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Kritische Infrastruktur : Bildungseinrichtungen zur kritischen Infrastruktur zählen

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Mindestens ein Drittel der Schüler hat unter den Schulschließungen erkennbar gelitten. Bild: dpa

Pädagogische, psychologische, volkswirtschaftliche und juristische Argumente sprechen dafür, das Bildungswesen als kritische Infrastruktur zu betrachten.

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          Durch die Coronavirus-Pandemie ist das Bildungswesen in Deutschland auf eine harte Bewährungsprobe gestellt worden. Die Situation in Kindertagesstätten und Schulen hat in den vergangenen Monaten für erheblichen Unmut und Verärgerung gesorgt. Inzwischen ist die Situation emotional stark aufgeladen. Proteste von Schülern, Eltern, Lehrern und Fachverbänden nehmen zu. Vor allem die für das Krisenmanagement im Bildungswesen zuständigen Kultusminister sind heftiger, teilweise sehr persönlicher Kritik ausgesetzt. Bloße Schuldzuweisungen helfen jedoch nicht weiter. Vor diesem Hintergrund wird aktuell diskutiert, ob das Bildungswesen in Deutschland – ebenso wie zum Beispiel die Energieversorgung und das Gesundheitswesen – als eine „Kritische Infrastruktur“ betrachtet werden sollte. Diese Frage ist berechtigt, aber keineswegs so einfach zu beantworten, wie es auf den ersten Blick scheint.

          Weit mehr als 200 Studien greifen inzwischen die Bedeutung des Bildungswesens im Pandemiekontext auf. Bezieht man sämtliche Mitglieder der Schulgemeinden und ihre Angehörigen ein, ist etwa die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland direkt oder indirekt von Funktionseinschränkungen in Kindertagesstätten, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen betroffen. Sowohl Heranwachsende als auch Lehrkräfte sind dabei als besonders vulnerable Gruppen hervorzuheben. Eindringlich wird auf die entwicklungspsychologisch bedingte Anfälligkeit von Kindern und Jugendlichen für psychische beziehungsweise gesundheitliche Krisenfolgen hingewiesen: Mindestens ein Drittel der Schüler hat unter den Schulschließungen erkennbar gelitten und muss man als stark oder sogar sehr stark belastet betrachten.

          Funktionseinschränkungen im Bildungswesen – Schulschließungen, Unterrichtsausfälle und auch Distanzunterricht – gefährden erwiesenermaßen Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit. Die Zusammenarbeit von Schulen mit außerschulischen Partnern (Unternehmen, Vereinen, Jugendhilfeeinrichtungen und vieles andere mehr) wird beeinträchtigt, wenn kein regulärer Schulalltag stattfinden kann. Die „Frühwarn- und Wächterfunktion“ von Schule, das heißt das rasche Erkennen und Reagieren auf problematische Entwicklungsverläufe und mögliche Kindeswohlgefährdungen, ist ebenfalls an physische Präsenz geknüpft. Und nicht wenige Kinder erhalten in ihrer Schule die einzige warme und geregelte Mahlzeit am Tag.

          Kosten in Billionenhöhe

          Hinzu kommt, dass durch Unterrichtsausfälle einmal Versäumtes eben nicht ohne Weiteres nachgeholt werden kann. Bestimmte Lern- und Entwicklungsaufgaben finden idealerweise in spezifischen Zeitfenstern statt. Sind diese erst einmal geschlossen, ist der spätere Kompensationsaufwand oft hoch.

          Bildungsökonomen weisen auf die volkswirtschaftliche Relevanz eines funktionierenden Bildungswesens hin: Allein der Unterrichtsausfall während des ersten Lockdowns im Jahre 2020 könnte zu einer durchschnittlichen Verminderung des Lebenserwerbseinkommens der heutigen Schüler zwischen 13.500 und 30.000 Euro geführt haben. Die eingeschränkte Funktionsfähigkeit des Bildungswesens in der Pandemie hat mutmaßlich Kosten in Billionenhöhe verursacht.

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