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Berufe zum Anfassen : Wie sich Jugendliche für eine Ausbildung begeistern lassen

Langweilig oder spannend? Eine ehemalige Grundschule in der Nähe von Paderborn ist jetzt Berufsorientieriungszentrum - hie kann man auch eine Fräse ausprobieren. Bild: Edgar Schoepal

Der Sog der Universitäten ist zu stark – es fehlt an Jugendlichen, die eine Ausbildung machen wollen. Einige Initiativen tun etwas dagegen. Und kümmern sich auch um die besonders schweren Fälle.

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          Eigentlich war schon alles in trockenen Tüchern. Viele Bewerbungen hatte der Werbespezialist Neumann aus Delbrück in der Nähe von Paderborn für das neue Ausbildungsjahr zwar nicht bekommen, drei an der Zahl, um genau zu sein. Doch ein Kandidat war vielversprechend, in einem dreiwöchigen Praktikum hatte er sich schon ganz gut angestellt.

          Britta Beeger
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Kurz bevor die Ausbildung beginnen sollte, sagte er dann aber doch wieder ab. „Wir waren natürlich enttäuscht“, sagt Andrea Tepper, die Assistentin der Geschäftsführung. An einem kalten Wintertag hat sie daher auf einer Ausbildungsmesse in einer alten Hauptschule einen kleinen Stand aufgebaut, um doch noch einen Lehrling zu finden – und zwar für einen Beruf, den kaum jemand kennt, der aber viel zu bieten hat: den des Schilder- und Lichtreklameherstellers.

          So wie Andrea Tepper und ihren Kollegen geht es vielen Unternehmen in Deutschland, nicht nur, aber gerade auch im ländlichen Raum. Ob Elektriker, Bäcker, Maurer, Florist oder Koch: Auszubildende werden händeringend gesucht.

          Der Sog der Universitäten

          Wie ernst die Lage ist, zeigt schon die Statistik der Bundesagentur für Arbeit. So war in diesem Jahr erstmals seit der Wiedervereinigung die Zahl der gemeldeten Ausbildungsplätze höher als die Zahl der Bewerber – eine klare Trendwende. Kürzlich schlug zudem der Deutsche Industrie- und Handelskammertag Alarm: Jeder zehnte Ausbildungsbetrieb aus Industrie und Handel, 17 000 insgesamt, bekommt heute keine einzige Bewerbung mehr. Der Sog an die Gymnasien und von dort an die Universitäten ist einfach zu groß. Die über viele Jahre gesunkenen Schülerzahlen tun ihr Übriges.

          Während Politik und Wirtschaftsverbände noch darüber nachdenken, wie sie wieder mehr junge Menschen für eine duale Berufsausbildung begeistern können, sind in der Nähe von Delbrück konkrete Ideen entstanden und sogar schon in die Tat umgesetzt. Denn die alte Hauptschule, in der an diesem Tag Hunderte Schüler über die zugigen Flure drängen, dient nicht nur als Räumlichkeit für eine Ausbildungsmesse. Sie ist zu einer richtigen Berufe-Erlebniswelt geworden.

          Im Holzwerkraum
          Im Holzwerkraum : Bild: Edgar Schoepal

          In den Klassenzimmern von einst gibt es nun eine Holz-, eine Elektro- und eine Metallwerkstatt, einen Dachstuhl, ein Gewächshaus, eine Altenpflegestation und ein kaufmännisches Büro – allesamt ausgestattet von Unternehmen vor Ort und mit den Materialien, Maschinen und Werkzeugen, die man im Berufsalltag tatsächlich braucht.

          Die Idee: Die Schüler sollen selbst ausprobieren, welche Art von Tätigkeit ihnen Spaß macht. „Mit Flyern und ein paar Kugelschreibern lockt man heute niemanden mehr“, sagt Markus Kamann, der die Idee zu all dem hatte. „Da muss man sich schon ein bisschen mehr einfallen lassen.“

          Kamann muss wissen, wovon er spricht, schließlich hat er es sich schon Anfang des Jahrtausends zur Aufgabe gemacht, junge Menschen in Ausbildung zu bringen. Allerdings unter umgekehrten Vorzeichen: Damals gab es in Deutschland mehr als vier Millionen Arbeitslose, und es fehlten Zehntausende Ausbildungsplätze. Eindringlich appellierte die Bundesregierung an die Unternehmen, mehr Lehrstellen anzubieten.

          In dieser Gemengelage trat das örtliche Arbeitsamt mit einer ungewöhnlichen Bitte an Kamann heran, der im Hauptberuf einen auf Personalvermittlung spezialisierten Dienstleister leitet. Viele Unternehmen in der Region würden ja gerne ausbilden, seien aber zu klein, um dafür Mitarbeiter abstellen zu können. Oder zu spezialisiert, so dass sie zum Beispiel über die Dreh- und Fräsmaschinen, die für eine von der IHK anerkannte Ausbildung im Metallbereich nötig sind, gar nicht mehr verfügten. Ob Kamann nicht etwas einfalle?

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