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Coaching-Boom : Beratung für alle Lebenslagen?

  • -Aktualisiert am

Wo liegen die Grenzen des seriösen Coachings? Bild: Thilo Rothacker

Coaching ist ein Wachstumsmarkt, der nicht nur ins Büro expandiert. Kritiker warnen vor Scharlatanerie. Wie also den Richtigen finden?

          3 Min.

          Die große Liebe entpuppt sich als bloße Affäre. Nachdem die betroffene Projektentwicklerin endlich einen Schlussstrich ziehen konnte, macht sie die schmerzhafte Erfahrung zu Geld und sich als Beziehungscoach selbständig. Die Inhaberin eines Friseursalons wiederum leiht ihren Kundinnen beim Waschen, Schneiden, Föhnen jahrelang gratis ein Ohr. Sie beschließt, das als freiberuflicher Coach zu professionalisieren. Und eine Personalreferentin pilgert allein durch Norwegen. Ein besonderes Erlebnis und eine Grenzerfahrung, die sie als Existenzgründerin und „Outdoor Natur Coach“ weitergibt.

          Drei kleine, keinesfalls konstruierte Beispiele für einen großen Trend: Coaching ist ein Wachstumsmarkt, von dem viele ein Stück abhaben möchten. Als Michael Stephan das Thema vor 15 Jahren aufgriff, ging es dem Wirtschaftswissenschaftler darum, Transparenz in einen undurchsichtigen Markt zu bringen. „Das Grundpro­blem ist, dass der Begriff nicht geschützt ist und es keine festgelegten Zulassungsvoraussetzungen gibt“, sagt der Professor für Technologie- und Innovationsmanagement an der Universität Marburg. 2009 hat er die erste Marburger Coaching-Studie mit herausgegeben. Sie unterscheidet zwischen Business Coaching im beruflichen und Life Coaching im privaten Bereich.

          Ist das digitale Coaching noch Coaching?

          An der Unterscheidung hält das Marburger Marktforschungsteam auch in seiner nunmehr fünften Studie fest. „Der Life- Coaching-Markt ist schwerer zu greifen“, sagt Stephan und spricht von Wildwuchs: „Koch-Coaching oder Horoskop-Coaching, da gibt es nichts, was es nicht gibt – selbst für ihre Haustiere können Interessierte ein Angebot buchen.“ Der Ökonom betont aber auch, dass die Trennlinie keineswegs scharf sei und es unprofessionelle Angebote auf beiden Seiten gebe. Allerdings sei die Kontrolle im Business Coaching durch die Personalabteilungen größer, und es hätten sich inzwischen Qualitätsstandards etabliert. „Aber da ist noch Luft nach oben.“

          Die fünfte Marburger Coaching-Studie will zur Professionalisierung der Branche beitragen. Eigentlich sei sie schon im vergangenen Jahr fällig gewesen, erzählt Stephan. Aber dann kam Corona: „Es war klar, dass sich das Setting stark verändern wird.“ Die Pandemie habe das Coaching digitalisiert und Onlineformate durchgesetzt. „Der Coach kann sich auch per Video mit dem Klienten zusammenschalten, aber das erfordert methodische Kenntnisse.“ Der Digitalisierungsschub habe aber auch Plattformen gestärkt, die Angebot und Nachfrage per Algorithmus zusammenbringen und bis hin zur Zahlungsabwicklung und zum Feedback digitale Hilfestellungen bieten. „Aber viele dieser Formate bieten kein Coaching im Sinne einer Prozessbegleitung, reflexiv und über einen längeren Zeitraum.“ Sondern Coaching mit Ratschlag in 60 Minuten: „Und ob das noch Coaching ist, ist die Frage“, fügt Stephan hinzu.

          „Methoden sind nur Hilfsmittel, sie stehen nicht im Vordergrund“

          Logisch, dass die professionellen Verbände diese Frage verneinen und sich gegen den inflationären Sprachgebrauch wehren. „Auf dem Hundeplatz wird gecoacht, beim Friseur oder im Fitnessstudio. Das meinen wir aber alles nicht“, sagt Paul Fortmeier, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Supervision und Coaching (DGSv). Bis 2016 hatte der nach eigenen Angaben größte europäische Berufsverband für berufliches Coaching den Begriff gar nicht im Titel: „Immer mehr unserer Mitglieder wurden als Coaches angefragt“, erklärt Fortmeier. Supervision ist für den Diplom-Theologen die Beratung in sozialen Einrichtungen, Coaching das Pendant in Wirtschaftsunternehmen.

          Coaching gehört heutzutage nicht nur zum Büroalltag.
          Coaching gehört heutzutage nicht nur zum Büroalltag. : Bild: Getty

          Was beide Angebote aus Sicht der DGSv verbinden sollte: erstens eine Qualifizierung durch eine standardisierte Weiterbildung, zweitens ein reflexiver Beratungsprozess, der mit einer ausführlichen Startanalyse beginnt, Ziele schriftlich fixiert und am Ende evaluiert. „Ein Coach muss über die Reichweite seiner Möglichkeiten Bescheid wissen“, betont Fortmeier. Das schließe Selbstreflexion, Methodenvielfalt sowie Ergebnisoffenheit, aber auch Zielorientierung ein. „Man kann auch damit scheitern, es ist ein dialogischer Prozess.“ Coachings, die vorgeben, durch den Einsatz eines bestimmten Tools Erfolge automatisieren zu können, seien Scharlatanerie. „Methoden sind nur Hilfsmittel, sie stehen nicht im Vordergrund“, sagt er.

          Auf Qualifizierung achten und kritisch bleiben

          Die richtigen Coaches zu finden ist gar nicht so einfach, nicht mal im Business Coaching. Zum einen, weil man die Ausbildungen kaufen kann: „Wer 20.000 Euro ausgibt, bekommt sein Zertifikat“, weiß Michael Stephan. Zum anderen, weil auch die Verbandszugehörigkeit kein Qualitätskriterium sei – dafür sind mehr als 20 Coaching-Verbände einfach zu viele. „Bisweilen dient die Gründung eines neuen Verbandes mehr dem eigenen Marketing als der Professionalisierung der Szene“, sagt Fortmeier.

          Braucht der Markt also eine Regulierung? Darüber streiten sich die Experten. Insbesondere der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) sieht die Entwicklung kritisch. „Coaching ist keine Wohlfühlveranstaltung, sondern adressiert Themen, die für einen selbst problematisch sind“, sagt Fredi Lang, Referent für Bildungspolitik. Ohne vertieftes psychologisches Wissen bleibe die Beratung aber an der Oberfläche, bestätige oft nur die Vorannahmen der Klienten und erreiche darunter liegende Probleme nicht. „Psychologische Grundkompetenzen sind mit 400 oder 500 Stunden Ausbildung nicht gewährleistet, ein Psychologiestudium hat 9000 Stunden“, sagt Lang. Die Marburger Coaching-Studie hat die ökonomisch erfolgreichsten Anbieter untersucht. Demnach bringt ein guter Business Coach Führungserfahrung, Branchenkenntnisse und ein abgeschlossenes Hochschulstudium mit. Auch beim Life Coaching sollten Interessenten auf Qualifizierung achten und bei rein autodidaktischen Angeboten kritisch bleiben, mahnt Michael Stephan.

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