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Oval Office als Spielwiese: Präsident John F. Kennedy rgiert, während sein Sohn unter dem Schreibtisch hervorlugt Bild: Bettmann Archive

Heimarbeitsplatz : Im Weißen Haus ist der Teufel los

Das Oval Office ist das berühmteste Homeoffice der Welt. In ihrem Büro spielen Amerikas Präsidenten seit jeher ihre Macht aus – im Guten wie im Schlechten.

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          Gewöhnlich wird in einem Homeoffice nichts anderes gemacht als gearbeitet. Telefonieren, schreiben, rechnen, Präsentationen vorbereiten, das alltägliche Pensum eben. Das alles ist nichts im Vergleich dazu, was am wohl größten und berühmtesten Heimarbeitsplatz der Welt passiert. Dort in Washington werden nicht nur Akten studiert und Dokumente unterzeichnet, sondern Liebesaffären begonnen, Intrigen gesponnen, Kriege vorbereitet und andere Entscheidungen getroffen, die dazu angetan sind, die Welt zu verändern. Im Oval Office ist immer was los, mitunter sogar der Teufel.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Donald Trump ist der zwanzigste Präsident der Vereinigten Staaten, der im Oval Office arbeitet, seit der Raum 1902 von Theodore Roosevelt im Westflügel des Weißen Hauses zunächst provisorisch eingerichtet wurde. Um vom Schlafzimmer ins ovale Büro zu kommen, muss der Präsident beinahe 100 Meter zurücklegen. Zwingend nötig ist der Fußweg nicht, hat der Regierungschef doch ein Arbeitszimmer auf der Wohnetage des Weißen Hauses. Im sogenannten Treaty Room kann er in aller Stille arbeiten

          Eine Bühne für verdiente Bürger

          Das Oval Office, das in der Längsachse 10,90 Meter und in der Querachse 8,80 Meter misst und 5,60 Meter hohe Decken hat, dient eher Repräsentationszwecken. Deswegen dürfen nicht nur Staatsgäste hinein, sondern von Zeit zu Zeit auch Amerikaner, die Besonderes geleistet haben oder einfach nur berühmt sind wie jüngst die Trump-Besucherin Kim Kardashian. Das Oval Office, schreibt der von Trump entlassene FBI-Chef James Comey in seinem jüngst erschienenen Buch „Größer als das Amt“, sei ein Büro, „das in der Geschichte meines Landes quasi als heiliger Boden gilt“.

          Im Grunde ist das berühmteste Büro gar kein echtes Büro. Es ist vor allem eine Bühne, auf der sich der Präsident mächtig inszeniert. Sobald er gewählt ist, darf er das Büro nach seinem Gutdünken einrichten: Er tauscht Tapeten und Teppich seines Vorgängers aus, wechselt Mobiliar und Kunstgegenstände. Als George W. Bush regierte, hingen Gemälde mit Cowboys und texanischen Landschaften an den Wänden. Trump ließ ein Porträt von Andrew Jackson aufhängen, jenem Präsidenten aus dem 19. Jahrhundert, der Eliten misstraute und die Welt unterteilte in Gleichgesinnte und Feinde.

          So spiegelt das Oval Office stets das Selbstverständnis und die Persönlichkeit des jeweiligen Präsidenten. John F. Kennedy hat seine Kinder Caroline und John Jr. im Oval Office spielen und tanzen lassen und damit die Herzen seiner Landsleute gewonnen. Dass Kennedy ein paar Meter weiter Marilyn Monroe zum Techtelmechtel empfing, das gehört ebenso zur Geschichte präsidialer Heimarbeit wie die zehn sexuellen Kontakte, die Bill Clinton mit der Praktikantin Monica Lewinsky hatte. Übrigens taten es die beiden nie im Büro, weshalb die damalige Bezeichnung „Oral Office“ strenggenommen falsch ist.

          Der verstorbene Journalist Klaus Harprecht, erster ZDF-Korrespondent in Washington und später Redenschreiber für Bundeskanzler Willy Brandt, erkannte im Oval Office „die einfache Würde gelebter Geschichte: keiner, die sich majestätisch mit Pomp und Glorie vom Volk entfernt, sondern einer Geschichte, die ihre Energie aus der Offenheit und mitunter aus der guten Gewöhnlichkeit zieht“. Ein halbes Jahrhundert später erscheint Harprechts Hommage etwas verklärt. Schließlich ist der aktuelle Präsident dem Pomp und Protz sehr zugeneigt.

          Flaggenparade hinter dem Schreibtisch

          Trumps Hang zur kitschigen Übersteigerung ist schon dokumentiert auf Fotos seiner Gemächer und seiner Firmenzentrale im New Yorker Trump Tower, wo Blattgold und Plüsch allgegenwärtig sind. Und sein Hang offenbart sich auch daran, wie der 45. Präsident das Oval Office eingerichtet hat. So wie Trump politisch alles tut, um Entscheidungen seines Vorgängers abzuräumen, so hat er auch von Barack Obama angeschaffte, moderne Möbelstücke aussortiert und sie durch Sachen mit Schnörkeln ersetzt.

          Am auffälligsten aber sind die vielen Fahnen, die sich Trump ins Oval Office stellen ließ. Begnügten sich seine Vorgänger stets mit zwei Fahnen, nämlich der amerikanischen Nationalflagge Stars und Stripes und der blauen Präsidentenflagge mit dem Weißkopfseeadler als Wappentier, so steht nun ein gutes Dutzend im Oval Office: vor allem Kampffahnen sämtlicher amerikanischer Militäreinheiten. Diese Flaggenparade entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Hat Trump doch nie im Leben Militärdienst geleistet, weil er während des Vietnamkriegs angeblich an einem Fersensporn litt.

          Teppiche, Couchtische, Fahnen sowie Kunstgegenstände mögen alle vier oder acht Jahre kommen und gehen wie die Präsidenten. Doch ein Prachtstück hat so gut wie jeden Regierungswechsel seit 1880 überlebt: der Schreibtisch. „Resolute Desk“ heißt er, ist aus dem Holz des Expeditionsschiffs „Resolute“ gefertigt und ein Geschenk der englischen Königin Victoria an den Präsidenten Rutherford Hayes. Nur drei Amtsinhaber haben seither auf den Schreibtisch verzichtet. Am lässigsten ging Obama mit dem Tisch um, bei Besprechungen nutzte er ihn als Sitzgelegenheit, um locker die Beine herabbaumeln zu lassen.

          Was für ein Bürotyp ist der Präsident?

          Aufschlussreich ist vor allem, wie es auf dem Schreibtisch aussieht. Am Zustand seiner Aufgeräumtheit kann man erkennen, was für ein Bürotyp der jeweilige Präsident ist: So sah der Resolute Desk beim vormaligen Armee-General Dwight D. Eisenhower stets ordentlich aus. Mehr als das Amtssiegel, ein Familienfoto und ein Dokument, das nach der Bearbeitung unverzüglich durch das nächste Dossier ausgetauscht wurde, waren bei Eisenhower nicht zu finden. Das zeugte von militärischer Disziplin.

          Wesentlich öfter regierte die Unordnung, war der Tisch übersät von allerlei Papierkram. Auch Trump stapelt hoch und ist stolz darauf. „Schauen Sie sich meinen Schreibtisch an“, sagte er kürzlich in einem Interview mit seinem Lieblingssender Fox News, „noch nie gab es einen Präsidenten mit so vielen Unterlagen auf dem Tisch.“ Diese Behauptung ist, um Trumps liebsten Kampfbegriff zu benutzen, Fake News.

          Denn Fotos und Augenzeugenberichte beweisen, dass viele seiner Vorgänger noch mehr herumstehen und -liegen hatten. Franklin D. Roosevelt konnte am Schreibtisch kaum arbeiten, weil er ihn mit lauter Krimskrams vollgestellt hatte: mit einem riesigen Aschenbecher, mit vielen kleinen Kunstgegenständen, die er von anderen Staatsmännern geschenkt bekam, und einigen aus Elfenbein geschnitzten Eseln, dem Symboltier der Demokratischen Partei, die an Besucher verteilt wurden. Auch Kennedy liebte das Durcheinander, übersäte seinen Schreibtisch mit Akten, Büchern, Zeitungen und den neuesten Nachrichten aus dem Ticker.

          Ein Oval Office für Hollywood

          Bei Trump dient die Hochstapelei als Beleg dafür, dass er imstande ist, viele Sachen gleichzeitig zu erledigen. „Mein Schreibtisch ist ein wichtiger Teil meines Erfolgs“, sagte Trump, als er noch Immobilienunternehmer war: Tolle Dealmaker wie er hätten immer „eine Menge Dokumente auf ihrem Tisch liegen“. Umso irritierender sind manche Fotos, auf denen Trumps Schreibtisch im Oval Office leer und unbenutzt erscheint.

          So einzigartig das Oval Office ist – realitätsnahe Imitationen gibt es eine Menge. Hollywoods Filmindustrie ist geradezu besessen davon, Filme und Serien aus dem Innenleben des Präsidentensitzes zu produzieren. Wie oft das Oval Office nachgebaut und in Szene gesetzt wurde, lässt sich kaum ermitteln. Es ging 1933 los mit dem Streifen „Gabriel over the White House“, und die laufenden Netflix-Serien „Designated Survivor“ und „House of Cards“ werden nicht das Ende markieren. Sicher ist, dass der Nachbau des Oval Office aus „House of Cards“ nicht an einem repräsentativen Ort wie der Pennsylvania Avenue 1600 in Washington steht. Sondern im Industriegebiet von Joppa, etwas mehr als eine Autostunde nördlich der Hauptstadt gelegen. Dort sind die Steuern niedriger.

          Designer und Drehbuchautoren verbringen viel Zeit damit, das berühmteste Büro detailgetreu und doch spektakulär zu inszenieren. Was sich aber seit 100 Jahren im Washingtoner Homeoffice wirklich abspielt, lässt so manche Hollywood-Erfindung fast fad erscheinen. Eleanor Roosevelt ging mit einer Freundin ins Bett, während ihr Mann Franklin nebenan regierte. Hillary Clinton warf ihrem notorisch untreuen Gatten Bill angeblich Aktenordner hinterher. Das Weiße Haus war schon oft ein Tollhaus.

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