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Neustart in der Krise (4) : Ein Leben zwischen Yogamatten und Weltkonzernen

Die ehemalige Yogalehrerin Clara Fischer hat in der Coronakrise ihren Beruf gewechselt und arbeitet jetzt als Start-up-Beraterin. Bild: Robert Gommlich

Clara Fischer hatte sich gerade als Yoga-Lehrerin selbstständig gemacht, als Corona die ersten Schlagzeilen bestimmte. Dann kam alles anders: Heute berät sie Unternehmen in aller Welt – mit Erfolg.

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          Fragt man Clara Fischer nach ihrem Zufriedenheitsgrad, muss sie nicht lange überlegen. „Der zufriedenstellendste Moment war, als ich meine Kündigung auf den Tisch gelegt habe“, sagt sie. Es war nur noch eine Halbtagsstelle in einem Unternehmen, ab August wird sie komplett selbständig sein. „Und das fühlt sich gut an. Es ist im Moment genau das Richtige für mich.“ Fischer, 27 Jahre jung, hat auf einem Sitzball vor ihrem Schreibtisch Platz genommen; das Motiv verbindet, wenn man so will, ihre zwei Geschäftsideen, von denen sie die eine, Yoga, nun in Richtung Hobby entwickelt, während die andere, die Unternehmensberatung, Fahrt aufnimmt. Das alles war nicht geplant, hat sich aber so ergeben – und ausgerechnet die Corona-Krise wirkte dabei wie ein Katalysator.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Vor vier Jahren war Fischer nach Leipzig gezogen, um ein Praktikum in der Kommunikationsabteilung des hier ansässigen BMW-Werks zu machen. Sie hatte BWL in Bamberg studiert und schon nebenbei Unternehmen in Sachen Öffentlichkeitsarbeit betreut. In Leipzig wollte sie zunächst gar nicht lange bleiben, doch dann habe sie schnell Anschluss in der Stadt gefunden. „Als gebürtige Fränkin war das für mich erst mal neu, dass hier viele so offen und neugierig sind“, erzählt sie und lacht.

          Ausbildung zur Yogalehrerin in Indien

          An das Praktikum schloss sich eine Vollzeitstelle in einem Unternehmen an, das jedoch bald darauf mit einem anderen fusionierte. Daraufhin mussten die jüngsten Mitarbeiter gehen, aber Fischer fand das gar nicht so dramatisch, wie sie überhaupt zu den Menschen gehört, die Schwierigkeiten nicht schnell umwerfen. Frisch gekündigt, verlängerte sie einen ohnehin geplanten Urlaub in Neuseeland auf drei Monate und sinnierte, was sie mit ihrem Leben wohl künftig anfangen könnte.

          Mitten in diese Nachdenkerei platzte der Anruf einer Freundin, die von ihrem Plan berichtete, sich in Indien zur Yogalehrerin ausbilden zu lassen. Beide hatten schon in Leipzig gemeinsam Yogastunden belegt, also schloss sich Fischer kurzerhand an und flog nach Indien, genauer nach Goa, ins Epizentrum der Yogajünger. 25 Tage verbrachten sie in einem Dorf gemeinsam mit Menschen aus aller Welt, die ebenfalls Yogainstruktoren werden wollten. Das Programm sei durchaus ambitioniert gewesen, erzählt sie: täglich viele Stunden Theorie und Praxis, dazwischen Essen und Meditation und schließlich eine Abschlussprüfung. „Der praktische Prüfungsteil kam zu­erst“, sagt Fischer. „Wenn man den nicht besteht, kann man sich die theoretische Prüfung auch gleich sparen.“

          Werbung hatte Fischer nicht nötig

          Fischer bestand mit Bravour, sie hat sich auf Vinyasa spezialisiert, eine eher sportlich-tänzerische Yogavariante, was sich bis heute auch in ihrem Zuhause widerspiegelt. Im Flur ist eine Sprossenwand angebracht, davor steht ein Rennrad, und über der Wohnzimmertür hängt eine Klimmzugstange. Sie war noch in Indien, als wiederum ihr Handy klingelte. Ein Yogatrainer in Leipzig war dringend auf der Suche nach Fachkräften, die Kurse in Fitnessstudios übernehmen könnten, so schnell wie möglich. „Das war sehr praktisch für den Einstieg“, erzählt Fischer. „Ich musste keine Raummiete übernehmen und wurde nach Stunden bezahlt.“

          Zusätzlich, und weil gerade Sommer war, gab sie Yogastunden im Freien, traf sich mit Schülern im Clara-Zetkin-Park im Stadtzentrum. „Anfangs auf Spendenbasis und ohne Druck“, sagt sie. „Das lief ziemlich gut.“ In dieser Zeit reifte ihr Entschluss, künftig selbständig zu arbeiten – als Yogalehrerin. Sie mietete sich in Studios ein und verstetigte die Kurse im Park, die sich schnell herumsprachen. Werbung musste sie selten machen. „Es gab ein paar Jungs aus dem Fitnessstudio, die eine Whatsapp-Gruppe gegründet haben, ‚Yoga mit Clara‘ hieß die. Das war wie ein Selbstläufer.“ Sogar zwischen Weihnachten und Neujahr bot sie Kurse an – die zu ihrer Überraschung ausgebucht waren.

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          So lief das Jahr 2020 bestens an, bis auch Fischer im Februar die zunehmenden Nachrichten über ein Virus namens Corona hörte und sie im Gegensatz zu vielen anderen ernst nahm. „Ich hab ein ganz gutes Bauchgefühl“, sagt sie. Sicherheitshalber beendete sie schon mal ihre Studiomieten, und als Mitte März der erste Lockdown kam, saß sie zwar erst mal daheim, aber hatte mal wieder kaum Zeit, Langeweile zu schieben.

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