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Stellenportale : Netzwerke – nein, danke

  • -Aktualisiert am

Braucht man Jobportale, um Karriere zu machen? Bild: F.A.S.

Xing, Linkedin und Co. halten die einen bei der Stellensuche für unerlässlich, die anderen für überschätzt und sogar verzichtbar. Welche Seite hat recht?

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          Wer auf Google nach Sandra Hack sucht, der findet eine Heilpraktikerin, eine Marketingmanagerin und eine Finanzexpertin – nicht aber die 31 Jahre alte Vertriebsmitarbeiterin aus Hilden. Abgesehen von Whatsapp verzichtet sie komplett auf soziale Medien. Ihr Facebook-Profil hat sie vor rund zwei Jahren gelöscht. „Ich hatte keine Lust mehr, ständig online zu sein, und habe angefangen, mich mit dem Thema Datenschutz zu beschäftigen“, erzählt Hack. Sie wollte nicht, dass ihre Daten irgendwo im Netz herumschwirren. Darum hat sie sich auch gegen Karriereportale wie Xing und Linkedin entschieden. „Mit dieser Meinung stehe ich unter meinen Kollegen aber ziemlich allein da“, sagt sie.

          Mehr als 14 Millionen Deutsche sind laut Unternehmensangaben auf Xing registriert, auf Linkedin sind es rund 13 Millionen. Diese Masse machen sich auch Personalmanager zunutze. Etwa 20 Prozent der Unternehmen, die nach geeigneten Kandidaten für offene Stellen suchen, schauen sich in Karrierenetzwerken um. In der IT-Branche suchen sogar rund 39 Prozent der Unternehmen auf Xing und Co., zeigt die aktuelle Studie „Social Recruiting und Active Sourcing“ der Universitäten Bamberg und Erlangen-Nürnberg im Auftrag des Karriereportals Monster. Die Wissenschaftler haben sich hierfür die 1000 größten deutschen Unternehmen und die 300 größten IT-Unternehmen in Deutschland angeschaut.

          Lieber gar kein Profil als ein schlechtes

          Das Studienergebnis ist für Sandra Hack trotzdem kein Grund, sich in Karrierenetzwerken anzumelden: „Ich habe nicht das Gefühl, dass mir Jobmöglichkeiten entgehen“, sagt sie. Wenn sie nach einer Stelle sucht, schaut sie auf Stellenportalen, in die Tageszeitung oder verlässt sich auf Stellenangebote, die sie von Familie und Freunden aufschnappt. Diese Strategie geht nicht nur bei ihr auf: Auf Platz 1 der erfolgreichsten Recruiting-Kanäle stehen laut Studie Internet-Stellenbörsen. Mehr als 35 Prozent aller Neueinstellungen gehen auf sie zurück. Danach folgen Unternehmenswebsites, Mitarbeiterempfehlungen, Printmedien und die Arbeitsagentur. Die Suche über Karrierenetzwerke führt demnach nur in 4,2 Prozent der Fälle zu Neueinstellungen.

          Für Corinna Sponer-Kessinger sind Xing und Co. trotzdem unerlässlich. Sie ist Beraterin bei dem auf Außenwirkung und Karriereberatung spezialisierten Unternehmen von Rundstedt und sagt: „Wer auf keinem der Portale registriert ist, verspielt die Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen.“ Ist jemand auf Xing oder Linkedin angemeldet, kann er Recruitern signalisieren, dass er auf Jobsuche ist – Chef und Kollegen müssen es noch nicht einmal mitbekommen. Wer Führungskraft oder international tätig ist, sollte zum Vernetzen hauptsächlich Linkedin nutzen, sagt Sponer-Kessinger. Xing-Mitglieder hingegen stammen zum Großteil aus Deutschland, wie Zahlen des Portals zeigen. Wer sich ein Profil auf einem der beiden Portale erstellt, ist damit auch leicht bei Google zu finden. Die Seiten landen meist weit oben in der Trefferliste.

          Das machen sich Personalabteilungen zunutze: „Bevor ein Unternehmen zum Bewerbungsgespräch einlädt, suchen sie im Netz nach dem Gegenüber“, sagt Karriereberaterin Sponer-Kessinger. „Haben sie das Profil des Bewerbers gefunden, gleichen Personaler möglicherweise den eingesendeten Lebenslauf mit dem auf dem Jobportal ab.“ Denn nicht jeder ist immer ehrlich. In der Social-Recruiting-Studie gaben mehr als ein Fünftel der Befragten aus der Generation Z – also alle, die seit 1996 geboren wurden – an, für das eigene Online-Profil schon mal falsche Angaben veröffentlicht zu haben. Rund 38 Prozent haben Anforderungen aus Stellenanzeigen einfach kopiert und als eigene Qualifikationen angegeben, um wie der perfekte Kandidat zu wirken. Gibt es Unterschiede zwischen Online- und Offline-Lebenslauf, wirft das Fragen auf. Das gilt aber auch, wenn Unternehmen überhaupt keinen Eintrag im Internet finden: „Wenn Personaler nach einem Bewerber suchen und gar nichts finden, wirkt das auch komisch. Es könnte den Anschein erwecken, als wäre der Bewerber kein guter Netzwerker“, sagt Sponer-Kessinger.

          Vertrieblerin Sandra Hack hatte noch keine Probleme wegen ihrer Social-Media-Abstinenz. „Mich hat bisher niemand im Bewerbungsgespräch gefragt, warum ich nicht auf Xing oder Linkedin bin“, sagt sie. Für sie ist es auch nicht wichtig, online zahlreiche Kontakte mit ihrem Profil zu sammeln. „Wenn ich auf Karriere aus wäre oder in einer leitenden Position, käme ich um solche Karriereportale wohl nicht herum. Aber solange ich nur in meiner jetzigen Position einer Angestellten bin, sehe ich keinen Grund, mich anzumelden.“ Sponer-Kessinger sieht das anders. Für sie gibt es keine Branche oder Position, die nicht von einem Profil und einem digitalen Netzwerk profitiert. „Selbst Personen, die in der Buchhaltung arbeiten, können interessante Stellenangebote entgehen, wenn sie sich gar nicht für solche Portale interessieren.“ Der ganze Aufwand bringe aber nur etwas, wenn Nutzer ihre Profile auch pflegen. Ein schönes Foto, der volle Name und ein aktueller Lebenslauf mit den wichtigsten beruflichen Stationen müssten es schon sein, sagt sie. Ansonsten gelte: Lieber gar kein Profil als ein schlechtes.

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