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Märchen und Mythen : Wie in Russland ukrainische Geschichte gelehrt wird

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Geschichte wird gemacht, in Russland zur Not auch von Wirtschaftswissenschaftlern: Blick auf den Fluss Newa und die Staatliche Universität St. Petersburg Bild: picture-alliance / Sergey Kleptcha

Russland will Studenten auf der Lehrplattform „Open Education“ über die Ukraine aufklären, lehrt dort aber nichts anderes als die übliche Staatspropaganda.

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          Russland verfügt über eine moderne universitäre Lehrplattform. „Open Education“ wurde 2015 gegründet und wird von achtzehn russischen Hochschulen getragen, darunter den renommiertesten des Landes wie der Moskauer Lomonossow-Universität, der Sankt Petersburger Staatlichen Universität und der Higher School of Economics in Moskau und Petersburg. Mit einem ausdifferenzierten Fächer­spek­trum aus Natur- und Geisteswissenschaften in 860 Kursen hat die Lehrplattform schon mehr als zwei Millionen Hörer erreicht. Für Russland mit seiner geographischen Weite und seinen enormen Bildungsunterschieden ist „Open Education“ ein geeignetes Bildungsmedium.

          Seit Kurzem bietet die Plattform einen Kurs mit dem Titel „Ukraine: Morphologie und Mythologie“, in dem die Studenten die „Hauptmerkmale der Bildung von Staatlichkeit in der Ukraine, die Besonderheiten der Entwicklung der ukrainischen Gesellschaft sowie wirtschaftliche und geographische Bedingungen für die Bildung des ukrainischen Wirtschaftsmodells“ kennenlernen sollen. Der Kurs leiste eine „angemessene Einschätzung der Ereignisse der historischen Vergangenheit in ihrer engen Verbindung mit der modernen Politik“.

          Die Kursbeschreibung lässt daran zweifeln. Sie greift den Diskurs auf, der den Zuschauern der staatlichen Fernsehprogramme jeden Tag eingetrichtert wird: dass der ukrainische Staat seit 2014 eine „systematische Krise“ erlebe, die „ausnahmslos alle Bereiche der Gesellschaft“ ergriffen habe. Um diese Krise besser zu verstehen, widmet sich der Kurs „der Morphologie, also der Struktur der modernen ukrainischen Politik, der ukrainischen Geschichte, Geographie, Wirtschaft, Staatsmythologie“. Während andere Völker — genannt werden die Russen, Chinesen, Amerikaner und Briten — über „traditionelle Säulen“ in Staat und Gesellschaft verfügten, stütze sich die Ukraine allein auf Mythen. In der Ukraine werde „Geschichte, Wirtschaft, Politik und sogar Geographie einer bestimmten Mythologie geopfert“.

          Wie soll man das verstehen?

          Die Ukrainer mythologisieren den Dnjepr, während die Russen mit der Wolga und die Deutschen mit dem Rhein ein rein wissenschaftliches Verhältnis pflegen? In der Regierungszeit Putins hat Russland eine konsequente Mythologisierung seiner Geschichte betrieben, alte Kulte wie die Verehrung Alexander Newskis oder des heiligen Wladimir wurden mit großem Aufwand neu belebt. Wenn nun festgestellt wird, nur in der Ukraine würden Mythen „zum Leben erweckt“, fragt man sich, worin der behauptete globale Sonderweg der Ukraine eigentlich besteht.

          In Russland gibt es in der Philologie und Geschichtswissenschaft ausgewiesene Fachleute für die Kultur der Ukraine. Angeboten wird der Kurs jedoch von einem Wirtschaftswissenschaftler sowie einem Historiker, dessen Doktorarbeit von „Polen in der außenpolitischen Strategie Sowjetrusslands 1918/19“, also vom bolschewistischen Versuch der Unterwerfung Polens handelt, was mit der Motivation des Kurses, aber nicht mit seinem Thema zusammenhängt. Der Kurs wurde an der Petersburger Universität entwickelt, an der mehr Wissenschaftler den offenen Protestbrief gegen den Krieg als die Loyalitätsadresse an die Staatsführung unterschrieben haben. Dass sich als Dozenten nur zwei Kollegen bereitfanden, deren Expertise offenkundig in ganz anderen Feldern liegt, deutet darauf hin, dass die russische Staatsführung bei der Mobilisierung der wissenschaftlichen Heimatfront in Problemen steckt.

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