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Kolumne „Uni live“ : Ich möchte ein WG-Zimmer, kein Date!

  • -Aktualisiert am

Wohnungsgesuche: Zu oft missinterpretiert Bild: dpa

„Ich – Praktikantin, viel unterwegs, offen und ordentlich – suche: nette WG in Berlin, gute Lage.“ So ungefähr lautete meine Anzeige. Es meldeten sich Horst, Michael, Marcus. Und schrieben mir mindestens Zweideutiges.

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          „Hey, Lust auf ein reifes Abenteuer am Stadtrand? Habe ein Reihenhaus und fühle mich allein. Zwinkersmiley.“, schrieb mir Horst am frühen Abend. Ich hatte mich nicht auf einer Ü-50-Single-Seite angemeldet, sondern suchte nach einem WG-Zimmer. Auf Horst folgten Christian, Gerd und Marcus. Immer wieder ploppten ähnliche Nachrichten auf meinem Display auf. Ich klickte auf meine Gesuche auf „WG-Gesucht“ und „Ebay-Kleinanzeigen“, las sie beschämt nochmal durch: Habe ich vielleicht unbewusst irgendwelche Anspielungen gemacht?  Der Text lautete in etwa: „Ich – Praktikantin, viel unterwegs, offen und ordentlich – suche: nette WG in Berlin, gute Lage.“ Ist „offen“ vielleicht ein Codewort für eine bestimmte Klientel? Sollte man darüber überhaupt so viel nachdenken müssen? Nein!

          Aber zweideutige Nachrichten kamen weiterhin, manche so absurd, dass sie fast lustig waren. Michael fragt – es täte ihm auch leid, wenn das komisch rüberkommen könnte – ob ich ihn dominieren wolle. Er würde auch meine Einkäufe machen, für mich putzen und kochen. Miete müsste ich dafür natürlich auch nicht zahlen.

          Ein Einzelfall bin ich mit meiner kleinen Zuschriften-Sammlung keineswegs. Ich kenne viele junge Studentinnen, die Ähnliches erlebt haben. Also ist es auch keine Überraschung, als ein Jahr später wieder übergriffige Nachrichten in meinem Postfach landen, diesmal aus Wien. Neuer Umzug, neuer Spam.

          Nicht jeder fragt dabei frei heraus nach einer Domina. Das Miese an Übergriffigkeit ist, dass die Absender meist selber Grenzen ausloten. Schreibt mir ein alter Mann: „Mein Zimmer ist dann auch gleich neben deinem…;)“, fühle ich mich eklig, aber mein positives Menschenbild verbietet mir, ihn zu melden. Das wäre nicht verhältnismäßig, schließlich kann es ja sein, dass ich das einfach falsch interpretiert habe, denke ich dann. Wie so viele Frauen sage ich nicht ehrlich: Ich finde das übergriffig, deshalb soll er aufhören. Nein, ich suche den Grund meines Ekels bei mir.   

          Ich muss mir nicht erst die Musikvideos auf dem Flachbildschirm im Eiscafé ansehen oder zählen, wie oft Männer einem mit Schlafzimmerblick etwas auf der Straße zuraunen, um zu verstehen, was los ist. Nein, ein einfacher Blick in die Nachrichtensparte der Wohnungsportale genügt, um zu merken: scheinbar sehen viele in einer jungen Frau keine Person, die ein Zimmer sucht, sondern eine Person, die man gut nach einem Date fragen kann. Der man unangemessene Komplimente oder zweideutige Angebote machen kann.

          Aber man kennt’s ja eigentlich schon – wenn man zum Beispiel als Frau auf Kleiderkreisel oder Kleinanzeigen Kleidung verkauft, kann man mit anzüglichen Nachrichten schon rechnen. Kannst du die Hose nochmal getragen von hinten fotografieren? Oder am besten beim Versenden noch einen gebrauchten Schlüpper dazulegen? Während Sexualverhaltensforschende daran vielleicht eine Freude hätten, ist es für alle anderen einfach nur voll daneben. Auf Instagram, Twitter und Youtube kann man lesen und sehen, was Frauen sonst noch so im Netz erfahren. Fazit: Prostitutionsanfragen sind häufig, explizite Gewaltdrohungen gibt es auch.

          Digitale Belästigungen scheinen normal zu sein. Und das verunsichert. So sehr, dass viele sich eher zurückziehen, als sich zu wehren. Im Falle der WG-Zimmersuche heißt das: Lieber erst gar kein Gesuch schreiben, da kommen ja eh nur anzügliche Nachrichten. Dramatisch ist daran die Struktur: Ich schränke mich und meine Möglichkeiten ein, um nicht belästigt zu werden. Und auch im konkreten Fall ist es schade.

          Ein Großteil der Menschen auf diesen Seiten sucht nämlich einfach nur ein Zimmer oder will eines vermieten. Je mehr man über sich erzählen kann, desto wahrscheinlicher wird es, Mitbewohnende zu finden, die tatsächlich zu einem passen. Auf mein Gesuch haben sich nicht nur Horst und Michael gemeldet, sondern auch wirklich spannende und liebe Menschen – zuletzt meine zukünftige Mitbewohnerin. Ohne ein Gesuch hätte ich sie nicht kennengelernt. Und mit der Perspektive auf noch mehr Lockdown in der fremden Stadt, bin ich ganz froh, jemanden zu haben, mit dem ich mich wirklich verstehe.

          Das Problem ist also nicht das System der Anzeigenplattformen, es sind vielmehr die Menschen, die sich herausnehmen, übergriffig zu handeln. Und dass wir, genau wie die Portale, es irgendwie auch normal finden, dass sie es tun.

          Eine letzte Frage bleibt: Wie zum Teufel sollte man reagieren? Nichts sagen kommt nicht infrage, es gibt so viele Situationen, in denen man still bleiben muss. Wenn der Mann neben mir in der leeren U-Bahn Anzüglichkeiten von sich gibt, dann ist es vielleicht eine Frage von körperlicher Unversehrtheit nichts zu erwidern, sondern so schnell wie möglich auszusteigen. Aber in Onlineportalen habe ich die gleiche Macht wie Horst, Michael und Konsorten. Die Macht, etwas zu sagen oder sie zu melden. Oder auch tatsächlich Anzeige zu erstatten.

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