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Werksorchester : Die Macht der Musik

  • -Aktualisiert am

Gibt es schon seit 1962: Werkschor des Werkzeugherstellers Pferd Bild: August Rüggeberg GmbH & Co. KG

Gemeinsam proben, gemeinsam auftreten: Können Werksorchester und -chöre das Betriebsklima verbessern? Einiges spricht dafür.

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          Eine verspätete Violinistin schleicht an ihren Platz. Die Generalprobe des „Hörsaal-Konzerts Nr. 8“ ist in vollem Gang. „Noch mal ab dem dritten Takt“, ruft die Dirigentin Christiane Bräutigam, und das Leipziger Ärzteorchester wiederholt die Stelle. „Die kleine musikalische Hausapotheke“ heißt das Programm des Abends, das die 35 Musiker zwischen Referentenpult und Exponatenschränken im Großen Hörsaal der medizinischen Fakultät in Leipzig geben. Allmählich finden sich die Zuhörer ein. Sie zwängen sich hinter die Klapppulte auf die Holzsitze. „Der Arztberuf ist mitunter extrem seelisch belastend“, sagt Bettina Relke, Internistin und Mitbegründerin des Leipziger Ärzteorchesters. Daher sei das gemeinsame Musizieren ein Ausgleich für die Mitglieder, die aus niedergelassenen Ärzten der Region, Studierenden, Therapeuten, Human- und Veterinärmedizinern des Klinikums bestehen.

          Indes wird das nächste musikalische Mittel aus der Hausapotheke verabreicht: Georg Friedrich Händels „Hornpipe aus der Wassermusik“ soll gegen unerwünschten Harndrang vorbeugen. „Mit Gleichgesinnten zu musizieren, stärkt die Gruppe“, berichtet Relke von ihrem Berufsstandsorchester, das 2012 gegründet wurde. Fünf Konzerte geben die 65 Musizierenden pro Jahr. „Mehr ist mit Nacht- und Bereitschaftsdiensten nicht umsetzbar“, sagt sie.

          Berufsstände oder Mitarbeiter eines Unternehmens, die zusammen Musik machen, haben eine lange Tradition: Bergmännische Musikkapellen und die „inflationär“ wachsende Zahl von Männergesangsvereinen, die in Großbetrieben im Zuge der Industrialisierung entstanden, waren einst eine feste Größe des sozialen Lebens, wie das Buch „Musik und Industrie“ beschreibt. Die Mitglieder erlebten dadurch kulturelle Teilhabe, Identifikation mit ihrer Zunft oder ihrer Firma und Erholung von teils schwerer körperlicher Arbeit.

          Durch gemeinsames Musizieren entsteht ein Wirgefühl

          Dass das gemeinsame Musizieren im Kollegium ein Ausgleich sei, der Spaß mache und bei der Stressbewältigung helfen könne, bestätigt Wilhelm Schilling, Wirtschaftspsychologe aus Berlin. Ein Unternehmen, das dies ermögliche, zeige Offenheit für Bedürfnisse der Mitarbeitenden. Zudem entsteht durch gemeinsames Musizieren ein Wirgefühl – und das stärkt den Zusammenhalt, schreibt Stefan Kölsch, Neurowissenschaftler und Autor des Buches „Good Vibrations“. Darin hebt er die notwendige Kooperation beim Musizieren hervor, die ein menschliches Bedürfnis sei: Menschen, die kooperiert haben, würden es abermals tun, sich fairer gegenüber anderen Mitgliedern verhalten, einander mehr vertrauen und dafür gar eigene Vorteile aufgeben, schreibt Kölsch über die Ergebnisse aus seinem Forschungsbereich. Kooperation mit Musik sei evolutionär dem Erhalt der Menschheit dienlich gewesen: Wenn Angehörige auch von unterschiedlichen Stämmen gemeinsam Musik machten, waren sie anschließend friedlicher und hilfsbereiter zueinander.

          Die heutige Anzahl der Werksorchester und -chöre in Deutschland ist nicht erfasst, liegt aber Schätzungen zufolge jeweils im zweistelligen Bereich. Zählt man noch musikalische Vereinigungen von Berufsständen hinzu – allein im Chorverband der Deutschen Polizei sind 60 Chöre organisiert –, kommt man auf eine niedrige dreistellige Zahl.

          Es gibt auch Neugründungen: Der Chor am Amtsgericht Berlin-Neukölln wurde 2017 ins Leben gerufen. Einmal pro Woche singen die Mitarbeiter in der Mittagspause im großen Gerichtssaal: als Teil des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Chorleiter Christian Höffling berichtet, dass die Teilnehmer quer durch die Hierarchiestufen zur Singstunde kommen – bis hin zum Präsidenten – und zwischen 30 und 65 Jahren alt seien.

          Kölsch weist in seinem Buch darauf hin, dass beim gemeinsamen Musizieren oft die gleichen Emotionen empfunden werden. Er schreibt, dass diese Ko-Pa­thie ein mächtiger Verstärker für Emotionen sei. In Unternehmen, in denen Werksorchester etwa bei Betriebsjubiläen spielen, kann sich also dieser Effekt potentiell auf die ganze Belegschaft ausweiten. Anders als in der DDR, die mit ausgesuchter Musik als Teil der betrieblichen Kulturarbeit eine erzieherische Absicht bei den Werktätigen zu erzielen suchte, haben die heutigen Werksorchester und -chöre das Ziel, einer gemeinsamen Leidenschaft nachzugehen, und tragen damit zu einem positiven Betriebsklima bei. Auf diese Weise können sich die Mitarbeiter wie beim Betriebssport auf einer anderen Ebene begegnen und neue Seiten an den Kollegen kennenlernen.

          So auch beim Stuttgarter Automobilhersteller Mercedes-Benz, wo Cosima Melheritz in der Systementwicklung an fahrerlosen Parksystemen tüftelt. Nach Feierabend spielt sie in der Daimler-Big-Band Posaune. Da Melheritz berufsbegleitend den Masterstudiengang „Autonomes Fahren“ absolviert, muss sie sich ihre Freizeit genau einteilen. Das Musizieren erlebe sie als Ausgleich, sagt die 23-Jährige. Die Big Band, die 1999 gegründet wurde, gab vor der Pandemie etwa sieben Jazzkonzerte jährlich. Ihr Dirigent Klaus Graf sagt, dass die Hälfte der 25 Mitglieder seit zwanzig Jahren dabei sei. Gleichwohl bekomme er regelmäßig Bewerbungen von Musikern und Sängern.

          Werksmusik kein Allheilmittel

          „Im Orchester kommen die Kollegen als Musiker zusammen“, sagt Posaunistin Melheritz. „Da spielt es keine Rolle, ob einer am Band schafft oder Chef ist.“ Schließlich könne man den Erfolg nur als Team erreichen, erklärt sie. Viel bewirke die Erfahrung und die Energie des Bandleiters, sagt Melheritz. „Der Funke vom Dirigenten springt zu den Musikern über und reißt uns alle mit“, sagt sie. Im Arbeitsalltag erlebe sie die Orchestermitglieder wie ein loses Netzwerk. Alle duzen sich.

          Schilling vom Berufsverband Deutscher Psychologen warnt aber davor, Werksmusik als Allheilmittel zu betrachten. Unternehmenskultur gezielt zu gestalten sei schwierig, so der Psychologe. Wie bei einem Mischpult gebe es viele Regler, die komplex miteinander verbunden seien. „Bitte keine übersteigerte Erwartung der Werksmusik entgegenbringen“, sagt er. Für die Mitglieder eines Werksorchesters oder -chores möge das gemeinschaftliche Gefühl besonders sein, aber die, die aus unterschiedlichen Gründen nicht dazugehören, können sich ausgeschlossen fühlen, erläutert Schilling.

          Häufig werden in Deutschland Werksorchester von Konzernen betrieben, aber auch in mittelständischen Unternehmen finden sich Musikbegeisterte zusammen. Der Werkschor der Firma Pferd im Bergischen Land etwa wurde im Jahr 1962 als Männerchor gegründet. Seit mehr als 20 Jahren sei der Chor nun gemischt, sagt Wolfgang Hell, Chorvorstand des Werkzeugherstellers für Oberflächenbearbeitung. Das Durchschnittsalter liege bei 64 Jahren, und nach den zwei Jahren, in denen man wegen der Pandemie nicht singen konnte, hoffe er sehr, mit den 35 Sängern die Proben wieder aufnehmen zu können, erklärt der Tenorsänger. Hell, der als Gruppenführer in der Fertigung arbeitet, kennt nur Vorteile, die ein Werkschor bringt: Die Kollegialität, die durch das gemeinsame Singen entstehe, sei sehr positiv. Neben Weihnachts- und Kirchenliedern singt der Werkschor der Firma Pferd Volkslieder und Gospelsongs, aber auch „An Tagen wie diesen“ von den Toten Hosen oder „Super Trouper“ von ABBA. So entstehe ein abteilungsübergreifender Zusammenhalt, denn man habe ein verbindendes Gesprächsthema, sagt Hell. Kölsch schreibt, dass auch für ältere Menschen, die allein leben, durch Musik und Tanz eine Gemeinschaft entsteht, die wichtig für die Gesundheit ist: „Kein Hund kann einen Chor ersetzen.“

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