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Bildungshürden nehmen : Lesen auf dem Bildschirm leistet weniger

  • -Aktualisiert am

Interessengesteuert: Das Aussuchen der Lektüre hilft jungen Lesern Bild: Picture-Alliance

Neugier auf eine ferne Welt: So können die Bildungshürden des Lesens und Schreibens auch von Kindern aus bildungsfernen Familien überwunden werden.

          6 Min.

          Lesenlernen ist sekundär. Die gesprochene Sprache zu lernen geht dem Lesen bei lebenden Sprachen immer voraus. Dabei weist gesprochene Sprache eine atemberaubende Komplexität auf. Doch dieses System kann das Kind knacken, weil die Evolution hilft. Schon der Säugling kann die Sprachlaute unterscheiden. Bis sich im Alter von etwa sechs Monaten sein Kehlkopf senkt und erst damit der Rachenraum physikalisch menschliche Laute produzieren kann, hat sich das Lautsystem im Köpfchen ausgebildet. Bedenkt man, dass zur Aussprache einer Silbe etwa einhundert Muskeln im Millisekundenbereich von der Zungenspitze bis zum Zwerchfell aktiviert und auch gehemmt werden müssen, verwundert es nicht, dass das Sprechenlernen vom Lallen bis zur flüssigen Rede einige Jahre braucht.

          Etwa siebentausend Jahre nach Auftauchen der ersten Schriftzeichen gelang es der Evolution offenbar noch nicht, auch für das Lesen Pate zu stehen. „Wir sind nicht zum Lesen geboren“, so die Leseforscherin Maryanne Wolf. Entscheidend scheint zu sein, dass keine direkten neuronalen Verbindungsstränge angelegt sind zwischen Gehirnpartien für visuelles Erkennen und dem System, das Buchstabenfolgen in Wörter, in Begriffe, in Bedeutung zu übersetzen verlangt. Es gilt, die Augenbewegungen zum gleichzeitigen Fokussieren eines Punktes, zum gemeinsamen Springen zur nächsten Lesestelle motorisch zu koordinieren. Dies beherrscht ein Kind meist erst im Alter von fünf, sechs Jahren. Beim Lesen müssen die Schriftzeichen mit den mentalen Bedeutungsarealen verbunden werden, während der Gesamtzusammenhang nicht verlorengehen darf.

          Wie knackt das Kind das Schriftsystem? Im Gegensatz zum Englischen, bei dem ein unbekanntes Wort nie mit Sicherheit korrekt ausgesprochen werden kann, scheint es im Deutschen einfach zu sein, das alphabetische System zu durchschauen. Doch die Sprachlaute überlappen sich stets und beeinflussen sich wechselseitig, so besteht keineswegs, wie naiverweise angenommen, eine geradlinige Entsprechung von Lautung und Schreibung. Abgesehen davon unterscheiden sich gesprochene und geschriebene Sprache in vielerlei Hinsicht.

          Lesescheu und Schriftvermeidung

          Den Einstieg in unsere alphabetische Schrift schaffen erfolgreiche Leser in der Regel so, dass sie erst ihren eigenen Namen lesen können und bald auch schreiben. Die Namen der Geschwister, der Freunde folgen. Jedes Kind legt hier seinen eigenen Weg zurück. Der Einstieg ist damit gefühlsmäßig äußerst positiv aufgeladen, und Wörter, Texte, die interessant sind, werden mit Aufmerksamkeit wahrgenommen. Ein Gewinn ist dabei die unbewusste Erkenntnis, dass Laut und Buchstabe sich nicht überall hundertprozentig entsprechen, dass aber das Ganze ein System ist. Diese Einsicht ist Grundvoraussetzung für erfolgreiches Lesenlernen.

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