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Bethlehem – Mailand – Köln : Wie die Heiligen Drei Könige nach Deutschland kamen

Der Dreikönigsschrein von Nikolaus von Verdun Bild: Picture-Alliance

Ohne den Raub der Gebeine durch Barbarossa wäre Köln nicht geworden, was es ist. Und es hätte auch keinen solchen Dom. Wie die Reliquien der Heiligen Drei Könige Geschichte schrieben. Ein Rundgang.

          7 Min.

          Die Heiligen Drei Könige werden natürlich nicht schon seit dem 6. Januar nach Christi Geburt verehrt. Ihre mutmaßlichen sterblichen Überreste kamen erst im Jahr 1164 zu großer Bekanntheit, jenem Jahr, in dem sie in den Kölner Dom gelangten, wo sie seither als Reliquien im goldenen Dreikönigsschrein des mittelalterlichen Meistergoldschmieds Nikolaus von Verdun verehrt werden.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Bevor sie nach Köln kamen, befanden sich die recht wild durcheinandergewürfelten Knochen in Mailand, wo jedoch kaum Notiz von ihnen genommen wurde. In einer Strafaktion hatte der Kölner Erzbischof, der Feldherr Barbarossas und Kanzler des Heiligen Römischen Reichs, Rainald von Dassel, die oberitalienische Stadt anzünden und die Reliquien nach Köln bringen lassen. Noch heute grollt Mailand Von Dassel, während Köln, in das gigantische Mengen von Pilgern zum Dreikönigsschrein strömten, ihn unverändert verehrt. Durch ihn wurde der Bau des riesig dimensionierten Doms erst möglich.

          Insbesondere die Stauferkaiser, deren Kanzler Von Dassel war, sonnten sich im funkelnden Glanz des Goldreliquiars gleich dreier Heiliger Könige, und zeigten sich damit unverhohlen aller Welt und natürlich vor allem den europäischen Königskonkurrenten als deren direkte Nachfolger, getreu dem abgewandelten Abhängigkeitssatz: „Wes’ Gebein ich besitz', des’ Macht ich hab’“.

          Kein Papst ist an der Krippe zu sehen

          Der Schrein stand im Dom noch oberhalb des Hauptaltars auf einem erhöhten Sockel im Hochchor. Die Schädel der Könige wurden mit kostbaren Kronen auf dem Haupt präsentiert – drei wahre Goldköpfe, denen sich ein nicht geringer Teil des Reichtums der Rheinstadt und nicht zuletzt auch die drei Kronen auf dem Stadtwappen verdanken.

          Nahezu alles, was wir über die Heiligen Drei Könige zu wissen meinen, stammt dabei aus nachbiblischer Zeit. Selbst ihre Dreizahl und das Gold, die Myrrhe und der Weihrauch als Geschenke für den Heiland in Betlehem, sind „Zutaten“ der immer wieder neu geschürten und wohl immer auch interessegeleiteten Verehrung. Im biblischen Bericht des Evangelisten Matthäus steht in der lateinischen Fassung nichts von Königen geschrieben. Es ist dort von „Magi“, „Weisen“ die Rede, die dann schnell als Sterndeuter aus dem morgenländischen Mesopotamien identifiziert wurden, weil das damals schon gefühlt uralte Zweistromland als unfehlbare Autorität in Sachen Astronomie und Weissagung galt. In Gestalt der „Sternsinger“ strahlte diese Bildtradition dann von Köln in alle Teile Deutschlands aus.

          Und nicht einmal die Dreizahl ist biblisch. Sie war jedoch symbolpolitisch hochwillkommen, denn zum einen boten die drei Anbetenden eine sehr irdische Entsprechung zur göttlichen Dreifaltigkeit, die sich in dem Kind inkarniert hatte. Dieser Christus-Immanuel wird im Mittelalter durchgängig als „rex regum“, als „König der Könige“ bezeichnet, vor dem die weltlichen Könige ihre Knie beugen und im Gegenzug die Macht von Kindgottes Gnade erhalten. Kein Papst ist da weit und breit an der Krippe zu sehen, der einem als König die Herrschaft streitig machen könnte. Und zum anderen wurde die Dreizahl sowohl mit den damals bekannten drei Kontinenten assoziiert als auch mit den Lebensaltern: Der älteste (und in einer vergangenen Zeit ohne Altersrassismus damit der weiseste) König stand für das alte Europa, das die beiden jüngeren „Brüder“ Asien und Afrika anführte und mit dem Gold natürlich auch die kostbarste Gabe einbrachte.

          Strategischer Einsatz heiliger Überreste

          Kein Wunder, dass alle deutschen Könige in den Kölner Dom pilgerten, dieser immer bedeutender wurde, und dass sich sämtliche Könige in Europa immer wieder als Teile dieser nachträglich Caspar, Melchior und Balthasar getauften Regenten abbilden ließen. Im vierzehnten Jahrhundert tun es ihnen dann anmaßende „Ersatzkönige“ gleich, in Florenz etwa die Medici, deren „Hofmaler“ Benozzo Gozzoli ihre Porträts in der Kapelle des mediceischen Stadtpalastes auf die brokatstrotzenden Leiber der Heiligen Drei Könige pfropfen musste.

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