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Berufliche Kontakte : Netzwerken in der Nische

  • -Aktualisiert am

Wegen Corona muss auf den persönlichen Händedruck verzichtet werden. Netzwerken lässt sich trotzdem gut übers Internet. Bild: dpa

Geschäftliche und berufliche Kontakte lassen sich nicht nur auf Xing oder Linkedin knüpfen. Es gibt auch Netzwerke die Minderheiten oder eine spezielle Berufsgruppe verbinden.

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          Ständig aktualisieren, was man erreicht hat, Nachrichten beantworten, Komplimente verteilen – sich aktiv in sozialen Netzwerken und auf Karriereplattformen darzustellen kann ziemlich anstrengend und zeitaufwendig sein. Trotzdem gibt es immer mehr Netzwerkplattformen und in der Corona-Zeit mit eingeschränkten persönlichen Kontakten sind sie zum Teil die einzige noch funktionierende Möglichkeit. Unter den Netzwerken sind auch sehr spezialisierte, die statt der breiten Masse bloß eine Nischen-Zielgruppe erreichen wollen. Hier sollen die Nutzer vom Teilen von Fachwissen profitieren und gemeinsame Erfahrungen austauschen.

          Eine dieser Nischenplattformen ist Proudr, ein Business- und Karrierenetzwerk, das sich speziell an Menschen aus der LGBT-Gemeinschaft richtet, also an lesbische, schwule, bi- oder transsexuelle Personen. Sie erfahren auf dem Arbeitsmarkt laut einer Studie der Boston Consulting Group (BCG) noch häufig Diskriminierung, gut zwei Drittel der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verschweigen ihre sexuelle Orientierung darum am Arbeitsplatz. Ob der Arbeitgeber offen für diverse sexuelle Orientierungen ist, ist für diese Menschen bei der Wahl des Arbeitsplatzes laut der Studie das wichtigste Kriterium. Um das herauszufinden, ist Austausch nötig, zum Beispiel auf Plattformen wie Proudr. Stuart Cameron, Geschäftsführer und Gründer der Uhlala Group, zu der Proudr, gehört, ist überzeugt davon, dass die Mitglieder von seiner Nischenplattform profitieren. Sie könnten sich gut in die Lage der anderen Plattformnutzer hineinversetzen und sich dadurch gegenseitig besser unterstützen als auf einer allgemeinen Plattform, sagt er. Man könne das gut mit Frauen-Netzwerken vergleichen, von denen viele während des Berufslebens auf ähnliche Herausforderungen stießen. So machten auch Menschen aus der LGBT-Gemeinschaft oft ähnliche Erfahrungen, und das sorge für einen hochwertigeren Austausch. Cameron glaubt dabei nicht, dass sein Netzwerk andere Plattformen ersetzen kann, sondern sieht es als Ergänzung.

          Netzwerk für Software-Entwickler

          Unter deutschen Arbeitnehmern ist das ständige Kontakteknüpfen eigentlich gar nicht so beliebt: Nach einer Studie des Meinungsforschungsinstituts One Poll und des Büromittelherstellers Viking aus dem vergangenen Jahr halten zwar 70 Prozent Networking für wichtig, gleichzeitig verzichten zwei Drittel auf aktives Netzwerken. Alexander Wolf unterrichtet Netzwerken an verschiedenen Universitäten und bei Weiterbildungen. Für ihn ist die Art von Netzwerkbildung, die bei solchen Studien abgefragt werde, aber eher zweitrangig. Deutsche würden eben nicht das betreiben, was landläufig unter dem amerikanischen Konzept des „Networking“ verstanden werde, sondern stattdessen in langfristige Beziehungen investieren. Darin seien sie sehr gut. Das zentrale Spannungsfeld beim Netzwerken sieht Wolf zwischen Tiefe und Breite. „Ich halte nichts von Breite“, sagt er. Statt in Quantität solle man besser in Qualität investieren. „Ein Netzwerk funktioniert nur dann, wenn es Vertrauen und eine Beziehung gibt. Kontakte allein bringen gar nichts.“ Darum sind für Wolf spezialisierte Netzwerk-Plattformen die bessere Alternative zu großen „Alleskönnern“.

          Stefan Schwarzgruber, verantwortlich für die Plattform Stack Overflow in der DACH-Region, setzt für seine Plattform ein ehrgeiziges Ziel: Das Netzwerk soll auf der ganzen Welt jeden Software-Entwickler und jede Entwicklerin erreichen. Allein in Deutschland hat die Seite ungefähr zwei Millionen Aufrufe je Monat. Seit 2008 gibt es die Plattform, die sich speziell an IT-Spezialisten richtet. Ihr Herzstück ist keine klassische Networking-Oberfläche, sondern eine riesige Wissenssammlung aus Fragen und Antworten, denn am meisten wird Stack Overflow genutzt, um bei Programmierproblemen die Community um Unterstützung zu bitten. Das eigene Karrierenetzwerk ist eher ein nettes Zusatzelement, aber Schwarzgruber ist sicher, dass es ein wichtiges ist. „Wir kennen Softwareentwickler sehr gut“, sagt er. Im Vergleich zu allgemeiner gehaltenen Karrierenetzwerken, wisse Stack Overflow besser, auf welche Informationen Informatiker in einer Stellenausschreibung achteten. Entwickler interessierten zum Beispiel die Programmiersprache, die ein Unternehmen verwendet, und die Art von Lösungsansätzen, die genutzt werden. Aus einer herkömmlichen Stellenanzeige gehe das aber häufig nicht hervor, aus den Gesuchen auf Stack Overflow schon. Die dortige Karrieredatenbank bietet auch Potential für Unternehmen. Sie haben die Möglichkeit, an Menschen heranzutreten, die genau die Fähigkeiten mitbringen, die sie benötigen, da ein Profil auf der Plattform wesentlich detaillierter sei als ein normaler Lebenslauf.

          Die Corona-Krise sorgt nun dafür, dass Networking zurzeit ausschließlich online abläuft. Netzwerkexperte Wolf findet das problematisch. Sich offline zu treffen, sei normalerweise Voraussetzung, um Beziehungen gut zu pflegen. Cameron von Proudr und Schwarzgruber von Stack Overflow sind optimistischer, beide verzeichnen wachsendes Interesse an ihren Angeboten. Schwarzgruber beobachtet eine steigende Nutzung durch Entwickler. „Unternehmen dagegen reagieren sehr durchwachsen und teilweise zögerlich“, sagt er. Cameron ist noch zuversichtlicher. Zwar kann sein Unternehmen nun Offline-Events, wie die Uhlala Group sie zum Beispiel in Form von „Business Breakfasts“ anbot, nicht mehr durchführen, dafür seien die virtuellen Alternativen sehr beliebt. Die Internetversion des Frühstücks bringe sogar noch mehr Teilnehmer zusammen als vorher die persönlichen Treffen. „Ich glaube, weil die Community schon da ist, funktioniert das auch online.“

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