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EU-Austritt : Oxford, der Brexit und Berlin

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Oxfords Chefstratege für den Brexit, Alastair Buchan, glaubt, dass spätestens dann die Bewerberzahlen stark abnehmen werden, wenn dieser erhöhte Satz für europäische Studenten gilt. Vorerst ist das zumindest bis ins Jahr 2021 aufgeschoben. Für die Zeit danach bemüht sich Oxford zwar um die Finanzierung neuer Stipendien. Aber die Universitätsleitung geht nicht davon aus, dass die Mittel ausreichen werden, um den Unterschied auszugleichen.

Auch ob britische Universitäten weiter am Erasmus-Programm der europäischen Universitäten teilnehmen können, ist nach wie vor ungewiss. Falls nicht, will Oxford selbst Auslandssemester seiner Studierenden finanziell unterstützen. Aber die Lücke, die die Universität schließen müsste, ist groß. Etwa 16.000 britische Studierende gehen jedes Jahr über Erasmus ins Ausland, etwa 30.000 kommen von dort ins Vereinigte Königreich.

Gravierende Folgen für die Forschung

Auch für die Forschung an der nach manchen Ranglisten besten Universität der Welt könnte der Brexit gravierende Folgen haben. Im akademischen Jahr 2017/18 erhielt Oxford 78 Millionen Pfund Forschungsförderung von der EU. Der bevorstehende Austritt mache sich schon jetzt bemerkbar, erzählt Anthony Ashmore. Er forscht und lehrt in Oxford als Postdoktorand in theoretischer Physik, Fachgebiet Stringtheorie.

Seine befristete Stelle läuft bald aus, für das kommende Jahr hat er eines der prestigeträchtigen Marie-Curie-Stipendien der Europäischen Union gewonnen, die ihm einen zweijährigen Forschungsaufenthalt in den Vereinigten Staaten finanzieren würde. Ob er das Geld tatsächlich bekommt, ist aber unklar, solange es kein Austrittsabkommen gibt – denn Ashmore ist Engländer. Wie er müssen auch viele andere junge Wissenschaftler in Großbritannien zurzeit ihren nächsten Karriereschritt in völliger Unsicherheit planen. Und nicht nur Stipendien für Einzelpersonen sind betroffen.

Die wichtigste Quelle für Forschungsgelder in seinem Feld ist der Europäische Forschungsrat (ERC). Unter Anthony Ashmores Kollegen gilt der ERC als letzter Geldgeber, der rein nach Forschungsexzellenz entscheidet. Die britische Regierung habe sich aus langfristiger Grundlagenforschung, die sich nicht direkt ökonomisch verwerten lässt, völlig zurückgezogen, sagt er. Die Regierung habe zwar angekündigt, alle bestehenden ERC-Mittel gleichwertig zu ersetzen, doch die Zukunft sei ungewiss.

„Aus Großbritannien kamen immer viele ERC-Bewerbungen“

Dazu kommt: ERC-Mittel gewinnen nicht die Universitäten, sondern die Forscher selbst. Wissenschaftler, die ein millionenschweres mehrjähriges Forschungsbudget des ERC gewonnen haben, sei in der Vergangenheit oft an die renommierten britischen Universitäten gekommen – und hätten dieses Geld mitgebracht. Doch in Oxford merkt man schon jetzt: Diese hochbegehrten Leute schauen sich lieber auf dem Kontinent um, wo sie die besten Arbeitsbedingungen aushandeln können. Die Zahl neuer ERC-Mittel in Oxford sei schon jetzt quasi null. Dass davon die EU-Hochschulen profitieren werden, bezweifelt Ashmore allerdings: „Aus Großbritannien kamen immer besonders viele ERC-Bewerbungen“, sagt er. „Wenn die wegfallen, wird die EU wegen geringerer Nachfrage das Forschungsbudget im nächsten Haushalt kürzen. Für die Wissenschaft ist der Brexit nirgendwo gut.“

Wie Oxford weiterhin die besten Wissenschaftler anziehen wolle, sei völlig offen. Dass Briten die Lücke schließen können, glaubt Ashmore nicht: „Wir stellen keine europäischen Doktoranden ein, weil wir so gerne Französisch im Gemeinschaftsraum hören. Das sind einfach die besten Leute“, sagt er. Das sehr strenge britische Einwanderungsrecht erschwere den Zugang für Ausländer umso mehr. Ein Arbeitsvisum muss in Großbritannien der Arbeitgeber unterstützen und hohe Gebühren von fast 1500 Pfund bezahlen.

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