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Nur wenige weibliche Start-ups : Wo sind Deutschlands Gründerinnen?

Eine junge Frau arbeitet an ihrem Laptop. Bild: Picture-Alliance

Eine neue Studie zeigt, wie deutlich Gründerinnen hierzulande gegenüber ihren männlichen Kollegen abgehängt sind. Dadurch entgeht der Wirtschaft enormes Potential.

          3 Min.

          Frauen sind in der deutschen Gründer-Szene weiterhin deutlich unterrepräsentiert. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group (BCG), die der F.A.Z. exklusiv vorliegt. Demnach wurden nur 4 Prozent der seit dem Jahr 2008 aus der Taufe gehobenen Start-ups von Frauen gegründet. Nur bei 10 Prozent war zumindest eine Frau an der Gründung beteiligt. Demgegenüber stehen 86 Prozent rein männliche Start-ups. „Ich habe zwar mit einer entsprechenden Grundtendenz gerechnet, aber dass das Ergebnis so extrem ausfallen würde, das hat mich dann doch überrascht“, sagt Studienautorin Katharina Hefter, Partnerin im Berliner BCG-Büro und verantwortlich für die Initiative „Women@BCG“ in Deutschland.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Schlucken lässt auch eine weitere Zahl, die BCG in den Raum stellt: Bei der aktuellen Geschwindigkeit, mit der Frauen unter die Gründerinnen gehen, werde es noch bis zum Jahr 2139 dauern, bis Parität zwischen den Geschlechtern herrsche. „Diese Zeit haben wir nicht“, sagt Hefter. Deutschland könne es sich nicht leisten, auf 50 Prozent seiner Arbeitskraft zu verzichten, in einer Welt, in der immer mehr Innovationen nötig seien. „Wir brauchen mehr Gründerinnen, dafür gibt es eine wirtschaftliche Notwendigkeit“, sagt Hefter.

          Zu wenig Frauen unter den Entscheidern

          In die gleiche Kerbe schlägt eine weitere Studie, die BCG Ende Juli veröffentlicht hat: Demnach könnte die globale Wirtschaft um 3 bis 6 Prozent oder fünf Billionen Dollar (rund 4,5 Billionen Euro) wachsen, würden Frauen zu gleichen Teilen wie Männer als Unternehmerinnen am Wirtschaftsgeschehen teilnehmen. Deutschland allein entgehe eine Summe von bis zu 150 Milliarden Euro, heißt es auf Anfrage der F.A.Z. Doch die Zahl der Gründerinnen ist in den vergangenen Jahren nur sehr langsam gestiegen. Im aktuellen „Female Founders Monitor“ des Bundesverband Deutsche Start-ups ist sogar von einer Stagnation die Rede, wobei generell ein rückläufiger Trend zu beobachten sei nach einem Gründungs-Hoch zu Beginn der Zweitausender Jahre. „Hier steckt so viel ungenutztes Potential“, sagt Hefter.

          Für die jüngste Studie hat BCG mehr als 15.000 deutsche, französische und britische Start-ups mit mehr als 27.500 Gründern untersucht. Dabei zeigte sich auch, dass Deutschland in Sachen Diversität seiner Start-up-Szene hinter Frankreich und Großbritannien zurückliegt, wenn auch nur leicht. Im Nachbarland Frankreich wurden 5 Prozent der Start-ups von Frauen gründet, im Vereinigten Königreich waren es immerhin 8 Prozent.

          Die Studienautoren blickten zudem auf die Finanzierung der Start-ups und fanden heraus, dass Gründerinnen in Deutschland 25 Prozent weniger Kapital von großen Investoren erhalten als ihre männliche Konkurrenz und es um 18 Prozent weniger wahrscheinlich für sie ist, überhaupt an eine Finanzspritze zu gelangen. Dabei werde es von Finanzierungsrunde zu Finanzierungsrunde schwieriger: In der dritten Runde (Series B), in der es um große Finanzierungsvolumen geht, bestehe für Gründerinnen eine um 90 Prozent schlechtere Chance als für Männer, eine Investition zu ergattern. Im Durchschnitt erhielten weiblich geführte Start-ups 3,1 mal weniger Kapital als Start-ups in männlicher Hand (zum Vergleich: In Großbritannien sind es 1,3 und in Frankreich 2,5 mal weniger) und würden in der Anfangsphase 16,4 mal niedriger bewertet.

          Auch wenn die Studie in erster Linie Zahlen präsentiert und nicht auf Ursachenforschung geht, wird die Unterfinanzierung deutscher Gründerinnen unter anderem damit begründet, dass auch unter den Risikokapitalgebern Frauen eine Seltenheit sind. Nur einer der drei größten deutschen Investitionsfonds habe demnach eine Frau in seinem obersten Entscheidungsgremium. „Dort, wo die Entscheidungen getroffen werden, für welche Start-ups Geld ausgegeben wird, sind ebenfalls die Männer dominierend“, sagt Hefter. Das führe dazu, dass männliche Gründer bevorzugt würden. Hefter schlägt deshalb vor, den Auswahlprozess zu überprüfen. „Männer geben Männern Geld – diesen Mechanismus müssen wir durchbrechen.“

          Kein reines Frauenthema

          Denn Start-ups schneiden unter weiblicher Führung keinesfalls schlechter ab, im Gegenteil. Im Jahr 2018 fand BCG heraus, dass Frauen mit ihren Start-ups im Durchschnitt erfolgreicher sind als Männer und aus jedem investierten Euro mehr als doppelt so viel herausholen. Dabei orientieren sich Gründerinnen laut dem „Female Founders Monitor“ häufiger an gesellschaftlichen Problemstellungen und achten stärker auf die Profitabilität ihrer Unternehmens als auf ein kapitalintensives, schnelles Wachstum.

          Und dennoch – oder gerade deshalb? – haben Frauen mit Gründungsambitionen immer noch mit zahlreichen Vorurteilen zu kämpfen und stoßen auf Strukturen, die sie, gewollt oder ungewollt, benachteiligen. So schreiben Katja von der Bey und Cornelia Klaus von der Bundesweiten Gründerinnenagentur im „Female Founders Monitor“, dass etwa die deutsche Sozialversicherungs- und Steuergesetzgebung immer noch auf den männlichen Familienernährer zugeschnitten sei und viele Investoren Glaubwürdigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Erfahrung und Wissen von Gründerinnen allein deshalb in Frage stellten, weil sie Frauen seien. Das bestätigt eine Studie aus Schweden aus dem Jahr 2017, wonach Frauen bei inhaltlich vergleichbaren Projekten wesentlich häufiger Attribute wie Naivität zugeschrieben werden als Männern, was ihre Chancen in Finanzierungsrunden enorm senkt.

          Nicht zuletzt fehlten Frauen hierzulande auch geeignete Rollenvorbilder aus der Gründerwelt, sagt Hefter. „Ich glaube aber, dass sich das ändern lässt – dass sich das ändern muss.“ Einen Hebel sieht die Beraterin in dem Aufbau von Netzwerken für Gründerinnen – rät aber auch dazu, kein reines Frauenthema daraus zu machen, sondern Männer einzubinden und die Vorteile gemischter Teams nicht außer acht zu lassen. 

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