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Gründungsgeschichte : Universität Konstanz als Mythos und Kippfigur

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Flexibles Experiment: Die Universität Konstanz Bild: Universität Konstanz

Reformfähig bis zur Endstation Exzellenz: An der früheren Reformuniversität Konstanz lässt sich ablesen, wie eine Hochschule ihren Gründungsmythos dem Systemwandel anpasst.

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          Eine der Funktionen des Mythos ist bekanntlich, Verbindlichkeit im Fluss der Ereignisse zu schaffen. Für die Universität der Gegenwart stellt der Appell an Gründungs- und Reformmythen eine willkommene Gelegenheit dar, sich auf das Institutionelle der Universität zu besinnen. Während die Universität als Institution gern auf die Tradition zurückgreift, die ihr einen unverwechselbaren Charakter geben soll, präsentiert sie sich auf der Organisationsseite als etwas jederzeit Veränderbares und Optimierbares. Die Kunst oder politische Klugheit einer Universität liegt darin, aus diesem offensichtlichen Widerspruch eine verbindliche Geschichte zu machen. Anhand der Reformuniversität Konstanz soll der skizzierte Sachverhalt exemplarisch dargestellt werden.

          Mythen sind Anfangserzählungen. Wie Albrecht Koschorke gezeigt hat, werden „Anfänge erst im dramatisierenden Rückblick zu dem, als was sie gelten. Was die Zeitgenossen erleben, ist oft wenig spektakulär und wird erst in der Folgezeit zu einem epochalen Ereignis ausfabuliert.“ Am Anfang der Universität Konstanz steht ein kleiner, unscheinbarer Zettel, eine kurze Notiz des Ministerpräsidenten Kiesinger. Dieser Zettel wird im Archiv der Universität Konstanz als Reliquie aufbewahrt. In etwas ungelenker Grammatik schreibt Kiesinger am sechsten September 1959: „Ich habe vorhin (Stadtrat) den Gedanken – falls neue Universitätsgründungen notwendig werden – Konstanz für unser Land vorgeschlagen.“

          Für die Universität ist dieser Zettel ein Teil ihrer Identität geworden. Auf ihn wird immer dann – wie bei Universitätsjubiläen oder Exzellenz-Bewerbungen – Bezug genommen, wenn es darum geht, Kiesingers Fähigkeit zur politischen Weitsicht auf die eigene Rolle im Universitätssystem zu übertragen. Konstanzer Universitätspolitik besteht dann darin, Entwicklungen in Wissenschaft und Forschung vorauszusehen, auf die andere nur reagieren können.

          Reform der Wissenschaft in der Modelluniversität

          Konstanz gilt innerhalb und außerhalb der Universität selbst als Modelluniversität. Der Selbstentwurf „Modelluniversität“ soll, vor dem Hintergrund sich stets verändernder Rahmenbedingungen, veranschaulichen, dass eine Universität, die Wissenschaft als Lehre und als Forschung in den Mittelpunkt stellt, Ideen oder Vorstellungen von Wissenschaft (samt ihren Veränderungen) entwickeln muss, um als Institution erfolgreich zu sein. Das Modellhafte bestünde dann darin, den Humboldt’schen Gedanken ernst zu nehmen, dass Universitätsreform auch immer eine Reform der Wissenschaft und ihrer Kommunikation ist.

          Das ist der Konstanzer Mythos der institutionellen Kreativität. Wissenschaftliche Kreativität soll sich ihm zufolge reibungslos in die Organisation einspeisen. Aus diesem Grunde heißt es auch im „Bericht des Gründungsausschusses“ aus dem Jahre 1965, dass die „Forschung als Medium der Lehre“ zu betrachten sei. Sehr lange hat es aus diesem Grunde an der Universität Konstanz in einigen Fächern keine Vorlesungen gegeben, da in Vorlesungen keine Forschung, sondern nur Präsentation des bereits Gewussten geboten wird.

          Andererseits wird das Prinzip der „Kooperation“ über die Fächergrenzen hinweg zum Anlass, die in Instituten und durch das Lehrstuhlprinzip gezogenen Grenzen zwar nicht aufzugeben, aber doch zu verändern. Sie sollen sich zu Schwellen entwickeln, auf denen überhaupt erst inter- oder transdisziplinäre „Fragestellungen“ entstehen. Flexibilität in der Organisation von Forschung und Offenheit für Disziplingrenzen sind die beiden Kerne der Institution Universität. Aus diesem Grunde gibt es an der Universität Konstanz auch einen „Ausschuss für Forschungsfragen“ und eben keine Senatskommission für Forschung, wissenschaftlichen Nachwuchs und Transfer.

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