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Märchenmuster im Berufsalltag : Und die Moral von der Geschichte

Märchen begleiten uns nicht nur bei der Gute-Nacht-Geschichte, sondern auch im echten Leben. Bild: Kat Menschik

Märchen sind dröge und unmodern? Von wegen: Es lassen sich uralte psychologische Muster in ihnen entdecken, die sich im Berufsleben wiederfinden – zumal in der Pandemie. Eine etwas andere Literaturanalyse.

          7 Min.

          Es war einmal eine Arbeitswelt, die sich in großem Wandel befand. Die Menschen hatten wenig Muße, aber aus Kindertagen noch eine Vorstellung, worum es in Märchen geht. Das ist ein Schatz, sagen Psychologen und arbeiten mit uralten Märchenmotiven, um aktuelle Konflikte im Arbeitsleben aufzudröseln. „Aschenputtel“ repräsentiert eine resiliente Persönlichkeit, „Des Kaisers neue Kleider“ den eitel-isolierten Chef, der sich mit autoritätsgläubigen Ja-Sagern umringt. „Die Bremer Stadtmusikanten“ brillieren als ältere Berufswechsler mit Teamentwicklung und Arbeitsteilung. Den leidgeprüften Azubis „Hänsel und Gretel“ gelingt der Aufstieg. „Der gestiefelte Kater als Unternehmer“ hat der emeritierte Wirtschaftsprofessor Rolf Wunderer sein Buch über „Lehren aus Management und Märchen“ betitelt. In „Rotkäppchen“ erblickt Wunderer übrigens eine motivierte, „aber begrenzt kompetente Routinearbeiterin“.

          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Jede Kultur kennt Märchen. Sie sind im komplexer werdenden Alltag in Videospielen, Fantasy-Serien und Superhelden-Filmen präsent. „Sie geben Hinweise, wie man mit Konfliktlagen umgehen kann“, sagt Gloria Becker. „Jedes Märchenbild umfasst einen charakteristischen Entwicklungsspielraum. Typische seelische Grundthemen und damit verbundene Ängste und Nöte sowie die Art und Weise, damit umzugehen, unterscheiden sie“, erklärt die Kölner Psychologin, die in der Therapie, der Unternehmensberatung und Marktforschung grundlegende Muster psychologisch herausarbeitet, damit ihre Klienten und Kunden verstehen, „wo und warum gerade der Schuh drückt und was zu tun wäre“. Ein „Dornröschen“ treibe etwas anderes um als „Das tapfere Schneiderlein“, sagt die promovierte Psychologin.

          Ein Gespräch mit ihr ist unterhaltsam und erkenntnisreich. „Schneewittchen“ erzähle beispielsweise vom unerreichbaren Perfektionsideal. „Man vergleicht sich in einer bohrenden Rivalität ständig mit anderen und schaut sich pausenlos im Spiegel an. Auch noch so winzige Makel stören; nie ist etwas gut genug. Immer wieder fordert man auch im Berufsleben Feedback ein. Intrinsische Motivation greift kaum, denn man muss sich ständig im Vergleich mit anderen messen.“ Das verstärkt Stress. „Man selbst legt die Latte hoch, will tadellos sein, treibt sich gnadenlos an.“ Selbst in der Freizeit gelte das Vollkommenheitsmaß.

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          Dabei seien Fehler unvermeidbar und durchaus lehrreich. „Das Märchen gibt einen Hinweis, wie man diesem rigiden Totalitätsanspruch begegnen kann. Die sieben Zwerge verdeutlichen, dass es hilfreich ist, das große Ganze in Portionen aufzuteilen, die machbar sind, und Dinge im Teamwork voranzubringen.“ Andere werden nicht als Konkurrenten erlebt, die es auszustechen gilt, sondern als sich gegenseitig unterstützende Mitwirkende an einem gemeinsamen Werk. „Man kann sich mit weniger zufrieden geben, ohne wie besessen vergeblich die hundertprozentige Lösung anzustreben.“

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