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EU-Austritt : Oxford, der Brexit und Berlin

  • -Aktualisiert am

Wird der Brexit Oxford am Ende ganz schön alt aussehen lassen? Bild: dpa

Was bedeutet der Brexit für eine der Top-Unis der Welt? Eine Spurensuche unter Studenten und Forschern.

          6 Min.

          An wenigen Orten im Vereinigten Königreich gibt es mehr europäische Einwanderer an einem Ort als in Oxford. 16 Prozent der Studierenden dort kommen aus anderen EU-Mitgliedsländern, bei den Doktoranden sind es je nach Fakultät sogar bis zu 30 Prozent. Umso härter trifft der bevorstehende EU-Austritt des Vereinigten Königreichs diejenigen, die in Oxford leben und arbeiten. Eine von ihnen ist Ana Rodriguez.

          Die Spanierin kam vor fünf Jahren nach Großbritannien, als in ihrer Heimat wegen der Wirtschaftskrise der Arbeitsmarkt zusammenbrach. Seitdem lebt sie in Reading, einige Kilometer südlich von Oxford, und arbeitet in Oxfords Bibliothek für moderne Fremdsprachen. Ihr Freund Carlos, ebenfalls Spanier, ist Krankenpfleger, ein Berufsfeld, in dem der Anteil an europäischen Einwanderern, insbesondere aus Italien und Spanien, besonders hoch ist. Großbritannien haben die beiden nicht zufällig ausgewählt. Der britische National Health Service warb in Spanien aktiv um Arbeitskräfte, um dem Fachkräftemangel in seinen Krankenhäusern entgegenzuwirken.

          Heute hat sich Rodriguez’ Bild von Großbritannien stark verändert: Auch wenn der Brexit nach wie vor nicht vollzogen sei, fühle sie sich in dem Land nicht mehr willkommen. Vor dem Referendum war sie sich sicher, dass die Briten gegen einen Austritt stimmen würden. Seitdem hat sie – wie fast alle ihrer europäischen Freunde – rassistische Anfeindungen in der Öffentlichkeit erlebt. Dass sie noch lange in Großbritannien bleiben wird, glaubt sie nicht.

          Krankenhäuser kämpfen mit Fachkräftemangel

          Die Universität setze sich zwar stark für ihre europäischen Angestellten ein, doch angesichts der Ablehnung aus der breiteren Bevölkerung fühle sie sich nicht mehr willkommen. Viele ihrer Kollegen aus EU-Ländern sind seit dem Referendum auf den Kontinent zurückgekehrt. Einige italienische Kollegen, berichtet sie, haben sich auf die britische Staatsbürgerschaft beworben.

          Das kostet jeden von ihnen 1300 Pfund, umgerechnet etwa 1460 Euro – für niedrig bezahlte Bibliothekare viel Geld. Doch ihr Vertrauen in die britische Regierung sei so gering, dass sie lieber bezahlten, um ihre Rechte zu sichern. Auf die Versprechen der Regierung, alle Rechte der EU-Bürger im Land würden gewahrt, gibt Ana Rodriguez wenig. Ihrer Meinung nach hätte das automatisch passieren müssen. Tatsächlich müssen sich EU-Bürger aber auf einen neuen Aufenthaltsstatus bewerben und nachweisen, wie lange sie schon im Land sind. Längere Auslandsaufenthalte lassen den Rechtsanspruch verfallen.

          Im Gesundheitssektor hat der Brexit sich schon jetzt negativ bemerkbar gemacht: Die Uni-Krankenhäuser in Oxford haben mit extremem Fachkräftemangel zu kämpfen. Im März waren dort 13 Prozent der Stellen für Krankenpfleger unbesetzt. Mehr als ein Fünftel der Krankenpfleger in Oxford sind Einwanderer aus EU-Ländern, doch der Anteil der Neuankömmlinge fällt seit dem Referendum. Und die Zahl derjenigen wächst, die angesichts der unsicheren Rechtslage im Vereinigten Königreich in ihre Heimatländer zurückkehren.

          Erasmus-Teilnahme vor Aus?

          Auf die Bewerberzahlen der Studierenden hat sich der Brexit bisher hingegen noch nicht sehr stark ausgewirkt. Die Anzahl der Bewerbungen aus EU-Mitgliedsstaaten ist in Oxford im vergangenen Jahr sogar um 4 Prozent gestiegen. Doch die gravierendsten Auswirkungen für europäische Bewerber stehen noch aus. Wer in diesem oder im nächsten Jahr ein Studium in Großbritannien aufnimmt, profitiert noch von der Gleichbehandlung mit britischen Kommilitonen. Anders als die meisten Ausländer müssen EU-Bürger keine höheren Studiengebühren bezahlen. Für Bachelorstudiengänge liegt der Regelsatz derzeit bei 9250 Pfund (etwa 10.500 Euro) im Jahr, Nicht-EU-Ausländer zahlen hingegen zwischen 24.750 und 34 678 Pfund.

          Oxfords Chefstratege für den Brexit, Alastair Buchan, glaubt, dass spätestens dann die Bewerberzahlen stark abnehmen werden, wenn dieser erhöhte Satz für europäische Studenten gilt. Vorerst ist das zumindest bis ins Jahr 2021 aufgeschoben. Für die Zeit danach bemüht sich Oxford zwar um die Finanzierung neuer Stipendien. Aber die Universitätsleitung geht nicht davon aus, dass die Mittel ausreichen werden, um den Unterschied auszugleichen.

          Auch ob britische Universitäten weiter am Erasmus-Programm der europäischen Universitäten teilnehmen können, ist nach wie vor ungewiss. Falls nicht, will Oxford selbst Auslandssemester seiner Studierenden finanziell unterstützen. Aber die Lücke, die die Universität schließen müsste, ist groß. Etwa 16.000 britische Studierende gehen jedes Jahr über Erasmus ins Ausland, etwa 30.000 kommen von dort ins Vereinigte Königreich.

          Gravierende Folgen für die Forschung

          Auch für die Forschung an der nach manchen Ranglisten besten Universität der Welt könnte der Brexit gravierende Folgen haben. Im akademischen Jahr 2017/18 erhielt Oxford 78 Millionen Pfund Forschungsförderung von der EU. Der bevorstehende Austritt mache sich schon jetzt bemerkbar, erzählt Anthony Ashmore. Er forscht und lehrt in Oxford als Postdoktorand in theoretischer Physik, Fachgebiet Stringtheorie.

          Seine befristete Stelle läuft bald aus, für das kommende Jahr hat er eines der prestigeträchtigen Marie-Curie-Stipendien der Europäischen Union gewonnen, die ihm einen zweijährigen Forschungsaufenthalt in den Vereinigten Staaten finanzieren würde. Ob er das Geld tatsächlich bekommt, ist aber unklar, solange es kein Austrittsabkommen gibt – denn Ashmore ist Engländer. Wie er müssen auch viele andere junge Wissenschaftler in Großbritannien zurzeit ihren nächsten Karriereschritt in völliger Unsicherheit planen. Und nicht nur Stipendien für Einzelpersonen sind betroffen.

          Die wichtigste Quelle für Forschungsgelder in seinem Feld ist der Europäische Forschungsrat (ERC). Unter Anthony Ashmores Kollegen gilt der ERC als letzter Geldgeber, der rein nach Forschungsexzellenz entscheidet. Die britische Regierung habe sich aus langfristiger Grundlagenforschung, die sich nicht direkt ökonomisch verwerten lässt, völlig zurückgezogen, sagt er. Die Regierung habe zwar angekündigt, alle bestehenden ERC-Mittel gleichwertig zu ersetzen, doch die Zukunft sei ungewiss.

          „Aus Großbritannien kamen immer viele ERC-Bewerbungen“

          Dazu kommt: ERC-Mittel gewinnen nicht die Universitäten, sondern die Forscher selbst. Wissenschaftler, die ein millionenschweres mehrjähriges Forschungsbudget des ERC gewonnen haben, sei in der Vergangenheit oft an die renommierten britischen Universitäten gekommen – und hätten dieses Geld mitgebracht. Doch in Oxford merkt man schon jetzt: Diese hochbegehrten Leute schauen sich lieber auf dem Kontinent um, wo sie die besten Arbeitsbedingungen aushandeln können. Die Zahl neuer ERC-Mittel in Oxford sei schon jetzt quasi null. Dass davon die EU-Hochschulen profitieren werden, bezweifelt Ashmore allerdings: „Aus Großbritannien kamen immer besonders viele ERC-Bewerbungen“, sagt er. „Wenn die wegfallen, wird die EU wegen geringerer Nachfrage das Forschungsbudget im nächsten Haushalt kürzen. Für die Wissenschaft ist der Brexit nirgendwo gut.“

          Wie Oxford weiterhin die besten Wissenschaftler anziehen wolle, sei völlig offen. Dass Briten die Lücke schließen können, glaubt Ashmore nicht: „Wir stellen keine europäischen Doktoranden ein, weil wir so gerne Französisch im Gemeinschaftsraum hören. Das sind einfach die besten Leute“, sagt er. Das sehr strenge britische Einwanderungsrecht erschwere den Zugang für Ausländer umso mehr. Ein Arbeitsvisum muss in Großbritannien der Arbeitgeber unterstützen und hohe Gebühren von fast 1500 Pfund bezahlen.

          Für Ashmores aktuelle Stelle in Oxford wäre die Universität dazu nicht bereit gewesen, es konnten sich also von vornherein nur Briten und – bisher noch – EU-Bürger bewerben. Brexit-Stratege Alastair Buchan berichtet, dass nach Jahren des starken Wachstums der Anteil der Mitarbeiter aus EU-Ländern seit dem Referendum stagniere. Dass er wohl bald fallen werde, sei nur eine Frage der Zeit.

          Berlin im Fokus

          Eine zentrale Rolle in Oxfords Brexit-Strategie spielt Berlin. Schon Ende des Jahres 2017 beschlossen Oxford und vier Berliner Institutionen – die Freie Universität, die Humboldt-Universität, die Technische Universität und die Charité – eine strategische Partnerschaft. Die Wahl sei auf Berlin gefallen, auch wegen des föderalen Systems in Deutschland, in dem Bildung Ländersache ist, erklärt Buchan. Die Bundesregierung oder die Regierungen anderer EU-Staaten hätten vermutlich gezögert und auf die laufenden Verhandlungen in Brüssel verwiesen, glaubt er.

          Die Berliner Landesregierung sei hingegen von Anfang an sehr interessiert an einer Partnerschaft gewesen. Außerdem sei in Berlin Forschung in englischer Sprache verbreiteter als beispielsweise in Paris. Den deutschen Universitäten kann Oxford etwas bieten, das auch nach dem Brexit erhalten bleibt, glaubt Buchan: Zugang zur sogenannten „Anglosphäre“, dem englischsprachigen Wissenschaftsraum, zu dem auch die Vereinigten Staaten gehören.

          200.000 Euro für gemeinsame Workshops und 450.000 Euro für Forschungsprojekte sind bisher von den fünf Institutionen bereitgestellt worden. Für weitere 300.000 Euro läuft eine Ausschreibung. So sollen Kollaborationen entstehen und Netzwerke zwischen Forschern gebildet werden. Aufbauend auf dieser Anschubfinanzierung sollen sich die transnationalen Forscherteams dann auf Fördermittel des ERC, aber auch zum Beispiel der Deutschen Forschungsgemeinschaft bewerben können. Weil mindestens eine EU-Universität beteiligt ist, hätten die Partner Zugriff auf EU-Gelder, sofern die Forschung innerhalb der EU stattfindet.

          „Diese Schritte hätten wir schon 1945 einleiten sollen.“

          Oxford hat in Berlin eine Tochtergesellschaft eröffnet, die seine Doktoranden und Studierenden dabei unterstützen soll, Forschungsaufenthalte in Berlin zu organisieren. Auch der Berliner Senat will in Oxford ein „Berliner Haus“ eröffnen. Die Berliner Partnerschaft ist das erste von mehreren geplanten Abkommen mit europäischen Hochschulen, weitere sollen folgen, stecken aber noch in der Planungsphase. Andere britische Universitäten folgen dem Oxforder Beispiel, Cambridge kooperiert zum Beispiel mit der Münchner LMU.

          Alastair Buchan hält den Brexit zwar für katastrophal für die Universitäten, doch die Schritte, die nun eingeleitet werden, seien auch unabhängig vom EU-Austritt richtig. Die Universitäten hätten sich zu lange darauf ausgeruht, in einem gemeinsamen Markt innerhalb der EU operieren zu können: „Wir begreifen uns endlich als das, was wir schon längst sind – als globale Institutionen, die unabhängig von Ländergrenzen zusammenarbeiten“, sagt er. „Diese Schritte hätten wir schon 1945 einleiten sollen.“

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