die Juristen veranstalten inzwischen Tagungen zur „Resilienz des Rechts“.

          Geprägt wurde der Begriff, der im lateinischen „resilire/zurückspringen“ wurzelt, im siebzehnten Jahrhundert von Francis Bacon. Der Philosoph bezeichnete damit physikalische Rückkoppelungen unterschiedlichster Art. „Resilience“, das seine Bedeutung bald auf emotionale Zustände ausdehnte, wurde Teil des englischen Bildungswortschatzes und avancierte nach dem Ersten Weltkrieg angesichts traumatisierter Kriegsteilnehmer zu einem Schlüsselwort der Psychologie. Die eingedeutschte „Resilienz“ hingegen blieb bis weit in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hinein ein spezieller Terminus der Naturwissenschaften und der Medizin. Nur selten überschritt das Wort die Fachgrenzen: Ende der sechziger Jahre konstatierten Sozialwissenschaftler die „Resilienz“ des Kapitalismus, und 1988 definierte Carl Friedrich von Weizsäcker das Wort als „die stehaufmännische Wiederherstellung nach Krisen“. Das Krisenbewusstsein hat sich seitdem noch einmal verstärkt, und es ist kein Zufall, dass auch der Gegenbegriff der „Resilienz“ gerade Konjunktur hat – die „Disruption“, die den radikalen gesellschaftlichen Umbruch bezeichnet. Im Begriff der „Resilienz“ verdichtet sich die Hoffnung auf Beständigkeit gegenüber der Macht der Disruption.

          Weitere Themen

          Ein Stupser für die Umwelt

          Nudging : Ein Stupser für die Umwelt

          Verhaltensökonomen erforschen mit Experimenten, wie Menschen sanft in eine „bessere“ Richtung gelenkt werden können – auch in der Umweltpolitik. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Unter Druck: Armin Laschet am Montag im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin

          F.A.Z.-Machtfrage : Führungsanspruch am grüngelben Faden

          In der Union war der Ton gegenüber Armin Laschet am Wahlabend noch wohlmeinend, mittlerweile lässt er immer weniger Raum für Interpretationen. Hilft die Machiavelli-Lektüre?
          Den Kopf auf „Reset“: Anne, Josephine, René und Clara (von links) unterstützen die Clubszene, aber ans Tanzen müssen sie sich erst wieder gewöhnen.

          Clubs nach der Pandemie : Flirten läuft so jedenfalls nicht

          Eine ganze Generation hat seit mehr als einem Jahr aufs Feiern verzichtet. Nun geht es wieder los – aber wird alles wieder so, wie es mal war? Vier junge Menschen berichten darüber, wie sie die Clubszene unterstützen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.