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Karrierepfade, Teil 9 : Wie wird man CFO bei Borussia Dortmund, Herr Treß?

Wichtiger Mann bei Borussia Dortmund: Finanzchef Thomas Treß Bild: dpa

Eigentlich hatte Thomas Treß mit Fußball überhaupt nichts zu tun. Bis er Finanzvorstand bei Borussia Dortmund wurde. Seitdem muss er den Grat zwischen Emotion und Vernunft bewältigen. Ein Portrait.

          6 Min.

          Norbert Dickel rief alle Namen, und es waren die Namen von Helden. So empfanden es zumindest die rund 400.000 Menschen, die an diesem Sonntag im Mai 2011 auf den Beinen waren, um die deutsche Meisterschaft von Borussia Dortmund zu feiern. Roman Weidenfeller, der Kapitän. Jürgen Klopp, der Trainer. Aki Watzke, der Präsident. Mario Götze, das Nachwuchstalent. Oder Lucas Barrios, der vielfache Torschütze. Alle waren da, jeder Einzelne wurde auf die Bühne geholt und dort frenetisch bejubelt. Nur Thomas Treß nicht. Sicher, Stadionsprecher Dickel rief auch ihn auf. Immerhin hatte Treß, der für Finanzen zuständige Geschäftsführer der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA, eine entscheidende Rolle gespielt auf dem Weg, den der Fußballklub zwischen 2005 und 2011 gegangen war: vom Abgrund zur deutschen Meisterschaft.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Treß’ Name war zum Sinnbild für den Turnaround geworden: von einem von Insolvenz bedrohten Unternehmen zum deutschen Fußballmeister. Doch
          als sein Name genannt wurde, konnte ihn Thomas Treß nicht hören. Er war nämlich nicht mehr da. „Ich saß im Auto auf dem Weg nach Hause“, sagt er. Es ist der Satz, der seine Denkweise und seinen Charakter am ehesten beschreibt, verkürzt, aber treffend. Denn während fast eine halbe Million Menschen einen sportlichen Erfolg bejubelte, den auch er, mit seinen unternehmerischen Mitteln, möglich gemacht hatte, hatte sich Treß längst aus dem Scheinwerferlicht zurückgezogen. „Ich nehme mich nicht so ernst und nicht so wichtig.“

          Thomas Treß ist der Herr der Zahlen bei Borussia Dortmund, das mittlerweile pro Jahr einen Umsatz von 250 Millionen Euro erwirtschaftet. Im obersten Stockwerk der Geschäftsstelle, unweit vom Stadion entfernt, führt der 49-Jährige mit ruhiger Hand seine Geschäfte – Tür an Tür mit dem auch in den Medien allgegenwärtigen Hans-Joachim Watzke. Doch dass er eines Tages mal jeden Morgen auf dem Weg in sein Büro an dem großen gelben BVB-Wappen im Eingangsbereich vorbeigehen würde, war lange Zeit nicht abzusehen.

          Thomas Treß: Keine Ahnung von Fußball

          Denn: Vom Fußball hatte Treß keine Ahnung. Als 2005 die Anfrage aus Dortmund kam, dort in der Geschäftsführung die Finanzen zu übernehmen, „war Fußball für mich so weit weg wie der Mond von der Erde“. Treß war Wirtschaftsprüfer, und das mit Leib und Seele.

          Nach der mittleren Reife absolvierte Treß zunächst eine kaufmännische Ausbildung in einem Autohaus und entschied sich, mit dem Titel „Groß- und Einzelhandelskaufmann“ im Gepäck, das Abitur an der Wirtschaftsoberschule in Stuttgart nachzuholen. Anschließend studierte er ein Semester Wirtschaftsmathematik. „Aber das war nicht mein Ding.“ Er wechselte in die Betriebswirtschaftslehre. Das Grundstudium sei zunächst eine Art Orientierungsphase gewesen. „Viele Studenten legen sich zu früh fest“, kritisiert Treß. Eine Spezialisierung, etwa auf das Fach Sportökonomie, sei erst im Hauptstudium oder heute im Master zu empfehlen, rät er Studenten. Die Zeit davor sei eine wichtige Grundausbildung, die auch der Orientierung diene. Treß probierte sich aus, weilte ein halbes Jahr lang für ein Praktikum bei Siemens in Mexiko-Stadt, und er fasste einen Entschluss: Er wollte eine Karriere als Steuerberater und Wirtschaftsprüfer anstreben. Der Grund: „Ich liebe diesen Beruf.“

          Thomas Treß: Vom Wirtschaftsprüfer zu Borussia Dortmund

          Daran änderten auch die harten Examen zum Wirtschaftsprüfer und Steuerberater nichts, die er ab 1993 parallel zu seinen ersten Jahren bei PwC absolvierte. „Das war ein hartes Brot“, erinnert er sich. Während die Freunde feiern gingen, musste er büffeln. Aber es war die richtige Wahl: Er habe die Vielfalt des Berufs kennengelernt – und dass Wirtschaftsprüfer nicht nur Häkchenmacher seien, sondern eine wichtige gesellschaftliche Kontrollfunktion hätten, sagt er.

          Nach dem Wirtschaftsprüfer-Examen allerdings ging seine Zeit bei PwC zu Ende. Man sagte ihm, wenn er sich jetzt richtig anstrenge, könne er Partner werden. „Die wollten funktionierende Rädchen im System, keine Querdenker.“ Doch ein Rädchen wollte er nicht sein. Er hatte Glück, wurde von einem Personalberater abgeworben und ging zu RoelfsPartner. „Hier war ich viel breiter und unternehmerischer aufgestellt.“ Heute Fusion, morgen Börsengang, übermorgen Sanierung. Er war an seinem Ziel angekommen.

          Einer seiner Kunden war auch das Unternehmen Borussia Dortmund, das als Folge einer katastrophalen Finanzpolitik 2004 kurz vor der Insolvenz stand und bei Roelfs um Unterstützung anfragte. Treß half aus, und die Borussia wollte ihn abwerben. Mehrere Monate lang habe man versucht, ihn zu überzeugen, erzählt Treß, „doch die Borussia war eine heiße Herdplatte.“ Er: in sicherer Position, mit vielseitigen Aufgaben. Der BVB: in unsicherer Lage, knapp an der Insolvenz vorbeigerauscht, noch lange nicht wieder saniert. „Der Erfolg hat viele Väter, mit der Niederlage sind oft nur wenige Namen verbunden“, so Treß. Hätte er den BVB nicht sanieren können, einer dieser Namen wäre seiner gewesen. Ein großes Risiko.

          Borussia Dortmund: Finanzieller versus sportlicher Erfolg

          Er hat es genommen. Wirtschaftsprüfer wechseln nicht selten die Seite, sind in der Wirtschaft vor allem in Finanzabteilungen begehrt. Irgendwann verliere es seinen Charme, anderen zu sagen, was sie zu tun hätten, findet Treß. „Ich wollte meine eigenen Konzepte machen, selbst Entscheidungen treffen und dafür auch die Konsequenzen tragen.“ Das durfte er beim BVB.

          Seitdem ist es ihm gelungen, den Verein und das Unternehmen wieder auf eine solide finanzielle Basis zu stellen. 2005 hatte der BVB bei etwa 80 Millionen Euro Umsatz rund 200 Millionen Euro Finanzverbindlichkeiten und zudem das Stadion verkauft. Mittlerweile ist der Klub schuldenfrei, wieder im Besitz der Arena und hat allein in den vergangenen drei Geschäftsjahren einen Gewinn in Höhe von 100 Millionen Euro erwirtschaftet.

          Deutscher Meister 2011: Als Borussia Dortmund 2011 den Titel feierte, war Finanzchef Thomas Treß (rechts) mittendrin. Doch eigentlich lässt er Personen wie (von links) Hans-Joachim Watze, Thomas Klopp und Michael Zorc in der Öffentlichkeit lieber den Vortritt.

          Heute schaut sich Treß jedes Heimspiel des Klubs an, ab und an auch mal eine Auswärtspartie. Wer bei Borussia Dortmund arbeitet, muss verstehen, wie die Region tickt und für den Fußball lebt. Und das geht am besten im Stadion, beim Blick auf die Südtribüne, auf der bei jedem Bundesligaspiel 25.000 Menschen stehen. Es ist die größte Stehplatztribüne Europas. „Der Fußball hat hier eine hohe Bedeutung, das muss man wissen.“ Borussia Dortmund, das sei eine große Familie. Und in einer Familie, so Treß, seien gewisse Dinge ausgeschlossen. „Der Fan gibt dem Verein einen Vertrauensvorschuss.“ Und dieser muss zurückgezahlt werden, durch vertretbare Eintrittspreise, durch konsequentes Vorgehen gegen radikale Fangruppen, durch ein klares Markenversprechen – und durch eine konsistente und nachhaltige Finanzpolitik.

          Diese Gemengelage macht seinen Job zu einem Sonderfall. Denn das Erzielen von Gewinnen und das Anhäufen finanzieller Reserven stehen in dieser Rolle nicht im Vordergrund. Die Fans von Borussia Dortmund schauen vor allem auf eines: den sportlichen Erfolg. Diese Tatsache entwickelt einen ungeahnten Druck, Gelder vorschnell in Spieler zu stecken. „Weder kurzfristige Gewinnmaximierung noch kurzfristige sportliche Erfolge sind der richtige Weg.“ Vielmehr ist es Teil seines Jobs, das sportlich Gewünschte am unternehmerisch Möglichen zu messen – und daraus Empfehlungen abzuleiten, die das Gesicht von Borussia Dortmund entscheidend prägen.

          Thomas Treß: „Sport ist kein mathematischer Prozess“

          Dabei muss er eine unumstößliche Einschränkung in Kauf nehmen: Dass sportlicher Erfolg nicht kalkulierbar ist. Weil er von Transfers, Schiedsrichterentscheidungen, sportlichen Formkurven abhängt. „Sport ist kein mathematischer Prozess. Meine Aufgabe ist es, die Wahrscheinlichkeit des sportlichen Scheiterns bei meiner Arbeit abzuwägen.“ Dafür dürfe er sich nicht emotional in das Fan-Dasein fallenlassen, sondern müsse mit ruhiger Hand, Abgeklärtheit, Verbindlichkeit agieren.

          Borussia Dortmund ist auch dank Thomas Treß ein solides Unternehmen - mit einem riesigen Fanpotential.

          Nach dem finanziellen Turnaround zwischen 2006 und 2008 und der folgenden Konsolidierung folgten kurz darauf sportliche Erfolge, mit denen so schnell keiner gerechnet hatte: die
          deutsche Meisterschaft 2011 und 2012, der Einzug ins Champions-League-Finale 2013, das Dortmund knapp gegen den deutschen Vorzeigeklub Bayern München verlor.

          Apropos Bayern: Trotz einer, vor allem mit Blick auf die Historie, mittlerweile komfortablen finanziellen Situation und trotz des neuerlichen sportlichen Höhenflugs unter dem neuen Trainer Thomas Tuchel sieht es Thomas Treß als Irrglauben an, mittelfristig die Vormachtstellung der Bayern ins Wanken bringen zu können. Stattdessen gelte es, möglichst immer international vertreten zu sein – und sich gegen die nationale Konkurrenz etwa aus Wolfsburg, Leverkusen und vor allem aus dem benachbarten Gelsenkirchen-Schalke abzusetzen.

          Nur zwei Tage nach dem Interview mit Thomas Treß gelang Borussia Dortmund im für die Fans so wichtigen Revierderby gegen den Nachbarklub in der Bundesliga ein 3:2-Erfolg. Thomas Treß saß bei dem Spiel auf der Bühne, weitgehend unbemerkt, aber dennoch zufrieden. Auch außerhalb des öffentlichen Fokus genießt er das Gefühl, einen Anteil am Erfolg des Klubs zu haben – immerhin hat sich seit seinem Amtsantritt allein der Erlös aus dem Verkauf der Fanartikel auf 40 Millionen Euro verzehnfacht. Bejubelt wurden gegen Schalke aber wieder die anderen: Shinji Kagawa zum Beispiel, den man einst für 350.000 Euro nach Dortmund lotste, zwei Jahre später für 16 Millionen an Manchester United verkaufte und wiederum zwei Jahre später für die Hälfte der Summe zurückholte. „Natürlich hatten wir auch ein wenig Glück“, so Treß. Gegen Schalke schoss Kagawa ein Tor, seine Autogrammkarten gehen in Dortmund weg wie warme Semmeln.

          Auch von Thomas Treß gibt es Autogrammkarten. Es ist so ziemlich das Einzige, was ihn aus seiner Sicht mit dem Ruhm der Spieler verbindet. Doch im gleichen Atemzug schränkt er diese Verbindung schon wieder ein: „Meine Autogramme sind bei weitem nicht so begehrt.“

          Treß’ Karrieretipps

          - Studenten sollten am Anfang ihres Studiums das Handwerkszeug lernen und sich erst dann auf ein Spezialgebiet festlegen.

           
          - Die Studienzeit ist die beste Zeit für die Persönlichkeitsentwicklung. Studenten ist dabei auch ein Auslandsaufenthalt immer zu empfehlen.

           
          - Mit einem Bachelor können Studenten in der Regel fachlich und persönlich nicht am Markt bestehen. Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel.

           

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