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Arbeiterschaft : Sie fühlen sich verraten und verkauft

  • -Aktualisiert am

Der Arbeiter wird weiter gebraucht, fühlt sich aber politisch schlecht repräsentiert Bild: Rainer Weisflog

In der politischen Rhetorik spielt der Arbeiter nur noch als Wutbürger eine Rolle. Doch welches politische Bewusstsein hat die Arbeiterschaft selbst?

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          Der Arbeiter ist vergessen. Wer sich die Mühe macht, in Bundestagsreden oder Tageszeitungen nach dem Wort zu suchen, wird sein Verschwinden aus den öffentlichen Debatten sogar me­trisch nachweisen können. Aber ist das mehr als das sprachliche Korrelat zur stetigen Marginalisierung des Arbeiters in der Wirtschafts- und Sozialstruktur der deutschen Gesellschaft? Ist der Arbeiter mit seinem Anteil von noch rund dreizehn Prozent der Erwerbstätigen nicht vielmehr immer noch politisch präsent, nur eben jetzt unter Labels wie prekär Beschäftigter, Angehöriger des Niedriglohnsektors oder Modernisierungsverlierer? Hat die politische Stilllegung des unlösbaren Klassenkonflikts in der kapitalistischen Marktordnung tatsächlich zu einer Marginalisierung auch des politischen Bewusstseins der Arbeiterschaft geführt?

          Der Arbeiter steht unter dem Verdacht, das falsche Bewusstsein zu haben. Insbesondere männliche Facharbeiter im produzierenden Gewerbe seien in einer Vielzahl von Studien als zentrale Wählergruppe der radikalen Rechten identifiziert worden. Dieses Bild einer zunehmend abdriftenden Arbeiterschaft gelte es zumindest zu „differenzieren“. Das jedenfalls ist der Anspruch der jüngsten soziologischen Studie zur „Gesellschaftskritik“. Die beiden Autoren, Linda Beck und Linus Westheuser, schreiben im „Berliner Journal für Soziologie“ (2022, 32), der Kern dieser Arbeiterkritik liege in einem „Unrechtsbewusstsein“, das negativ durch den Bezug auf Übertretungen impliziter Erwartungen und Moralökonomien geprägt sei. Der Arbeiter fühle sich gesellschaftspolitisch verraten und moralisch betrogen.

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