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Plädoyer gegen das Duzen : Sag gerne Sie zu mir

  • -Aktualisiert am

Das Duzen wird beliebter, aber dadurch verschwindet auch eine professionelle Distanz. Bild: Theispot

Geduzt wird inzwischen in fast jedem Lebensbereich. Dabei wahrt das „Sie“ eine professionelle Distanz. Wer dagegen ist, steckt inzwischen schnell in der Schublade „Spießer“. Richtig ist das nicht.

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          Der späte Vater hockt beim Kita-Abend auf dem Zwergenstühlchen neben der bis dato fremden Zwillingsmutter und wird kollektivem Du verpflichtet: „Hallo, ich bin die Maike, die Mama vom Jasper.“ Beim nächsten Mal begegnet der Mann ihr in der urologischen Sprechstunde und hätte viel dafür gegeben, sie bei der intimen Ratsuche mit Frau Dr. R. anzusprechen. Nicht alle sind mit der niedrigschwelligen Kontaktaufnahme glücklich. Denn dass Abstand durchaus Anstand bedeutet – das zeigt nicht nur die Pandemie. Umgangsformen sind mächtig im Wandel. Vieles ist menschlicher. Das förmliche „Fräulein Müller, zum Diktat bitte“ stieß schon übel auf, als gendern noch ein Fremd- und Feminismus bei vielen ein Schimpfwort war.

          Statt Anzug und Kostüm stehen auch Polohemd und Blumenkleid für Kompetenz, entscheidend ist, wer drinsteckt. Der Ausverkauf des Siezens ist problematischer. In 24 Prozent der Unternehmen wird geduzt. Warum ist das so? Viele Arbeitnehmer sind erpicht darauf, top-integriert und offen für Neuerungen aller Art zu sein. Die Duz-Welle ist vom Privat- ins Berufsleben geschwappt und breitet sich dort tsunamimäßig aus. Vom blutjungen Uni-Absolventen bis zur Kollegin der Filiale: Wir sind alle eins und gleich per Du. Man grüßt sich, man lernt sich gerade erst kennen und ist sofort bei der vertraulichen Anrede. Denn bei uns geht es lässig zu! Das Thema Umgang mit Autoritäten ignorieren wir.

          Distanz ist hilfreich

          Das putzige „Du, Frau Müller, ich muss mal pullern“ ist Geschichte. Die meisten Kinder kommen gar nicht mehr auf die Idee, die Eltern ihrer Freunde nicht zu duzen. Finden die das nicht gut, von Mia-Fiona Brigitte genannt zu werden, katapultieren sie sich in die Spießerschublade. Die Berliner Jusos fordern übrigens, Lehrer künftig zu duzen – dass das dem hauptstädtischen Bildungsniveau zuträglich ist, darf bezweifelt werden. Dass alle Genossen „Olaf“ sagen, ist ohnehin gewöhnungsbedürftig. Auch in der Werbung wird munter geduzt. Angeblich verschafft das ein jüngeres Image. Selbst die Deutsche Bahn schwenkt auf Instagram, Twitter und Facebook aufs Du um, falls ein Follower das verweigert, wird er immerhin weiter gesiezt. Ansonsten gibt es kein Erbarmen, auch der Achtzigjährige muss damit klarkommen: Soll sich der Wilhelm beim Bettenkauf oder Radiohören mal locker machen – lieg mal Probe bei uns, hier kriegste was auf die Ohren! Das hat schon Fremdschämmomente.

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          Die Pandemie ist ein Innovationstreiber, um Bürowelten neu zu denken. Wir preschen forsch voran, rücken näher zusammen und werfen fürs Duzen den Turbo an. Das wird schnell distanzlos und öffnet der Respektlosigkeit Tür und Tor. Die viel zitierte Wahrheit bleibt: „Du Depp!“ kommt den meisten schneller über die Lippen als ein gepfeffertes „Sie Depp!“ Dann ein Du zurücknehmen, es dem anderen wieder entziehen? Das ist so lächerlich, wie es sich anhört. Mit gutem Grund hat der französische Soziologe Pierre Bourdieu den Respekt das „symbolische Kapital“ einer Gesellschaft genannt. Das muss man nicht durch ein flottes Du verspielen.

          Das „Sie“ als Korsett kann auch stützen

          Natürlich kommt es auf den Einzelfall und die Unternehmenskultur an. Im Start-up fast ohne Hierarchien gehört Duzen zum guten Ton, alles andere wäre Krampf. Eine Gruppe junger Leute mit einigen nicht mehr ganz so jungen Kollegen, okay, wenn die sich untereinander duzen. Siezen käme ihnen spanisch vor. Ein gutes Stichwort, denn die Auslandsaufenthalte prägen junge Generationen. Im angelsächsischen Raum gibt es die Unterscheidung nicht, aber da schwingt Achtung mit, und es ist naiv zu glauben, dass das „Kevin, nice to meet you“ eine Steilvorlage für ein intimes Geplauder darstellt. In amerikanischen Hire-and-fire-Unternehmen geht es halt nur äußerlich lässiger zu als in Europa, andere Regeln verlaufen knallhart. Rund ein Drittel der Sprachen kennt eine Unterscheidung wie Du und Sie, die anderen nutzen vielfache Kniffe, um respektvolle Distanz und Höflichkeit auszudrücken.

          Und dann der Fall X: Die Chefin ist 20 Jahre älter, entscheidet über Karrieren und Gehälter, sie verhält sich fair, ist sympathisch, aber nicht unsere Freundin. Das freundliche Sie stört nicht die Bohne, auch nicht beim Kantinengang. Oder der Fall Y: Der neue Vorgesetzte ist 20 Jahre jünger. Wollen wir da mit sanftem Gruppendruck gezwungen werden, ihn Max zu nennen? – Nein, danke. Lieber nicht. Sich zu siezen mag ein Korsett sein, das engt aber nicht nur ein, sondern stützt auch, um sich nicht zum Affen zu machen. Es gibt kluge Menschen, die wollen nicht geduzt werden, wollen nicht jede und jeden duzen. Sie sind hier nicht privat. Sie arbeiten hier. Professionelle – auch äußere – Distanz hilft dabei immens. Abstand gut, alles gut? Nein. Aber manches fällt leichter, unter anderem auch, Kritik auszuteilen.

          Wen das dauernde Du nervt, dem sei eine Strategie angeraten: Plump, pene­trant und laut zurückduzen, so hält man Szenekneipenkellner herrlich auf Trab und treibt Möbelverkäufer in den Wahnsinn. Denn im Laden wollen die meisten deutschen Kunden dann doch nicht geduzt werden. Das Probesitzen auf Grönlid verträgt sich gut mit dem Siezen. Kapiert, du doofe Nuss?!

          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

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