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Professor der RWTH Aachen : „Wir sind die Blaupause der digitalisierten Bildung“

Lehren und lernen im digitalen Raum: Professor Nacken und seine Studierenden an der RWTH Aachen nutzen die Möglichkeiten von Virtual Reality. Bild: RWTH Aachen

Ein Gespräch mit Professor Heribert Nacken über Avatare, die im virtuellen Hörsaal kritische Fragen stellen, Glatteis und wie die RWTH Aachen digitales Lernen fürs Land entwickelt.

          6 Min.

          Herr Professor Nacken, Sie sind Bauingenieur an der Rheinisch-Westfälisch-Technischen Hochschule Aachen, der RWTH, federführend in der Digitalisierung unterwegs und in der Corona-Krise so gefragt wie nie. Rektoratsbeauftragter Blended Learning und Exploratory Teaching Space steht auf Ihrer Karte. Was machen Sie genau?

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Na ja, da gibt es zurzeit in der Republik viele, die im Zusammenhang mit der Digitalisierung der Lehre im Rahmen einer „Druckbetankung“ gefragt sind. Zu Ihrer Frage: Der Digitalisierungsbeauftragte ist so etwas wie ein Scharnier zwischen den Wünschen und Vorgaben des Rektorates und der digitalen Kultur der einzelnen Fächer. Die RWTH arbeitet seit 2009 an der „Studierenden zentrierten Lehre“, und seit 2017 haben wir auch eine codierte Digitalisierungsstrategie, die jeder auf unseren Websites finden kann. Wir wollen nicht einfach alles digital machen, sondern Blended Learning realisieren.

          Bei diesem Stichwort schrillen bei vielen Professorenkollegen die Alarmglocken – wegen der nicht unberechtigten Befürchtung, künftig kaum noch Präsenzvorlesungen geben zu können. Mit der Skepsis sind sie in guter Gesellschaft frustrierter Lehrer, die sich über Nacht in digitales Unterrichten einarbeiten mussten.

          Sie kennen sicher Blended Whisky. Das ist eine Mischung von unterschiedlichen Sorten von Whiskys. Blended Learning ist nichts anderes, nur ohne Alkohol. Es ist eine Mischung von unterschiedlichen Arten des Lehrens, digital und analog. Entscheidend ist dabei für uns: Der erste Kontakt mit unseren Studierenden erfolgt immer über einen Dozierenden. Danach können sich unsere Studierenden die Medien raussuchen, die zu ihren persönlichen Präferenzen, analog oder digital, passen.

          Universitätsprofessor Heribert Nacken forscht und lehrt zu Ingenieurhydrologie an der Rheinisch-Westfälisch-Technischen Hochschule Aachen. Er ist Rektoratsbeauftragter für Blended Learning und Exploratory Teaching Space.

          Ein Projekt, das Sie entwickeln, ist der virtuelle Hörsaal. Dazu sind Sie und Ihr Kollege auf dem mittelalterlichen Katschhof in Aachen als Avatar unterwegs und begeben sich in einen virtuellen Hörsaal. Das sieht beeindruckend aus, erklären Sie uns den Sinn.

          In dem Projekt MyScore der RWTH Aachen geht es darum, die Möglichkeiten der virtuellen Realität für das Lehren und Lernen zu erforschen und weiterzuentwickeln. In dem von Ihnen aufgeführten Beispiel gibt es einen Avatar, der fast so aussieht wie ich selbst, um in einem virtuellen Umfeld mit Studierenden und Dozierenden gemeinsame Aktionen zu starten. Dabei ist es vollkommen egal, wo die Personen sich gerade in der Realität befinden. Sie nutzen einfach eine sogenannte VR-Brille, also Virtuell-Reality-Brille, und wählen sich über das Internet die jeweils freigegebenen Lehr- und Lernszenarien. In diesen VR-Szenarien kann ich fast alles machen, was ich auch in der physischen Welt machen kann. Mit dem wesentlichen Vorteil, dass ich Menschen in einem Umfeld interagieren lassen kann, das sie als real empfinden, obwohl sie nicht wirklich dort sind.

          Welche Projekte bearbeiten Sie dann?

          Zum Beispiel ein Projekt zum Schutz der Bevölkerung vor den Einflüssen von Starkregen. Wir simulieren in der virtuellen Realität eine Bürgeranhörung, wie sich die Aachener Bürger vor Starkregen schützen sollten. Meine Studierenden bekommen dann die Aufgabe, einen kurzen fachlichen Beitrag dazu zu erstellen. Was sie aber nicht wissen: dass ich sie aufs Glatteis führen möchte.

          Hört sich ja spannend an.

          Ist es auch, denn was die Studierenden nicht wissen, ist, dass andere Studierende aus dem Kurs sich hinter Avataren im Szenario verbergen und diese von mir die Aufgabe bekommen haben: Was immer die beiden vortragen, das lassen Sie nicht stehen, das ist alles Quatsch, zu teuer, Verschwendung von Steuergeldern oder was immer ihnen dazu einfallen sollte. Die Vortragenden werden also richtig angegangen und sollen lernen, die Contenance zu wahren und nicht selber aus der Hose zu springen.

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