https://www.faz.net/-gyl-a5ea3

Political Correctness : Einfache Sprache für einfache Leute?

  • -Aktualisiert am

Wie einfach muss die Sprache im Hörsaal sein? Bild: dpa

Sprachregelungen sollen Diskriminierung verhindern. Doch hinter „political correctness“ und „cancel culture“ verstecken sich oft fehlendes Zutrauen und die Unfähigkeit zur Differenzierung. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Hinter den umstrittenen Sprachregelungen im Dienste von „political correctness“ oder „cancel culture“ steckt vielleicht eine wohlmeinende Absicht. Sprache soll sensibler werden, auch gegenüber Minderheiten. Damit es gerechter zugeht auf der Welt. Und wenn dafür auch mal übertrieben und gegen bestehende Regeln verstoßen werden muss, dann soll der gute Zweck eben langfristig die Mittel heiligen. Doch sind in letzter Zeit berechtigte Zweifel an der moralisch unverdächtigen Motivation der Sprachreinigungen aufgekommen. Der Vorwurf der Ignoranz und mangelnden Sensibilität, der als Begründung für manch ambitionierte Neuregelung angebracht wird, lässt sich auch umkehren und gegen die Ankläger, ihre Beweggründe oder das Ergebnis ihrer Bestrebungen, erheben – was die Sache oft noch schlimmer macht.

          Das kann man an den jüngsten Beispielen wieder eindrücklich studieren: „Schwarzfahrten“ etwa könnten durch „Reisen ohne gültiges Ticket“, „Ausländer“ durch „Einwohnende ohne deutsche Staatsbürgerschaft“ ersetzt werden. In das große Herz der Bäckerin ließen sich leicht auch der Bäcker sowie überhaupt alle Backenden miteinschließen. Eine für alle, alle für einen. Man sieht schnell, dass der Mangel an sprachlichem Takt von allerlei Ressentiments gestützt wird. Von den nicht nur ästhetischen Zumutungen, die das Gendersternchen bedeutet, ganz zu schweigen: Schließlich schaffen Konjunktionen wie „und“ oder „oder“ weitaus mehr Verbindlichkeit. Wer mit offenen Augen durch die Welt läuft, kann feststellen, dass die Unbeholfenheit dieser zum Teil hitzig geführten Debatten dazu angetan ist, die allgegenwärtigen Ungerechtigkeiten, vor allem auch den weit- verbreiteten Sexismus, eher noch zu verschärfen.

          Doch das sind vieldiskutierte Aspekte. Weniger Aufmerksamkeit haben bisher die diskriminierenden Hintergründe „einfacher“ Sprache erfahren. Damit will man auch eine breitere Klientel (,Arbeiterkinder‘, ,Migranten‘ bzw. überhaupt das ,prekäre Milieu‘) erreichen, der man nur begrenzte intellektuelle Aufnahmefähigkeit zutraut. Entsprechend mitleidig wirkende Gesten sind mittlerweile in vielen öffentlichen Bereichen, nicht zuletzt im akademischen Betrieb, an der Tagesordnung. So sehen sich Studenten, Dozenten und schon Bewerberinnen und Bewerber mit derlei Vorbehalten konfrontiert. Werden z.B. in Veranstaltungen, bei Vorträgen oder in Texten zu viele oder überhaupt Fremdwörter benutzt, lassen die kritischen Einwände nicht auf sich warten: Neulich reichten schon „adressieren“ und „rationalisieren“, um einen Bewerber in arge Bedrängnis zu bringen. Studierende oder sonstige Beteiligte aus bildungsfernen Schichten könnten sich überfordert und dadurch diskriminiert fühlen.

          Warum gibt es nicht mehr Zuverischt?

          Das kann man lustig und auch ein bisschen albern finden, da es sich hier ja immerhin um eine „Hochschule“, also eine höhere Bildungsanstalt, handelt; in Wahrheit ist es jedoch empörend. Denn was heißt das eigentlich? Menschen aus „einfachen“ Verhältnissen wird unterstellt, sie seien zu einfältig, selbst geläufige Fremdwörter zu verstehen, weil ihre Eltern oder ihr Umfeld sie nicht benutzten. Als ob die Schulbildung überhaupt nichts mehr bewirkte. Als ob wir noch in Zeiten lebten, in denen Bildungsgüter kostspielig und schwer zu beschaffen waren. Bilden kann man sich heutzutage überall, analog wie digital. Ein ansehnlicher Wortschatz ist rasch erworben – und sei es, dass man unbekannte Vokabeln rasch durch eine Suchmaschine auf dem Mobiltelefon jagt.

          In der Regel wittern Überforderung besonders diejenigen, die die Hintergründe nicht aus eigener Erfahrung kennen, sondern höchstens vom Hörensagen. Und daraus sogleich Sprachnormen ableiten wollen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Diese bisweilen unerwünschte Parteinahme durch unbedarfte Weltverbesserer kann man durchaus als übergriffig empfinden, vor allem dort, wo beruflich erfolgreiche Menschen beinahe dazu genötigt werden, einzugestehen, dass sie es aufgrund ihrer Herkunft schwerer hatten und haben als andere, auch wenn sie dies mit guten Gründen bestreiten (denn die Statistik verlangt nun mal etwas anderes). Warum setzt man nicht mehr Zuversicht in diese Spezies?

          Neben dem fehlenden Zutrauen fällt die Unfähigkeit zur Differenzierung ins Auge. Allenthalben ist von Vielfalt, von Diversität die Rede; warum nur schlägt sich das weder in solchen Einschätzungen noch überhaupt in der Sprache nieder? Nicht jeder mag sich über grobgezinkte Kämme scheren lassen. Gerade weil Sprache so viele Möglichkeiten böte. Stattdessen feiern unzulässige Vereinfachungen und Verallgemeinerungen fröhliche Urständ. Hinzu kommen die Eitelkeiten der zahlenmäßig überschaubaren Meinungsmacher, die sich um die (anderen) Ansichten anderer, vor allem der Betroffenen, bisweilen wenig scheren (vgl. F.A.Z. vom 21.10.2020), sondern diese gern mit Klischees belegen, die kaum intelligenter sind als die traditionellen. Ihre Vorgehensweise trägt dazu bei, dass die Schere zwischen vermeintem Ideal und gelebter Wirklichkeit immer weiter auseinandergeht. Ein ernsthaft um Gerechtigkeit, nicht nur um die partielle eigene Betroffenheit bemühter Veränderungsprozess wäre lang und schwierig. Er könnte auch nur unter Beteiligung aller stattfinden, die dafür Interesse aufbringen, und jede/r sollte sich vorher positiv auf Toleranz testen lassen.

          Die Autorin lehrt Klassische Philologie mit Schwerpunkt Latinistik an der Freien Universität Berlin.

          Weitere Themen

          Fünf Dinge, die bei der Wohnungssuche nerven

          Kolumne : Fünf Dinge, die bei der Wohnungssuche nerven

          Von den Mietpreisen will unsere Autorin gar nicht erst anfangen: Die Wohnungssuche in der Großstadt ist auch so schon nervenaufreibend – dreisten Mitinteressenten, absurd hohen Abschlagssummen und anderen Horrorgeschichten sei dank.

          Topmeldungen

          Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in Düsseldorf (September 2020)

          Sucharit Bhakdi : Der bittere Mediziner

          Sucharit Bhakdi war einmal ein angesehener Professor. Heute befeuert er die Querdenker und behauptet, dass die Deutschen in einer Diktatur lebten. Ein Besuch in Kiel.
          Seit 14 Jahren Bundestrainer: Joachim Löw coacht das deutsche Team auch bei der EM 2021

          Bundestrainer bleibt : Weiter so – mit Löw

          Der DFB hält auch nach dem Debakel in Spanien am Bundestrainer fest. Er werde nun alle nötigen Maßnahmen ergreifen, „um mit der Mannschaft eine begeisternde EM 2021 zu spielen“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.