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Studium als Rollstuhlfahrer : „Mir war immer egal, wenn Leute glotzen“

Fühlen Sie sich freier im Videoseminar?

Da ist meine Behinderung nicht das erste, was ins Auge fällt. So ist das Kontaktknüpfen unbefangener, weil digital die Berührungsängste nicht wegfallen, aber deutlich reduziert sind. So wichtig ist mir das Thema aber nicht. Ich musste als Kind Handschienen tragen, ab der fünften Klasse hat man gesehen, dass ich kleiner bin.

Sind Sie durch die virtuellen Veranstaltungen einsam?

Ich kann sehr gut allein sein. Es gibt einen Unterschied zwischen einsam und allein sein. Ich pflege wertvolle Freundschaften. Meine Hobbys sind mit meinem Alltag gut vereinbar. Ich habe einen Podcast für Filme und Serien. Und habe das ein oder andere Date per Videocall oder wir sind spazieren gegangen. Ich war nie einsam.

Wie ist Ihre Strategie, wenn Sie angestarrt werden?

„Was glotzt der so“ – darüber regen sich Freunde von mir auf. Das war mir immer egal, ich habe das nie groß zur Kenntnis genommen. Eher jetzt, weil ich ein bisschen zugenommen habe.

Die berüchtigten Corona-Kilo?

Nein, weil ich vorher laufen konnte und mich später in meinem Rollstuhl selbst bewegen konnte. Diese Aspekte fehlen nun vollständig.

Wie reagieren Sie, wenn jemand eine böse Bemerkung macht?

Oft sind die Leute unbedarft. Typisch, dass Kinder sagen: „Was ist mit dem?“ Wenn ich gute Laune habe, sage ich, „du kannst mich fragen“. Manche Kinder sagen auch, der hat es gut, der muss nicht laufen. . . das kann ich nachvollziehen.

Reagieren manche Passanten überfreundlich?

Es ist oft so, dass die Leute die Unsicherheit überkompensieren. Die sagen dann: „Das finde ich toll, dass so Leute wie du auf ein Konzert gehen!“ – Der andere hat nicht die Mittel, das anders auszudrücken. Auch das geht vorbei.

Erleben Sie nie bösartige Bemerkungen?

Zweimal haben Menschen bösartig reagiert. Während einer S-Bahnfahrt hat meine Begleitung dem Fahrer ein Signal gegeben, dass wir die Rampe brauchen. Er sagte das zu, fuhr aber weiter und schimpfte: „Wir haben schon Verspätung, du hast uns lang genug aufgehalten. Dass du körperbehindert bist, sehe ich, aber dass du auch geistig behindert bist, war mir bis eben nicht klar.“ Das hat mich so aufgebracht, dass ich mir auf Facebook Luft verschafft habe. Der Fahrer wurde ins Sensibilitätstraining geschickt.

Und die zweite schlimme Begegnung?

Ich war im Kino am Münchner Stachus, die Rolltreppe war kaputt, wir musten den Lift zweimal vorbeiziehen lassen. Beim dritten Mal hat mich meine Schwester reingewurschtelt. Einer sagte dann: „Es gibt Treppen.“ Ein Zweiter: „Du hast leicht reden, du musst ja nur sitzen.“ Die Gruppe lachte höhnisch. Das hatte ich noch nie, dass mich eine Bemerkung so vor den Kopf gestoßen hat. Eine Demütigung, an die ich heute manchmal schmerzhaft zurückdenke.

Stichwort Unbelehrbare. Wie erleben Sie Impfgegner? Sie sind meinungsfreudig, diskutieren Sie mit Uneinsichtigen?

Grundsätzlich macht mich das rasend. Mein Onkel ist an Corona verstorben, bevor eine Impfung möglich war. Das Thema beschäftigt mich. Ich wäre gerne in so einer luxuriösen Lage zu sagen, ich lasse das mal auf mich zukommen, ich lasse das mal offen. Niemand hat diesen Luxus. An dieser Krankheit sterben alle. Wir haben die Bilder aus Italien und den USA gesehen, Leichensäcke über Leichensäcke, das ist etwas anderes als eine Grippe. Von Long-Covid bis hin zu Gehirnschädigungen. Für jeden, der das bekommt, beginnt ein Russisch-Roulette. Erschreckend, dass Menschen die Impfung verweigern. Dafür geht mir jede Sympathie ab. Sie gefährden andere, sie gefährden sich und unterschätzen die Gefahr.

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